„Sozialer Fortschritt heißt Teilhabe aller“

Chancengleichheit für alle ist für Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel wesentlich für den sozialen Fortschritt. Das betonte sie in ihrem Festvortrag vor über 500 geladenen Gästen aus Politik, Kirche, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und Kultur in der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim.

Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel hielt Festvortrag in der Wolfsburg

Der isländische Vulkan mit dem scheinbar unaussprechlichen Namen konnte ihr keinen Strich durch die Rechnung machen, auch wenn das manche befürchtet hatten. Pünktlich traf Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel  am Dienstagabend gegen 19.30 Uhr in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim ein, nach gut zwei Stunden Flug mit dem Hubschrauber von Berlin an die Ruhr. Mit großem Applaus wurde sie bei der Festveranstaltung „50 Jahre Katholische Akademie Die Wolfsburg“ von den über 500 geladenen Gästen aus Politik, Kirche, Wirtschaft, Gewerkschaften, Wissenschaft und Kultur begrüßt. Unter ihnen waren auch der Essener Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck, NRW-Schulministerin Barbara Sommer und Kulturstaatssekretär Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff (beide CDU).
 
In ihrem Festvortrag hob Merkel die Bedeutung einer Chancengleichheit für alle als wesentlich für den sozialen Fortschritt in einer Gesellschaft hervor. „Es geht darum, dass Teilhabe aller möglich wird, eines jeden mit seinen Gaben und Fähigkeiten“, betonte die Kanzlerin. Maßstab dabei müsse ein Menschenbild sein, das – wie im Grundgesetz verankert – die Unantastbarkeit der Würde des Menschen in den Mittelpunkt rückt. Dieses Menschenbild sei durch den christlichen Glauben geprägt. Teilhabe des einzelnen, die „Stärkung der kleinen Einheiten“ – wie es das Subsidiaritätsprinzip postuliert - sowie die Rolle des Staates sind für die Bundeskanzlerin Aufgaben, die hinsichtlich des sozialen Fortschritts anzugehen sind.
Den Ordnungsrahmen für die politische Gestaltung lieferten dabei die auf der katholischen Soziallehre und der evangelischen Sozialethik basierende soziale Marktwirtschaft. Als wichtige Punkte nannte die Kanzlerin die Stärkung und den Schutz der Familie, lebenslange Bildung für alle und eine Integrationspolitik, die eine Bildung von Parallelgesellschaften verhindert.


Das Ehrenamt stärken

Darüber hinaus sei es angesichts der demografischen Entwicklung unumgänglich, das Ehrenamt wesentlich zu stärken, so Merkel. Eine besondere Aufgabe und Chance biete sich dabei der Generation der 60- bis 80-Jährigen. Auch dürfe mit Blick auf die zukünftige Altersstruktur in Deutschland "die Vision Arbeit für alle" nicht aus den Augen verloren werden. Daneben sollte sich die Politik die Frage stellen, wie andere Staaten davon zu überzeugen sind, dass es globale Interessen wie etwa in der Umweltpolitik gebe, die dem Wohle aller Menschen dienten und deshalb koordiniert werden müssten. „Der Spannungsbogen vom einzelnen bis hin zu 198 Nationalstaaten muss immer bedacht werden, wenn wir sozialen Fortschritt erreichen wollen“, betonte die Kanzlerin.  Der christliche Glaube sei eine gute Kraft, die anstehenden Herausforderungen und Aufgaben zu bewältigen.

In der anschließenden Diskussion machte Merkel deutlich, dass sie keine Sorge habe, die Kirche könne durch die gegenwärtige Diskussion über die Missbrauchsfälle als gesellschaftliche Institution ihre Glaubwürdigkeit verlieren. „Die Kirche ist zu wirkungsvoll und in ihrer Geschichte zu mächtig, als dass man davor Angst zu haben braucht“, sagte sie. Der Kirche müsse jedoch bewusst werden, dass ein Weg der Wahrheit und Klarheit die einzige Möglichkeit sei, mit den Missbrauchsfällen umzugehen. Darin werde die Politik die Kirche etwa durch den Runden Tisch für Missbrauchsfälle begleiten.
Bei der Frage nach der Prägekraft des Glaubens im alltäglichen Handeln komme es darauf an, „ein Klima zu schaffen, in dem sich Menschen trauen zu fragen“. Die Kirche müsse – so Merkel – auf einem „viel niedrigeren Niveau einladend sein, dabei aber nicht beliebig werden.

„Wie leicht kommt doch die globalisierte Welt aus dem Takt“, meinte Bischof Overbeck in seinem vorangegangenen Grußwort nicht nur in Anspielung auf die Finanz- und Wirtschaftskrise, sondern auch mit Blick auf die Naturereignisse dieser Tage. „Umso mehr freuen wir uns, dass Sie heute unter uns weilen, Frau Bundeskanzlerin.“ Mit Blick auf das Gegensteuern der Politik in der globalen Krise dankte der Bischof  der Kanzlerin „für entschlossenes und gleichermaßen verantwortliches wie gemeinwohlorientiertes Handeln“. Die Schaffung einer Weltfinanzordnung ist für Bischof Overbeck „die eigentliche ordnungspolitische Aufgabe“, die noch angegangen werden müsse.  Die Politik sei weiterhin gefordert, „gerechte Rahmenbedingungen zu schaffen, damit sozialer Fortschritt möglichst alle und nicht bloß wenige genießen“ könnten.
Was das Ruhrgebiet betreffe, gebe es „Gewinner und Verlierer des Strukturwandels von einer industriegesellschaftlich dominierten hin zu einer mehr wissens- und dienstleistungsgesellschaftlich profilierten Region. Das Thema des Abends, nämlich „die Bedeutung von Zusammenhalt und Solidarität für den sozialen Fortschritt“, bewege die Menschen in Nordrhein-Westfalen und im Ruhrgebiet und lasse auch das Bistum Essen „nicht kalt“.

Menschen bei ihrer Sinnsuche nicht alleine lassen

Overbeck kritisierte ein Auseinandertreiben einer zunehmend pluraleren Gesellschaft. Modern-säkularisierte Gesellschaften seien nicht mehr zu integrieren. „Die gesellschaftliche Funktion der Religionen besteht vielmehr darin, die Menschen in ihrem Bedürfnis nach Sinn nicht alleine zu lassen“, betonte der Bischof. Es sei Aufgabe ihrer Vertreter, in Debatten über Menschenwürde und Gemeinwohl einzutreten und sich um den gesellschaftlichen Konsens bemühen. Das Christliche sei immer nur „sozial zu denken“. Es gehe dem Christen eben „nicht um individuelle Selbsterlösung, sondern immer um den anderen, indem er den ganz anderen – Gott – aufscheinen lässt“. Darauf ausgerichtet sei auch die Arbeit der Akademie „Die Wolfsburg“. Sie solle Raum bieten für die Kommunikation zwischen verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen und wissenschaftlichen Disziplinen. Viele hätten in den vergangenen 50 Jahren diese Akademie zu einem „gastlich-dialogischen Ort“ gemacht, zu einem „Ort des Dialoges zwischen Kirche und Gesellschaft“ und zu einem „Ort ethischer Reflexion“. Dafür dankte der Bischof Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck, dessen Vorgängern und auch den vielen Referentinnen und Referenten. 


Akademie ist kein katholisches Ghetto 

Die Katholische Akademie "Die Wolfsburg" wurde am 9. Juli 1960 vom ersten Bischof von Essen, Dr. Franz Hengsbach, ihrer Bestimmung als zentrale Erwachsenenbildungsstätte des Ruhrbistums übergeben. Das Haus sollte nach seinem Willen „kein katholisches Ghetto“ sein, sondern ein Ort, an dem die „Grenze zwischen Kirche und Welt überschritten“ werde. „Dieser Anspruch gilt bis heute“, betonte Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck. Das Dialogmodell kirchlicher Akademien sei gefragter denn je. Bei zunehmender Pluralität der Gesellschaft könnten die Akademien helfen, „Sichtbehinderungen abzubauen“. Die Wolfsburg lade deshalb ein zur Auseinandersetzung über wichtige Fragen des persönlichen, gesellschaftlichen, kirchlichen und politischen Lebens. Sie suche Verständigung über Orientierungsmarken und bringet dabei die Stimme des gegenwartsbewussten christlichen Glaubens mit ein. Der Kanzlerin dankte Schlagheck für ihr Kommen und überreichte ihr als Geschenk ein in der Benediktinerabtei Königsmünster geschaffenes Kreuz zum Kulturhauptstadtjahr Ruhr.2010. Dieses Kreuz hat die Form eines Labyrinths.  „Dieses Labyrinth ist kein Irrgarten, sondern es führt zur Mitte. Das wünschen wir Ihnen als Bundeskanzlerin“, betonte Schlagheck. (do/KNA)

Grußwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

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