Sprache als „Überlebensmittel“

Hilde Domin sah Sprache als Lebensmittel, sogar als "Überlebensmittel" an. Dass dies so ist, wird in jedem ihrer Gedichte deutlich. Die Schauspielerin Nina Hoger las jetzt aus dem Werk Domins im Medienforum.


Nina Hoger liest Texte von Hilde Domin

Es war ein Abend voller Dichte – gefüllt mit wohltuender Sprache und klingender Musik. Ein Abend mit Texten von Hilde gepaart mit Ausschnitten aus der Biographie der Lyrikerin. Anlass des Abends war der 100. Geburtstag, den Domin in diesem Jahr gefeiert hätte. Der Schauspielerin Nina Hoger gelingt es mit den von ihr ausgesuchten Gedichten und einigen Episoden aus dem Leben Hilde Domins das Publikum im Medienforum des Bistums Essen mit auf die Reise in die Vergangenheit zu nehmen.

Für Hilde Domin war die Sprache ein Lebensmittel, ein „Überlebensmittel“. Ihre Texte sind von Mut und Zuversicht geprägt. Man erfährt so vieles an diesem Abend, der überschrieben ist mit dem Titel des ersten Gedichtbandes Hilde Domins „Eine Rose zur Stütze“: Eingebettet in schönste Lyrik lernt man die junge Hilde Domin kennen, die über ihre Kindheit sagt: „Ich durfte immer ohne Angst die Wahrheit sagen. Ich habe das Lügen nie gelernt.“ 1909 als Tochter jüdischer Eltern in Köln geboren, erlebte Hilde Domin die Schrecken des Hitler-Regimes, sie verließ Deutschland bereits 1932. Im Lesesaal des Medienforums ist es still, man könnte eine Stecknadel fallen hören, als Nina Hoger die Zeilen Domins von ihrem letzten Wiedersehen mit ihren Eltern vorliest.

Über Italien und England ging sie – gemeinsam mit ihrem Mann, dem 1988 gestorbenen Kunsthistoriker Erwin Walter Palm -  ins Exil in die Dominkanische Republik. Von 1940 bis 1954 lebte sie in Santo Domingo (Dominikanische Republik) als Übersetzerin und Architekturfotografin. Von dem Namen dieser Stadt leitete sie auch ihren Künstlernamen ab. Der Tag, an dem Hilde Domin auch Europa den Rücken zukehrte, „war ein guter Tag, denn du konntest noch aufrecht gehen.“ Für sie war es wichtig „nicht öffentlich beschämt zu werden.“ Ihre Entscheidung ins Exil zu gehen beschrieb Hilde Domin folgendermaßen: „Ich nahm mir die Freiheit zu gehen. Das ist wie Freitod, das Leben nicht mehr annehmen.“ Nina Hoger liest das Gedicht „Ein blauer Tag“: „...Auch an blauen Tagen wird nicht zurückgegangen, auch an blauen Tagen bricht das Herz.“

Aus den Texten und auch aus dem Leben Domins sprüht Kraft. Der Zuhörer spürt die Befreiung durch die Sprache, die Domin selbst zeitlebens so wichtig war. 1961 kehrt Hilde Domin zurück nach Heidelberg. „Domin klagte nicht an, sie kehrte ohne Bitterkeit, ohne Hass zurück“, betont Nina Hoger. In den Augen Domins sei das Judentum eine Schicksalsgemeinschaft, keine Glaubensgemeinschaft oder Volkszugehörigkeit. Sie verdanke, so hört man Nina Hoger die Worte Domins vorlesen, dem Schicksal diese Extremerfahrung. „Ich habe Glück gehabt, deshalb bin ich noch da!“

Wegen der Sprache sei Domin nach Deutschland zurückgekehrt. Die deutsche Sprache war ihr Halt. „In den anderen Sprachen bin ich zu Gast. Die Sprache garantiert die Kontinuität des Menschsein“, liest Nina Hoger aus der Biographie Domins vor. Sie selbst sah sich als politische Dichterin. Sie war überzeugt von der Notwendigkeit der Zivilcourage und dem „Training in Wahrhaftigkeit.  Am 22. Februar 2006 stirbt Hilde Domin in Heidelberg. 

Musikalische begleitet das Ensemble Noisten an diesem Abend die Lesung von Nina Hoger. Den Musikern gelingt es den Klezmer zur Weltmusik zu machen, in dem sie Elemente des Flamenco, des Jazz und der tamilischen Musik mit ihm vereinen. Sprache und Musik ergänzen sich auf beste Weise. Dank der Lyrik Hilde Domins hat Nina Hoger die deutsche Sprache einmal mehr von ihrer schönsten Seite gezeigt. Der langanhaltende Applaus an diesem Abend gilt den Texten von Hilde Domin, aber ohne Frage auch Nina Hoger, die durch die Auswahl und die Vortragsweise über zwei Stunden das Publikum fesselte. (dr) 

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