Sommerlichter in einer Firma, die rote Zahlen schreibt

Mochte das Wetter draußen so gar nicht an „Sommerlichter“ erinnern, drinnen im großen Saal des Hotels Franz in Essen zeigte das Stimmungsbarometer des ersten Tages der pastoralen Berufe im Ruhrbistum alsbald auf „heiter und sonnig“. Rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer erlebten eine ebenso launige wie nachdenkliche Premiere.


Tag der pastoralen Berufe - eine heiter-nachdenkliche Premiere

Manch einer hatte im Vorfeld mit seiner Skepsis nicht hinterm Berg gehalten. Was, bitteschön, ist unter einer Veranstaltung mit dem Titel „Sommerlichter“ zu verstehen? Auch die Einladungskarte, so konnte man hören, schien dem einen oder der anderen ein wenig zu ausgefallen geraten zu sein. Rund 350 Teilnehmerinnen und Teilnehmer hatten sich schließlich angemeldet, trafen sich am Freitagnachmittag (28. Juni) zum ersten gemeinsamen „Tag der Priester, Pastoral- und Gemeindereferenten sowie Ordensleute im Bistum Essen“. Mochte das Wetter draußen so gar nicht an „Sommerlichter“ erinnern, drinnen im großen Saal des Hotels Franz zeigte das Stimmungsbarometer dieser Premiere alsbald auf „heiter und sonnig“.

„Sommerlichter in winterlicher Zeit“ hatte der erste Referent des Nachmittags seinen Vortrag geradezu prophetisch überschrieben. Doch der Benediktiner-Pater Elmar Salmann, der viele Jahre als Professor für Philosophie und Theologie in Rom lehrte und als einer der versiertesten Grenzgänger zwischen klassischer katholischer Theologie und modernem Denken gilt, hatte dabei weniger das trübe Sommer-Wetter im Blick. Ihm gehe es darum, „Dinge zusammenzuhalten, die sich sonst ausschließen“, erklärte er, um dann ebenso launig wie tiefsinnig den Wandel der Kirche der zurückliegenden fünf Jahrzehnte zu deuten.


Von der Repräsentation zur demütig-hilfreichen Präsenz

Ihn erinnere die Kirche an den VfL Bochum, setzte er gleich zu Beginn seine erste Pointe. „Immer schon abgestiegen.“ - „Du trittst in eine Firma ein, die in den nächsten 50 Jahren nur rote Zahlen schreiben wird“, habe sein Vater auf die Mitteilung reagiert, dass er Priester werden wolle, berichtete Salmann. Kein Zweifel: So wie sich mit der Geburt des „demokratischen Menschen“ die Gesellschaft gewandelt habe, so habe sich gleichzeitig auch die katholische Kirche verändert, machte der Benediktiner deutlich. „Von der mächtigen hierarchischen, europäischen Kirche zur multikulturellen, eher ohnmächtigen Minderheitenkirche. Vom Großtanker zu Fährbooten, von sakraler Macht zur segnend-beistehenden Gegenwart, vom Verbieten zum Fördern, von der Repräsentation zur demütig-hilfreichen Präsenz, von Abgrenzung zur Freude an Verschiedenheit und Gemeinsamkeit, vom Herr-Gott zum dreifaltig-offenen Gott der Mitfreude, des Mitleids, der Freundschaft, der mystischen Tiefe.“

Wie die Menschen müsse auch die Kirche immer zum Heil gezwungen werden, ist der Benediktinermönch überzeugt. Er warb für eine „unbefangene Seelsorge“, dafür, dass sich die Kirche „mit Entdeckerfreude auf den Weg in eine offene Zukunft“ begibt. „Vielleicht stehen wir nach 1.600 Jahren Herrschaft und einer zentral-straff-organisierten Institution neu vor dem Tor zum Neuen Testament, klopfen an und sind auf dem Weg zu Gestalt und Gestus Jesu, zu einer eher offen-ökumenisch-symbolisch sich verstehenden Gemeinschaft“.

Lernfähig muss die Katholische Kirche auch sein, wenn es um ihr Verhältnis zu den Medien geht. Christiane Florin, Redaktionsleiterin von Christ & -Welt, nutzte ihren Vortrag zu einer ebenso schonungslosen wie auch kurzweiligen Zustandsbeschreibung.

Woran liegt es, dass die Katholische Kirche nicht gerade in dem Ruf steht, eine sympathische, vertrauenserweckende Institution zu sein? Ein Schicksal, so Florin, dass die Kirche zwar auch mit Großinstitutionen wie Parteien und Gewerkschaften teile. Doch die Kirche habe nicht nur ein Problem mit den Botschaftern, sondern auch mit der Botschaft. 

Wenn nur 46 Prozent der Deutschen davon überzeugt seien, dass Jesus Christus Gottes Sohn sei, glaube nur noch ein Bruchteil der registrierten Christen die Kernbotschaft, so Florin. „Kirchliche Angebote zur Stille kommen gut an, kirchliche Worte weniger. Als Sozialagentur ist sie akzeptiert, als Lebensbegleiter hat die Kirche Vertrauen verloren – und das nicht erst seit dem Missbrauchskandal.“

Wenig ermutigend ist für die Journalistin auch der Blick ins Fernsehen. In den Talkshows scheint Religion offenbar „ein Biotop für Bekloppte“ zu sein, unvereinbar mit Vernunft und Verstand. Florin: „In jede Sendung zum Thema Kochen würde man wenigstens eine Diplomökotrophologin einladen, zum Thema Religion reichen pfannenschleudernde Hobbybrutzler.“

Mischung aus Selbstherrlichkeit und Zerknirschtheit

Liegt’s an den Journalisten, die ihre enttäuschte Liebe an „Mutter Kirche“ abarbeiten oder zunehmend an denjenigen, die zuvor keinerlei Erfahrung mit Kirche gemacht haben? Wie also sollte Kirche in den Medien unterwegs sein? Für Christiane Florin braucht es dafür nicht nur einen Hang zur Selbstdarstellung. Die Verantwortlichen in der Kirche müssten vielmehr Freude daran entwickeln, sich der Öffentlichkeit zu stellen. Stattdessen würde die Medienarbeit der Kirche häufig aus Medienabwehr bestehen. „Interviews werden von Geistlichen durchlitten, weil ja Journalisten wie die lästigen Laien immer dieselben blöden Fragen stellen nach dem Sex, dem Zölibat und der Frauenordination.“ Eine solche Leidenshaltung sei aber fatal, so die Journalistin.

Sie rät der Kirche dazu, Konflikte offen anzugehen. Florin: „Es gibt in der Kirche noch immer die Einstellung: Wenn die Wirklichkeit nicht unseren Vorstellungen entspricht, dann hat eben die Wirklichkeit ein Problem.“ Als teilnehmende Beobachterin, als Journalistin und Katholikin sei es ihr nicht egal, was aus der Kirche wird, betonte sie. Deshalb ärgere sie auch die Mischung aus Selbstherrlichkeit und Zerknirschtheit, die ihr in der Kirche begegne. Noch immer werde lieber angeordnet, als argumentiert. So funktionierten Medien aber nicht. Viele Kirchenvertreter, so ihre Beobachtung, seien ganz gern geisterfahrend oder unsichtbar im Untergrund unterwegs, wenn ihnen die Welt zu sehr auf die Pelle rückt. „Einer der bewegendsten Texte des neuen Testaments wurde aber nicht in einem Tunnel gesprochen, sondern auf einem Berg.“

Sommerlichter? Zumindest im Saal hatten die beiden Referenten für einen heiter-nachdenklichen Nachmittag gesorgt. „Es gibt immer wieder Stunden, die man so schnell nicht vergisst“, war sich Bischof Franz-Josef Overbeck mit vielen Teilnehmerinnen und Teilnehmern dieses ersten Tages der pastoralen Berufe im Ruhrbistum einig. Kurzum: Premiere gelungen. Wiederholung durchaus erwünscht.(ul)


Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

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