„Weg von der mahnenden, hin zur dienenden Kirche“

Rund 450 Gäste kamen am Montagabend zum Neujahrsempfang des Bistums Essen in der Mülheimer Akademie "Die Wolfsburg". In seinem Vortrag empfahl Gastredner Dr. Thomas von Mitschke-Collande der katholischen Kirche deutliche Veränderungen.

Neujahrsempfang mit provokantem Gastvortrag

Mit einem provokanten Appell für deutliche Veränderungen in der katholischen Kirche ist das Bistum Essen am Montagabend bei seinem Empfang in der Mülheimer Akademie „Die Wolfsburg“ ins neue Jahr gestartet. „Kirche doch im Aufbruch?“ lautete der Vortrag des Gastredners Dr. Thomas von Mitschke-Collande. Der frühere McKinsey-Unternehmensberater empfahl der Kirche vor allem ein neues Selbstverständnis als Beginn des Auswegs aus einer von Vertrauensverlust und Mitgliederschwund geprägten Krise. Die traditionelle „mahnende, Gehorsam einfordernde und belehrende Kirche“ müsse zu einer „dienenden, hörenden, lernenden und helfenden Kirche werden“, so Mitschke-Collande.

Die Kirche müsse „katholischer werden“, also etwa „den ganzen Menschen mit Geist und Sinnen ansprechen“, wieder stärker die Lebensfreude betonen und Rituale und Mystisches hoch halten. Sie solle indes „nicht römischer“ werden, forderte der engagierte Katholik aus Augsburg: Zu sehr sei zuletzt „Einheit mit Einheitlichkeit verwechselt“ worden. Ganz im Sinne von Papst Franziskus müsse die Kirche vielmehr viel dezentraler werden und die Ortskirchen stärken. Nicht zuletzt müssten die Katholiken „evangeliumsgemäßer“ leben und so wieder glaubwürdiger werden. „Mancher katholische Würdenträger muss sich fragen, ob er eine Art Ministerpräsident, ein Popstar, ein erfolgreicher Unternehmer – oder ein authentischer Nachfolger dieses Wanderpredigers sein will“, sagte Mitschke-Collande vor den rund 450 geladenen Gästen aus Kirche, Politik, Wirtschaft und Gesellschaft mit Blick auf ein authentisches Leben nach dem Vorbild Jesu Christi.

Viele von Mitschke-Collandes Anregungen sind im Ruhrbistum indes keine neuen Themen. So sind beispielsweise die von ihm geforderte größere Partizipation der Laien oder eine stärkere Würdigung von Frauen in der Kirche bereits feste Bestandteile des neuen Zukunftsbildes, das Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck und Generalvikar Klaus Pfeffer im vergangenen Sommer als Ergebnis eines intensiven Dialogprozesses im Ruhrbistum vorgestellt hatten. Dieses Zukunftsbild soll „in den kommenden Monaten an den unterschiedlichen Orten des Bistums zu Auseinandersetzung und Neubesinnung anregen“, sagte Overbeck in Mülheim. Er verwies auch auf die Veranstaltungsreihe „Dialoge mit dem Bischof“, in deren Rahmen sich Overbeck zuletzt insgesamt acht Mal in der „Wolfsburg“ gemeinsam mit jeweils weiteren Experten der Diskussion eher sperriger kirchlicher Themen gestellt hatte. „Manches im Erscheinungsbild von Kirche ist für den Glauben der Menschen hinderlich und wird schlicht nicht verstanden“, räumte der Bischof ein. Hier seien „weitere Auseinandersetzungen und Entscheidungen nötig, theologisch, kirchenpolitisch und pastoral“, sagte Overbeck und forderte die Akademiegäste auf: „Diskutieren Sie weiter!“ In einer Krise zu jammern, sei „menschlich verständlich, aber letztlich nicht hilfreich, sondern eher fatal“.

Auch für das Ruhrgebiet wünschte sich der Ruhrbischof zum Jahresbeginn, „dass Diskussionen und ein verantwortliches Handeln der Entscheidungsträger den Menschen Lebensperspektiven bieten und zu einer nach vorne gerichteten Identität des Ruhrgebiets führen“. Erwartbar seien dabei „nicht die großen Lösungen, wohl aber viele kleine, für die es sich lohnt, öffentlich zu streiten“.

In diesen Debatten soll die Bistums-Akademie „Die Wolfsburg“ künftig eine noch größere Rolle spielen als bisher. Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck verwies darauf, dass die Geschäftsführung der vier Räte, die den Ruhrbischof in gesellschaftspolitischen Fragen beraten, künftig in der Mülheimer Akademie angesiedelt ist. Damit seien „Verbindungen mit unserer sozial-, medizin- und wirtschaftsethischen Arbeit möglich“, betonte Schlagheck, der vor allem das Engagement der Akademie im Bereich der Wirtschaft hervorhob. (tr)

Das Grußwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck im Wortlaut (pdf)

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