Wenn Tee mit Milch zum Luxus wird

10.000 im Ausland arbeitende Kenianer kehren jeden Monat nach Hause zurück, weil sie ihren Job verloren haben. Die Zahl der Menschen, die von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben müssen, steigt dramatisch. Die Weltwirtschaftskrise ist nun auch in Afrika angekommen.

George Ouma aus Nairobi liebt Guinness. Bis vor wenigen Monaten gönnte sich der 31-Jährige ein, vielleicht zwei Mal im Monat den Luxus, mit einer Flasche irischen Dunkelbiers das Ende einer harten Woche zu feiern. Das ist vorbei. Der Guinness-Preis stieg um ein Drittel, und George Ouma stieg aus. Luxus hat jetzt einen anderen Namen: Milch. Die kauft seine Frau statt wie vorher im 500-ml-Tetra-Pack für umgerechnet 38 Euro-Cent nun pro Tasse für 10 Cent. Doch selbst bei dieser Sparmaßnahme bleibt der Tee im Hause Ouma an vielen Tagen im Monat schwarz.

George Ouma arbeitet in der kenianischen Hauptstadt in einer Werbeagentur als Bote und hilft, da er ein paar Computerkurse besucht hat, hin und wieder beim Erstellen von Websites aus. Sein Monatsgehalt beträgt 80 Euro - seit Jahren. Wegen der gestiegenen Benzinpreise muss er inzwischen ein Viertel davon für den Bus zur Arbeit ausgeben. Mit Frau, Schwester und zwei Kindern lebt er in einem Raum am Stadtrand, der 25 Euro kostet. Kam vor einem Jahr noch drei Mal die Woche Fleisch auf den Tisch, passiert das heute höchstens noch ein Mal. Auch Maismehl, das tägliche Familienessen in Kenia, ist um ein Drittel teurer geworden. "Wir essen weniger frisches Gemüse. Getrocknete Bohnen und Linsen sind billiger und halten länger", sagt George. "Das ist nicht gesund für die Kinder, aber wir haben keine Wahl."

Es hat etwas länger gedauert, bis die Weltwirtschaftskrise Afrika traf - doch nun ist sie da. In Kenia sind die Einkünfte aus dem Blumenexport, einem der wichtigsten Handelsgüter des Landes, um 35 Prozent eingebrochen. Auch die anderen Exportschlager Tee und Kaffee sind auf dem Weltmarkt weniger gefragt. 2008 besuchten lediglich 500.000 Touristen das ostafrikanische Urlaubsland; 2007 waren es noch zwei Millionen. Nur teilweise ist das wohl auf die Unruhen nach den Wahlen im Dezember 2007 zurückzuführen. Die Krise trifft die Hotelangestellten hart: Jeder von ihnen versorgt im Schnitt zehn Familienmitglieder.

Viele afrikanische Länder erfreuten sich in den vergangenen Jahren eines robusten Wirtschaftswachstums. Doch die Lebensmittel- und Ölkrisen von 2007 und 2008, die der globalen Wirtschaftskrise vorausgingen, beschleunigten die Inflationsrate und dämpften die Wachstumsaussichten. Weltbank und Internationaler Währungsfonds erwarten einem gemeinsamen Bericht zufolge für 2009 eine Verlangsamung des Wachstums in Afrika südlich der Sahara auf 1,7 Prozent. 2008 betrug es noch 5,5 Prozent. Um die Millenniumsentwicklungsziele bis 2015 noch erreichen zu können, müsste das Wirtschaftswachstum in Afrika sieben Prozent betragen, schätzen UN-Organisationen. Und die Weltbank geht davon aus, dass in diesem Jahr 55 bis 90 Millionen Menschen mehr als vor der Krise erwartet von weniger als 1,25 Dollar pro Tag leben müssen.

Auch wenn die Krise in den reichen Ländern begonnen habe, so der Bericht, treffe sie die Entwicklungsländer durch gemeinsamen Handel und Finanzmärkte hart. Afrika ist vom Export von Rohmaterial abhängig, und dessen Preise fallen. Steigende Kosten für Grundnahrungsmittel, Benzin und Energie stürzen die Armen, die sich bislang irgendwie durchschlugen, in noch größere Verzweiflung. Kinder bleiben der Schule fern, damit vom Schulgeld Lebensmittel gekauft werden können.

Afrikaner, die in Europa oder Nordamerika arbeiten und regelmäßig Geld in die Heimat überwiesen haben, verlieren selbst Arbeitsplätze und schicken weniger Geld. Etwa 10.000 Kenianer kehren monatlich nach Hause zurück. Die Herkunftsländer verlieren damit eine Finanzspritze, die zuvor in vielen Ländern höher war als Entwicklungsgelder und Investitionen. Zusätzlich erfüllen Geberländer finanzielle Zusagen nicht. Afrika war vorher schon arm - die Krise hat die Situation weiter verschärft.

George Ouma steht nun öfter früher auf, um die 50 Cent für den Bus zu sparen und zur Arbeit zu laufen. Vielleicht hat er dann am nächsten Morgen Zucker in seinem Tee. Von einem Guinness muss er weiter träumen. (Anja Bengelstorff / KNA)

Pressestelle Bistum Essen

Zwölfling 16
45127 Essen

0201/2204-266

0201/2204-507

presse@bistum-essen.de

Presse