„Von den Bedürfnissen der Familie ausgehen“

Die Stärkung von Autonomie und Eigenverantwortung der Familie sowie die Berücksichtigung ihrer tatsächlichen Bedürfnisse und subjektiven Konzepte sind für Professor Dr. Wassilios Fthenakis wichtige Aspekte einer zeitgemäßen Familienpolitik. Das unterstrich er am 10. November 2012 auf dem Familienkongress der Räte im Bistum Essen.

Professor Dr. Wassilios Fthenakis mahnt eine zeitgemäße Familienpolitik an 

Die Familie hat nach Ansicht von Professor Dr. Wassilios Emmanuel Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, in ihrer Geschichte noch nie so viele Diskontinuitäten zu bewältigen wie heute. „Deswegen müssen wir uns als Gesellschaft intensiv mit dem Thema ‚Familie’ befassen und entsprechende Modelle entwickeln“, betonte er beim Familienkongress der Räte im Bistum Essen am Samstag, 10. November, im Mariengymnasium in Essen-Werden. Dort sprach er vor rund 200 Zuhörern zum Thema „Elternschaft und Partnerschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Perspektiven für Familien- und Bildungspolitik“.

Bezüglich der Familie habe ein großer Paradigmenwechsel stattgefunden. Indikatoren für den strukturellen Wandlungsprozess seien zunehmende Scheidungsraten und die steigende Zahl von Singles. „Aber auch qualitative Wandlungsprozesse gibt es“, so der Professor und nannte hier Veränderungen in der Motivation zu Ehe und Familie, den veränderten Wert des Kindes, mittel- und langfristige Auswirkungen elterliche Beiträge auf die kindliche Entwicklung  sowie die „stille Revolution und die subjektiven Konzepte“.

Was die Motivation zur Ehe und zur Gründung einer Familie betreffe, gebe es zum einen das wirtschaftlich-rechtliche Modell. Hier gehe es um „rechtliche Absicherung und Weitergabe von Besitz“. Ferner sei die Ehe in den Dienst der Institution Familie gestellt worden. „Die Familie hatte als Keimzelle der Gesellschaft zu dienen, das blieb 100 Jahre erhalten“, so Fthenakis. Auch gebe es das kindzentrierte Modell von Ehe und Familie, in dem die Eltern-Kind-Beziehung – wie im 20. Jahrhundert - als die tragende Säule des Familiensystems angesehen werde. „Dieses Modell ist heute kein Garant mehr für eine Beziehung“, so Fthenakis. Im Unterschied dazu ist im partnerschaftszentrierten Modell die Qualität der Partnerschaft der  entscheidende Faktor im Familiensystem. „Es geht hier um die Maximierung des individuellen Glücks in der Beziehung“, erklärte der Professor. Wenn das nicht „funktioniere“, werde die Beziehung ausgetauscht.  

Was den Einfluss der Elternteile auf die Entwicklung des Kindes betreffe, prägten Väter stärker das Selbstwertgefühl der Kinder, die Mütter eher deren Beziehungsfähigkeit. Auch auf die Rolle des Vaters in der Familie ging Fthenakis ein. Eine von der Bundesregierung in Auftrag gegebene Studie habe gezeigt, dass nicht die „Brotverdiener-Funktion“ des Vaters dominant sei, sondern dessen soziale Funktion für die wichtigste gehalten wird, also darauf zu achten, dass das Kind sich anderen gegenüber behaupten kann und als Vater offen zu sein für die Anliegen des Kindes. Die „instrumentelle Funktion“ – dem Kind Wissen und Allgemeinbildung zu vermitteln – rangiere an dritter Position. Am unwichtigsten sei der Karriereverzicht. Wenn eine Partnerschaft nicht funktioniere, würden Väter eher zur Brotverdiener-Funktion tendieren. „Wenn die Beziehung aber funktioniert, dann lassen sich Männer besser steuern“, so der humorige Tipp des Professors an die anwesenden Frauen.

Mit Blick auf die verschiedenen Formen und Konzepte gelebter partnerschaftlicher Beziehungen dürfte es nach Ansicht von Fthenakis keine Probleme geben „bei der Etablierung symmetrischer, partnerschaftlich organisierter Beziehungen zwischen Männern und Frauen, bei der Einbindung von Männern als Väter in der Erziehungsverantwortung und bei der Bewältigung des generativen Problems, wenn die Menschen die Chance hätten, die von ihnen präferierten Konzepte zu realisieren“. Doch der Wissenschaftler hatte auch eine schlechte Nachricht zu überbringen: „Das System ist hochgradig effizient organisiert, wenn es darum geht, die Umsetzung solcher Konzepte zu verhindern.“

Wenn Partner Eltern würden, berge das System erhebliche Herausforderungen. So breche die Gleichstellung von Mann und Frau im Beruf zusammen. „Auch die ausgewogene Einkommensverteilung zwischen Mann und Frau klafft zunehmend auseinander“, so der Professor. Die Hausarbeit falle zunehmend in den alleinigen Verantwortungsbereich der Frau und auch die Partnerschaftsqualität nehme ab. Fthenakis: „Zwölf Prozent der Frauen und 22 Prozent der Männer behaupten, dass das Kind die Qualität ihrer Partnerschaft nicht beeinträchtigt.“ Die Qualität der elterlichen Partnerschaft ist für den Professor ein „Schlüssel für die weitere Familienentwicklung“, und zwar hinsichtlich der sozialen Entwicklung des Kindes, des Engagements des Vaters in der Familie und seiner Haltung gegenüber weiteren Kindern.

Merkmale einer zeitgemäßen Familienpolitik sind für den Professor unter anderem die „Stärkung von Autonomie und Eigenverantwortung der Familie“, die „Förderung einer Familienpolitik, die von den Bedürfnissen von der Familie ausgeht“ und die „Bedeutung subjektiver Konzepte der Familienmitglieder“ berücksichtigt sowie die „Versöhnung des ‚Familiensektors‘ und des ‚Nichtfamiliensektors‘“. Ferner müssten die Bedürfnisse der Kinder an erster Stelle stehen und beste Bildungsqualität bereitgestellt werden. Familie als Bildungsort  und „Etablierung von Bildungspartnerschaften gehören für Fthenakis ebenso dazu. Er fordert eine „präventiv orientierte Familienpolitik“ und eine „Stärkung von Partnerschaftsqualität sowie beratende Hilfen, die die Familie als System stärken“. Eine zeitgemäße Familienpolitik verlange auch die „Etablierung symmetrischer Modelle“, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf für Mütter ermöglichen. Notwendig ist nach Ansicht des Wissenschaftlers die „Entwicklung einer auf Werten aufbauenden inklusiven Gesellschaft, die Verantwortung für Kinder und Familien übernimmt“. Es gelte ferner, kindliche Rechte zu stärken und Bildungschancen zu verbessern. Dazu sei auch eine  Modernisierung des Bildungssystems erforderlich. Letztlich müsse das Kindeswohl oberste Entscheidungs- und Handlungsmaxime sein.

„Wir müssen als Gesellschaft Familien ermöglichen, ihre Konzepte umzusetzen, sonst bleiben wir als Gesellschaft auf der Strecke“, unterstrich Professor Fthenakis mit Nachdruck. (do)

Pressestelle Bistum Essen

Zwölfling 16
45127 Essen

0201/2204-266

0201/2204-507

presse@bistum-essen.de

Presse