Weltgebetstag der Frauen - ein Interview

Am ersten Freitag im März findet traditionell der "Weltgebetstag der Frauen" statt. Was genau sich niter der ökumenischen Initiative verbirgt fragten wir zwei engagierte Frauen.

Initiative „Weltgebetstag der Frauen“ – Fragen an Irmentraud Kobusch, im kfd – Diözesanverband Essen verantwortlich für den Weltgebetstag und Mitglied im Deutschen Weltgebetstagskomitee, und an Eva-Maria Ranft, Pfarrerin und Frauenbeauftragte im Evangelischen Kirchenkreis Bochum und Mitbegründerin der „Ökumenischen Initiative Weltgebetstag“

1. „Weltgebetstag der Frauen“ – was genau versteckt sich dahinter?

Eva-Maria Ranft:
Weltgebetstag der Frauen – das ist zuerst einmal der erste Freitag im März eines jeden Jahres, an dem sich Frauen – und Männer - auf der ganzen Welt versammeln und zusammen Gottesdienst feiern. Sie lesen dieselben Bibeltexte, singen dieselben Lieder und beten gemeinsam für dieselben Anliegen. Dem Lauf der Sonne folgend beginnen die Menschen im Osten mit ihren Gottesdiensten und überziehen die ganze Erde an diesem Tag mit ihren Gebeten und Liedern. Jedes Jahr laden Frauen aus einem anderen Land der Welt ein, indem sie den Gottesdienst für die Menschen in aller Welt vorbereiten. Sie lassen die Welt teilhaben an ihrer Kultur und ihrem Glauben, ihren Sorgen und Freuden.
Weltgebetstag der Frauen, das ist aber auch internationale Verbundenheit und Solidarität der Frauen weltweit. Spenden und Kollekten fördern Entwicklungsprojekte, die Frauen stark machen. Solche Projekte gibt es überall auf der Welt, auch vor der eigenen Haustür in Deutschland.

Irmentraud Kobusch:
Das Motto des Weltgebetstags (WGT) „Informiert beten – betend handeln“ beschreibt genau  diese Verknüpfung von Gebet und weltweiter Solidarität. Frauen knüpfen ein Band des Hinhörens  und Hinsehens, des Kennenlernens und Verstehens über die Schranken von Kontinenten, Kulturen  und Religionen hinweg. Frauen erzählen von ihrem Glauben und ihrem Leben, ihren Lebenserfahrungen und ihren Erfahrungen mit Gott. So lernen sie von einander: wie sie leben, wie sie essen und musizieren,  wie sie beten, wie sie Gottesdienst feiern, wie sie mitwirken an der Gestaltung ihrer Gesellschaft. Der WGT ist also eine spirituelle Bewegung und gleichzeitig in gewisser Weise ein politischer Lernort. In  Deutschland ist er darüber hinaus durch seine Projektarbeit eine wichtige Partnerin der Entwicklungszusammenarbeit.
Diese Verknüpfung von Beten und Handeln, von Glauben und Leben, von Gottesdienst und entwicklungspolitischem Engagement macht das Besondere und Einmalige der Weltgebetstagsbewegung aus.


2. Seit über 60 Jahren machen sich Frauen füreinander stark. Wie hat sich die Arbeit und die Initiative im Laufe der Jahrzehnte verändert? Was sind heute ihre Ziele?

Eva-Maria Ranft:
Weltweit wurde der Weltgebetstag sogar schon früher gefeiert, die Wurzeln liegen Ende des 19. Jahrhunderts. Heute ist es die weltweit größte ökumenische Basisbewegung von Frauen, in über 170 Ländern der Erde wird dieser Tag gefeiert. Die deutschen Frauen schlossen sich dieser Bewegung nach dem 2. Weltkrieg an, also vor ca. 60 Jahren. Viele Frauen empfanden es damals als ein Symbol der Versöhnung, dass sie von den christlichen Frauen der Welt in ihre Gemeinschaft aufgenommen wurden.
Informiertes Beten und solidarisches Handeln – das ist über die Jahre das Motto des Weltgebetstages der Frauen geblieben. Dieses Motto muss natürlich immer wieder neu in veränderte Lebenssituationen übersetzt werden. So hat der Weltgebetstag aus Südkorea 1997 die Welt aufmerksam gemacht auf das Problem der sogenannten Trostfrauen, koreanischen Frauen, die während des Krieges vom japanischen Militär zur Prostitution gezwungen wurden. Der Weltgebetstag aus Polen 2005 hat noch einmal sehr konkret herausgefordert, unsere deutsch-polnische Geschichte und Nachbarschaft neu zu bedenken. Ganz aktuell bietet der Weltgebetstag, der in diesem Jahr aus Chile kommt, die Chance, die Opfer des verheerenden Erdbebens in diesem Land zu unterstützen.

Irmentraud Kobusch:
Mit der Frage „Wieviele Brote habt ihr?“, die sie schon vor dem Erdbeben stellten,  fordern die Frauen aus Chile dazu heraus, Ungleichheit und Ungerechtigkeit beim Namen zu nennen und das Teilen als Zeichen von Solidarität und Hoffnung zu verstehen. „Dass es in dieser Welt Hunger gibt, ist eine Schande“, werden wir zusammen mit ihnen in diesem Jahr am 1. Freitag im März bekennen.
Und damit ist eine grundsätzliche Herausforderung gemeint. Armut in der Einen Welt hat ein weibliches Gesicht. Mehr als 70 % der Menschen, die weltweit in extremer Armut leben müssen, sind Frauen.
Mit seiner Projektarbeit versucht das Deutsche Weltgebetstagskomitee in den letzten Jahren deutlich und profiliert, die Lebensbedingungen von Frauen zu verbessern.
Gefördert werden vor allem Partnerorganisationen und Projekte, gerade auch kleine Basis-Projekte, die von Frauen selbstverantwortlich durchgeführt werden, Einkommen und ökologisch verantwortete Ernährungssicherheit schaffen, Frauen zu selbständigem Handeln ermutigen und ihre Stellung in Kirche und Gesellschaft stärken. Auf die strukturelle Benachteiligung von Mädchen und Frauen antwortet die WGT-Projektarbeit mit einem verstärkten Eintreten für das politische und sozioökonomische Empowerment von Frauen.  Wenn man so will, ist die Projektarbeit und damit der WGT „politischer“ und „emanzipatorischer“ geworden. Um dies sichtbar zu machen, verknüpfen manche Frauengruppen den Weltgebetstag mit einer politischen Aktion, z.B. gegen Nahrungsmittelexporte oder Altkleiderexporte, die die Lebensgrundlage einheimischer Frauen zerstören, zum Schutz des Regenwaldes, zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen von Saisonarbeiterinnen.


3. Frauen aus dem Ruhrbistum beteiligen aktiv am Weltgebetstag. Wie sieht dieses Engagement aus, gibt es Beziehungen, die über den Tag hinaus gewachsen sind?

Irmentraud Kobusch:
Seit etwa 60 Jahren gibt es in den Evangelischen Kirchen in unserer Region Gottesdienste zum Weltgebetstag und Studientage zur Vorbereitung auf den Weltgebetstag. Für die Evangelische Frauenarbeit war und ist der Weltgebetstag ein wichtiger und bedeutungsvoller Bestandteil ihrer Arbeit. Die katholischen Frauen des Ruhrbistums sind erst im Laufe der Jahre hinzu gekommen, meistens seit Beginn der 70 er Jahre, ermutigt durch das 2. Vatikanische Konzil.
Seitdem hat sich durch den Weltgebetstag immer mehr und zunehmend ein ökumenisches Miteinander der Frauen in unseren Städten und Gemeinden entwickelt. Im Respekt vor den jeweiligen Traditionen wird in der Vorbereitung, die heute zumeist ökumenisch stattfindet, das Gemeinsame, das Verbindende gesucht und dann im Gottesdienst gefeiert. Freundschaften sind entstanden, unkomplizierte Formen der Zusammenarbeit, die in den Alltag der Kirchengemeinden hineinwirken. Angesichts einer manchmal wahrnehmbaren Ermüdung des ökumenischen Engagements der Kirchen und des  Rückzugs auf eine Ökumene der Profile findet sich im WGT eine Frauen-Ökumene der Freude, die die Kraft hat, ansteckend zu sein, Begeisterung zu wecken, ökumenische Hoffnung lebendig zu halten. 
Darüber hinaus trägt der WGT dazu bei zu entdecken, dass zur christlichen Ökumene nicht nur die evangelische und die katholische Kirche gehört, sondern die Vielzahl anderer christlicher Kirchen in unserer Region. Das haben wir vor Ort noch nicht überall ausreichend im Blick.


4. Was versprechen Sie sich von der Aktion am 4. Februar?

Eva-Maria Ranft:
„Der Weltgebetstag – ein starkes Stück Ökumene – Das Ruhrgebiet – ein starkes Stück Deutschland.“ Unter diesem Motto steht die Lichtaktion am 4. Februar 2011 im ganzen Ruhrgebiet. Wir wünschen uns, dass viele Menschen im Ruhrgebiet die Kraft spüren dieser weltweiten Gemeinschaft im Gebet für eine gerechte und friedliche Welt. Und wir wünschen uns, dass sie die Kraft spüren, die darin liegt, dass Frauen weltweit verbunden sind und sich solidarisch in den Schwierigkeiten und Freuden ihres ganz konkreten Alltagslebens unterstützen.

Irmentraud Kobusch:
In der Lichteraktion werden wir Kerzen in das Logo des Weltgebetstags stellen.  Das Logo symbolisiert genau diese Kraft. Menschen, die aus allen Himmelsrichtungen zum Beten und Feiern zusammenkommen, eine Gemeinschaft bilden und so ein lebendiges Kreuz entstehen lassen.
Mit der Aktion wollen wir den WGT aus den Mauern unserer Kirchen und Gemeindehäuser heraus holen und öffentlich machen. Damit verbinden wir auch die Hoffnung, neue Frauen
für die Weltgebetstagsarbeit zu interessieren. Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass sich gerade jüngere Frauen begeistern lassen, bei Vorbereitung und Durchführung des WGT ihre Gaben und Fähigkeiten für einen begrenzten Zeitraum einzubringen. Nur kennen sie den Weltgebetstag oft gar nicht.

5. Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Initiative des Weltgebetstages?

Eva-Maria Ranft:
Wir wünschen uns, dass wir viele Menschen finden, die unsere Begeisterung teilen an diesem riesigen Netzwerk Weltgebetstag. Im Jahr 2009 kam der Weltgebetstag aus Papua Neuguinea. Im Hochland dieser unwegsamen und entlegenen Insel haben Frauen zusammengesessen und den Gottesdienst vorbereitet. Pünktlich am ersten Freitag im März war in den Kirchen in aller Welt dieser Gottesdienst angekommen mit den Ideen, Geschichten und Erfahrungen der Frauen aus diesem fernen Winkel der Erde – gedruckt und übersetzt in zahllose Sprachen. Wir wünschen uns, dass das Engagement so vieler Frauen in aller Welt unsere Gebete stark macht, damit die Erde ein gerechter und friedlicher Ort für alle Menschen wird.

Irmentraud Kobusch:
Unsere „Initiative Weltgebetstag im Ruhrgebiet“ hat Verantwortliche für den Weltgebetstag aus zahlreichen Städten des Ruhrgebiets über die Grenzen von Städten, Kirchenkreisen, Bistümern und Konfessionen erstmals zusammengeführt. Frauen, die sich bis dahin nicht kannten, haben sich im gemeinsamen Engagement für den WGT zusammengefunden. Wir wünschen uns, dass die Kraft der ökumenischen Zusammenarbeit und Begeisterung, die wir miteinander entfaltet haben, weiter trägt und zu einem ansteckenden Impuls wird für christliche Frauen im Ruhrgebiet und für die Ökumene im Ruhrgebiet.

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