Vatikan stellt Arbeitspapier zur Familiensynode vor

Nachdem der Vatikan in einer groß angelegten Umfrage Einschätzungen zu den Themen Ehe, Familie, Partnerschaft und Sexualmoral eingeholt hatte, wurde jetzt in Rom ein daraus entwickeltes Arbeitspapier vorgestellt. Dieses 85-seitige Dokument ist das Programm für die Synode, zu der sich im Oktober zahlreiche Bischöfe in Rom treffen werden.


Programm für die Bischofssynode im Oktober

Es ist eine ungeschönte Bestandsaufnahme zu einem Thema, in dem katholische Positionen und gesellschaftliche Praxis auseinanderdriften. Der Vatikan hat am Donnerstag das Arbeitspapier für die nächste Weltbischofssynode vorgelegt, die sich im Oktober den "pastoralen Herausforderungen im Hinblick auf die Familie" stellen will. Das Kirchentreffen soll das weite Feld neuer Lebensformen und Partnerschaften, veränderter Mentalitäten und Moralvorstellungen, aber auch Anfragen an die Sakramentenpastoral etwa für wiederverheiratete Geschiedene erörtern. Und es muss neue, vor allem aber verständlichere Antworten der Kirche suchen.

Das 85-seitige "Instrumentum laboris" bildet das Programm der Außerordentlichen Bischofssynode im Oktober, die Ende 2015 fortgesetzt werden soll. Grundlage ist eine Umfrage in der Weltkirche, an der sich neben Bischofskonferenzen und Kurienbehörden auch verschiedenste kirchliche Gruppen beteiligten. Auch im Bistum Essen sind die Themen der Umfrage von verschiedenen Gruppen diskutiert worden, die Ergebnisse wurden über die Deutsche Bischofskonferenz an den Vatikan weitergeleitet.

Zwar unterscheidet das Synodensekretariat zwischen "Antworten" der offiziellen Stellen und "Bemerkungen" von der Kirchenbasis. Aber das breite Spektrum der dargelegten Positionen ist für ein solches Kirchendokument überraschend. Natürlich lässt sich nicht nachprüfen, ob tatsächlich alle Gedanken der zugeleiteten Antworten eingearbeitet sind. Jedoch legt das sachliche, fast penible Nebeneinander unterschiedlicher Einschätzungen und Empfehlungen einen sorgfältigen Umgang mit den Reaktionen aus der Weltkirche nahe.

So wird zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen ausdrücklich auf die Praxis der orthodoxen Kirchen verwiesen, die den "Weg einer zweiten oder dritten Ehe mit Bußcharakter" kennen. Es wird damit zu einem legitimen Argument für die Synodendebatte. Konkret sind auch die Empfehlungen aus der Weltkirche für raschere Entscheidungen in Ehenichtigkeitsverfahren. Aber auch die schon von Benedikt XVI. aufgeworfene Frage nach einem Zusammenhang von persönlichem Glaubensverständnis und Gültigkeit eines Sakraments wird ins Synodenprogramm geschrieben.

Es gelinge der Kirche heute in vielen Regionen nicht mehr, ihre Positionen zu Familie, zu Ehe und Scheidung, aber auch zu Empfängnisverhütung, zu Homosexualität oder zu In-vitro-Befruchtung verständlich zu machen, lautet die nüchterne Analyse. Selbst praktizierenden Katholiken seien geltende Normen unbekannt oder nicht vermittelbar. Ausdrücklich nennt das Papier das vielkritisierte Lehrschreiben "Humanae vitae". Das Grundanliegen von Papst Paul VI., die untrennbare Einheit zwischen ehelicher Liebe und Weitergabe des Lebens zu betonen, sei prophetisch. Aber der überwiegenden Mehrheit der Gläubigen sei sie "in ihrer positiven Dimension" nicht bekannt.

Auch den Staat nimmt der Vatikan für die Förderung der Familie in die Pflicht. Immerhin sei sie der natürliche Ort der menschlichen Entwicklung, die "erste menschliche Gesellschaft", wo Werte wie Solidarität, Kommunikation, Ehrlichkeit und Respekt vermittelt würden und Gemeinwohl erlernt werde. Daher erwarte sich die Kirche vom Staat eine Unterstützung im Hinblick auf würdige Arbeit, gerechte Löhne, ein familienorientierte Steuerpolitik und Hilfen für Familien und Kinder, heißt es in dem Papier.

Die neue Offenheit des "Instrumentum laboris" sagt freilich noch nichts über Verlauf und Ergebnisse der Synode. Es kommt nun auf die Zusammensetzung des Treffens an, auf die rund 190 Synodalen und die Berater, aber auch auf die Arbeitsweise: Ob es gelingt, den bislang oft trägen und von Monologen gekennzeichneten Verlauf effizienter und dialogischer zu gestalten. Und natürlich hängt es von den Kompetenzen der Synode ab, wie weit sie als kollegiales Gremium der Kirchenleitung wirken kann und soll. Papst Franziskus hat hier - in Abstimmung mit seinem inzwischen wichtigsten Beratergremium, dem Rat von acht Kardinälen - hohe Erwartungen geweckt. Der Synodenprozess zur Familienpastoral, der sicher auch mit dem zweiten Treffen 2015 nicht abgeschlossen sein dürfte, wird daher ein wichtiger Prüfstein für die Offenheit und den Erneuerungswillen des Pontifikats von Papst Franziskus. (kna)

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