Wo auch Erwachsene noch fürs Leben lernen

In Uganda unterrichtet Josephine Alum viel mehr als nur das Alphabet. Neben Buchstaben und Zahlen stehen in dem von Misereor unterstützten Projekt des Bistums Kotido auch Hygiene und Feldfrüchte auf dem Programm.


Josephine Alum unterrichtet in Uganda viel mehr als nur das Alphabet

Josephine Alum ist Lehrerin. Dass sie sich mit ihrer Klasse meist im Schatten eines großen Baumes trifft, ist in ihrer Heimat im heißen Nordost-Uganda dabei weit weniger ungewöhnlich als die Schülerinnen und Schüler, die zu ihren Füßen im Gras sitzen. Josephine Alum unterrichtet Erwachsene, viele Frauen und ein paar Männer, die mit 40 oder 50 Jahren erstmals in ihrem Leben zur Schule gehen. Auf eine kleine Tafel lässt sie mit Kreide kurze Worte schreiben – und wer etwas richtig gemacht hat, bekommt von der Klasse Applaus. Doch Buchstaben und Zahlen sind nur die Basis für den besonderen Unterricht, zu dem Alum im Auftrag des Bistums Kotido zweimal pro Woche für je rund zwei Stunden unter den großen Baum lädt – die Basis für sehr lebenspraktische Dinge: für eine bessere Gesundheit, für eine gesündere Ernährung und für neue Möglichkeiten, Geld zu verdienen. Über dieses besondere Alphabetisierungsprojekt berichtet Alum derzeit auf Einladung des katholischen Hilfswerks Misereor bei vielen Gesprächen und Veranstaltungen in Deutschland. Misereor unterstützt Alums Erwachsenen-Unterricht und stellt das Projekt in seiner diesjährigen Fastenaktion als ein Engagement im Beispielland Uganda dar.

Bis vor einigen Jahren sei die Welt in der ländlich strukturierten Gegend nahe der kenianischen Grenze einigermaßen gut organisiert gewesen, erzählt Alum: Die Männer kümmerten sich ums Vieh und sind auf der Suche nach Wasser und Weiden monatelang unterwegs, während die Frauen zuhause das Alltagsleben der großen Familien organisieren. Doch dann gab es Streit mit Nachbarvölkern, Auseinandersetzungen mit Waffengewalt, Tote und Verwundete. Heute lebt es sich in den Dörfern rund um die kleine Provinzhauptstadt Kotido wieder einigermaßen friedlich – doch weil viele Familien in den Unruhen ihre Herden verloren haben, sind die meisten Halbnomaden in der Region sesshaft geworden. „Heute sitzen die Männer meist den ganzen Tag unterm Baum und tun nichts“, beschreibt es Alum – während Haus, Hof und Kinder weiter Aufgabe der Frauen sind. Und jetzt eben auch noch der Schulunterricht.

„Wir haben die Stunden extra auf die Nachmittage gelegt, vorher hätten die Frauen gar keine Zeit“, sagt die Lehrerin. Doch trotz der zusätzlichen Belastungen kann sich Alum nicht über mangelnde Teilnahme und Motivation ihrer Klasse beklagen. Es hat sich wohl herumgesprochen, dass man bei Josephine Alum nicht für die Schule, sondern vor allem fürs Leben lernt. „Letztens habe ich die Hausaufgabe aufgegeben, eine Toilette zu bauen“, erzählt Alum. Natürlich erst, nachdem zuvor intensiv das Konzept eines stabilen und sauberen Plumpsklos samt fester Wände, Dach gegen Regen und Sonne und einem Wasserkanister zum Händewaschen besprochen wurde. „Jetzt haben 68 Familien bei uns neue Toiletten“, erzählt Alum nicht ohne Stolz. Die Kanister mit Seifenwasser und das neue Wissen ihrer Schüler über die Gefahr von Krankheitserregern seien erfolgreiche Maßnahmen gegen die weit verbreiteten Durchfall-Erkrankungen in der Gegend.

Doch gute Toiletten machen noch nicht satt. Deshalb lernen Alums Schüler in eigens angelegten Gärten nicht nur, welche Alternativen es zum weit verbreiteten Anbau von Sorghum (einer Hirse-Art) gibt. Sie erfahren auch, wie Zwiebeln, Karotten, Kohl und anderes Gemüse gepflanzt, bewässert und später geerntet wird. „Was die Familien dann nicht selbst verbrauchen können sie auf dem Markt von Kotido verkaufen“, sagt Alum. Dort müssen die Verkäuferinnen – auch das ist Aufgabe der Frauen – nach dem langen Fußmarsch in die Stadt meist zumindest nicht lange warten, bis ihnen die Kundschaft die kulinarischen Alternativen zum Sorghum abkauft. „So verdienen sich unsere Familien sogar ein bisschen Geld dazu“, freut sich die Lehrerin. Und spätestens das überzeugt dann auch den ein oder anderen Mann: Nach und nach wächst ihr Anteil in der Klasse – auch wenn die Herren den Damen an der Tafel und bei anderen Aufgaben im Unterricht noch gern den Vortritt lassen. Für die Dorf-Gesellschaft hat Alums Erwachsenen-Unterricht noch einen weiteren positiven Effekt: „Die Familien erkennen jetzt den Wert der Bildung“, sagt die Lehrerin. „Immer mehr Familien schicken jetzt auch ihre Kinder zur Schule.“

Aber jetzt, wo Josephine durch Deutschland tourt – haben die Schüler jetzt Ferien? „Nein, nein“, sagt die Lehrerin: „Ich habe ihnen Aufgaben gegeben. Bald ist Regenzeit, da müssen unsere Äcker vorbereitet werden. Und dann wird gesät.“ Um bald auf dem Markt in Kotido hoffentlich wieder Geld zu verdienen. (tr)

Stichwort: Misereor

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