Studenten erforschten Urkunden des Münsterarchivs

Studierende des Fachs Geschichte der Ruhr-Universität Bochum haben spätmittelaterliche "Privaturkunden" aus dem Essener Münsterarchiv wissenschaftlich analysiert und beschrieben. Dazu ist bis zum 1. Juli 2012 in der Domschatzkammer Essen eine Sonderausstellung zu sehen.


Domschatzkammer zeigt Ergebnisse in einer Sonderausstellung

Bis zum 1. Juli zeigt die Domschatzkammer Essen eine Sonderausstellung zum Thema „Alltag im Frauenstift. Spätmittelalterliche Urkunden aus dem Essener Münsterarchiv“. Die ausgestellten „Privaturkunden“, die Schenkungen, Rentenverkäufe oder den Verkauf eines Hörigen (Leibeigenen) und seiner Familie zum Thema haben, wurden von elf Studierenden des Fachs Geschichte der Ruhr-Universität Bochum (RUB) gemeinsam mit ihrem Dozenten Dr. Jens Lieven wissenschaftlich analysiert und beschrieben. Ihre Erkenntnisse haben die Studenten in Essays in einem Begleitheft zusammengefasst. „So können die Besucher die Befunde leichter einordnen“, freut sich Dr. Birgitta Falk, Leiterin der Domschatzkammer.

Die Studenten haben sich auf ein Projekt eingelassen, das für Historiker der normale Alltag sein müsste, aber leider – auch im universitären Alltag – nicht immer umgesetzt werden kann: Sie haben sich den Quellen gestellt.

Lieven, dessen beruflicher Schwerpunkt in der Adels- und Personenforschung und der Forschung zu geistlichen Gemeinschaften des frühen und hohen Mittelalters liegt, hatte im Wintersemester 2011/2012 an der RUB eine Übung für fortgeschrittene Studierende des Bachelor- oder Masterstudiengangs angeboten, deren Titel sich zunächst etwas „sperrig“ liest: „Textkritik und Editionstechnik spätmittelalterlicher Privaturkunden (Paläographie – Diplomatik – Sphragistik)“. 


Zu den Quellen

Die ersten drei doppelstündigen Sitzungen fanden an der RUB statt. Um seine Studenten für den „harten Kontakt mit der Realität“ fit zu machen, nahm Lieven ein Lernprogramm zur Hilfe, dass vor rund zehn Jahren an der Universität Zürich entwickelt worden ist und das Quellenstudium im Archiv digital einübt. „Ad fontes“ (zu den Quellen) heißt der Kurs bezeichnenderweise.  Zu den Quellen gingen dann auch die Studenten. Im neu eingerichteten Münsterarchiv in der Verwaltung der Domschatzkammer im Haus am Dom in Essen wurde die Übung als Blockveranstaltung fortgesetzt. Spätestens da wurde den angehenden Historikern klar, dass ihre Übung nicht theoretisch und weltfern war, sondern sehr „echt „ und „authentisch“. Ihnen wurde auch bewusst, dass sie sich mit dieser Übung etwas recht Schwieriges vorgenommen hatten.

Die von Lieven ausgesuchten zwölf „Privaturkunden“ beinhalten Rechtsakte, die im Umfeld der Essener Stiftskirche, des heutigen Doms, und des Frauenstifts Essen getätigt worden sind. Sie sind im 14. und 15. Jahrhundert ausgestellt worden und benutzen – bis auf zwei Urkunden - als Schriftsprache die deutsche Sprache, allerdings in ihrer spätmittelalterlichen oder frühneuhochdeutschen Form.

Bevor man sich mit den Inhalten beschäftigen konnte, stand der schwierige Prozess des Transkribierens, des „Umschreibens“, an. Denn in den Urkunden begegneten den Studierenden ja nicht nur Texte in einer ihnen eher unvertrauten Sprache, sondern auch in einer ungewohnten Schrift, der gotischen Kursive. Hier halfen die paläographischen Kenntnisse, die die Seminarteilnehmer zu Beginn der Übung mithilfe des „ad fontes“-Programms erworben hatten. Erst nach der Übertragung in unser lateinisches Schriftbild und der „Übersetzung“ in das heutige Hochdeutsch ließen sich auch die Erkenntnisse aus der Urkundenlehre, der Diplomatik, anwenden und Aufbau und Struktur der untersuchten Urkunden analysieren. Auch den Siegeln, die den Urkunden als Beglaubigungsmittelanhingen, wandten die Geschichtsstudierenden ihre Aufmerksamkeit zu. Durch die Beschäftigung mit den spätmittelalterlichen Urkunden konnten die Studierenden, so Jens Lieven im Vorwort der Begleitbroschüre, in „direkten Kontakt mit den Gegebenheiten, Rahmenbedingungen und Problemen menschlicher Existenz im Mittelalter“ treten.


Quellenforschung ist wichtig 

„Die Übung hat sehr viel Spaß gemacht, mir genauso wie den Studierenden“, so Lieven. „Die Teilnehmer haben sich der Herausforderung der Originale wirklich gestellt und fanden es sehr spannend, die Grundlagen selbst herauszuarbeiten“. Der Umgang mit Quellen gehöre zur Kernkompetenz der Historiker. Doch die Disziplin der „Historischen Hilfswissenschaften“ habe in Deutschland „kein so gutes Standing“. Für die Studenten war dieser  unmittelbare Kontakt mit den Quellen äußerst wichtig. „Dieser direkte und praktische wissenschaftliche Umgang mit Urkunden ist nicht nur für einen Archivar oder Museumswissenschaftler wertvoll und hilfreich, sondern auch für angehende Geschichtslehrer“, so einer der Studenten. 

Für Dr. Birgitta Falk ist die wissenschaftliche inhaltliche Aufarbeitung des Münsterarchivs – wie beispielsweise in diesem Projekt – ein „Mehrwert“. „Von solchen Forschungsprojekten profitieren wir als Domschatzkammer, aber auch die Studierenden“, so Falk. Deshalb sei man auch in Zukunft an solchen Kooperationen interessiert. (do/gedo)


Stichwort: Historische Hilfswissenschaften

Die so genannten Historischen Hilfswissenschaften sind ein Teilbereich der Geschichtswissenschaften. Diese Teildisziplin beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Methoden, die benötigt werden, um historische Quellen zu bearbeiten. Der Fächerkanon der Historischen Hilfswissenschaften umfasst u.a. die Diplomatik (Urkundenlehre), die Paläografie (Schriftkunde), die Epigrafik (Inschriftenkunde), die Numismatik (Münzkunde), Heraldik (Wappenkunde), Sphragistik (Siegelkunde) und die historische Geographie. Sie schafft somit die Grundlagen jeden historischen Arbeitens, weshalb auch der Terminus Historische Grundwissenschaften verbreitet ist.

Trotz der Wichtigkeit dieser Disziplin tritt sie in der Lehre zunehmend zurück, an vielen Universitäten sind vormals eigene Lehrstühle für historische Hilfswissenschaften völlig weg gefallen. Die Ruhr-Universität Bochum hat einen Lehrstuhl für die Geschichte des Früh- und Hochmittelalters und historische Hilfswissenschaften, den zur Zeit Prof. Dr. Gerhard Lubich innehat. Dr. Jens Lieven ist seit Oktober 2007 diesem Lehrstuhl als Studienrat im Hochschuldienst zugeordnet. (gedo)


Stichwort: Münsterarchiv Essen

Das Münsterarchiv bewahrt Urkunden und Akten des ehemaligen Essener Frauenstiftes und seiner Nachfolgeinstitution, der ehemaligen Pfarre St. Johann. Die Archivalien reichen zeitlich vom 13. Jahrhundert bis in die Zeit um 1960, in dem das Domkapitel an der Kathedrale des neuen Bistums Essen errichtet und  rechtlicher Nachfolger der Pfarre wurde.

Die Archivalien gliedern sich in drei Bestände (A,B,C). Die erste Gruppe enthält ca. 600 Urkunden und Archivstücke des Frauenkapitels und des ihm nachgeordneten Kanonikerkapitels. Die zweite Gruppe birgt in erster Linie Archivalien des 19. und 20. Jahrhunderts zu Pfarrangelegenheiten von St. Johann, insgesamt über 1400 Aktenkonvolute. Die dritte wird aus den Archivalien der Essener Nonnenkonvente im Turm, Kettwig, Im Zwölfling und im Dunckhaus gebildet, deren Archivbestände mit dem Jahre 1396 beginnen.
 
Das Münsterarchiv wird von der Domschatzkammer betreut und in einem gesonderten Archivraum aufbewahrt. Es steht Interessenten zu Forschungszwecken offen. Termine müssen mit dem Sekretariat der Domschatzkammer, Tel.: 0201/2204-573, vereinbart werden. (gedo)

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