Solidarisch mit den Menschen und der Welt zugewandt

Sich immer wieder neu an der eigenen Programmatik zu orientieren und diese immer wieder an der gesellschaftlichen Entwicklung auszurichten, dazu rief der Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck am Samstag beim „Tag der Verbände im Bistum Essen“ auf. Er warb dafür, sich stark in die gesellschaftspolitischen Debatten einzubringen.

Tag der Verbände im Bistum Essen

Sich immer wieder neu an der eigenen Programmatik zu orientieren und diese immer wieder an der gesellschaftlichen Entwicklung auszurichten, dazu rief der Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck am Samstag beim „Tag der Verbände im Bistum Essen“ auf. Heute stehe nicht mehr „der Arbeiter“, „die Frau“ oder „der Handwerker“ unter Repräsentationslogik im Zentrum des Interesses. „Vielmehr geht es heute um sachliche Problemorientierung, um konkrete Sozialpolitik, um den Erhalt der Familie als Lebensform, um gute Möglichkeiten für Jugendliche, Gemeinschaft und einen Weg in ein eigenverantwortliches Leben zu finden“, betonte Overbeck in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim.

Verbände gäben dabei als kirchliche Gemeinschaften Menschen Heimat. Darüber hinaus seien sie „das wichtige Bindeglied“ im jeweiligen gesellschaftlichen Kontext. „Wenn Sie sich anwaltschaftlich für die Menschen, für Gerechtigkeit und das Gemeinwohl einsetzen wollen, müssen Sie sich immer stärker in die gesellschaftspolitischen Debatten einbringen“, sagte der Bischof auf der Tagung zum Thema „Das Sozialbistum Essen – Selbstverständnis, Herausforderungen und gesellschaftliche Positionierung“. Verbände hätten in einer solchen, am christlichen Menschenbild orientierten Arbeit als Laien „ihr besonderes Charisma in Kirche und Gesellschaft“. Für das vielfältige ehrenamtliche Engagement dankte Overbeck den Verbandsvertretern.


Der Begriff "Sozialbistum" ist geschichtlich gewachsen

Der Begriff „Sozialbistum“ sei einmalig in der Landschaft der Katholischen Kirche in Deutschland und sei zu einem „Synonym“ für das Bistum Essen geworden. Der Begriff „Sozialbistum“ sei historisch gewachsen. „Das heißt, dass dieser Begriff über die Zeit von verschiedenen Menschen – vor allem durch vielfältiges soziales Engagement von Laien – in unterschiedlichen Situationen geprägt worden ist“, so Bischof Overbeck. Er erinnerte dabei an den Auftrag und die frühe Prägung des Ruhrbistums, vom Katholikentag 1949 in Bochum über die Gründung des Bistums 1958 bis hin zum Katholikentag 1968 in Essen und den Besuch von Papst Johannes Paul II. im Jahr 1987. „Der Katholikentag in Bochum hat uns die Sorge für die Humanisierung der Arbeitswelt zur Aufgabe gemacht, der Katholikentag in Essen hat uns die Notwendigkeit gesellschaftlicher Dialogbereitschaft und Weltoffenheit aufgezeigt, und der Papstbesuch hat uns allen und jedem einzelnen aktive Mitarbeit an gesellschaftlichen Fragen aufgetragen“, fasste Overbeck zusammen. Als „Sozialbistum“ sei die Diözese Essen deshalb vor allem darum bemüht, „in der Gesellschaft die Frage nach der Gerechtigkeit und dem Gemeinwohl zu stellen“. Das bedeute: offener Diskurs mit allen gesellschaftlichen Akteuren, aktive Mitarbeit und das Bemühen um politische Partizipation.


Kirche im Volk

Die Verbände rief Overbeck auf, vor den Veränderungen in Kirche und Gesellschaft nicht die Augen zu verschließen. „Es geht nicht nur darum, die Welt zu verstehen, sondern auch das Selbstverständnis der Kirche in der Welt immer wieder neu zu formulieren“, so der Bischof. Heute sei die Kirche Teil einer „ausdifferenzierten und pluralen Gesellschaft“. Die Kirche sei zwar nicht mehr Volkskirche, „aber wir bleiben Kirche im Volk mit volkskirchlichen Elementen“, sagte Overbeck. Diese „Kirche im Volk“ müsse solidarisch mit allen Menschen und der Welt zugewandt bleiben. „Deshalb wird es eine große Herausforderung sein, das Zueinander von Kirche und Gesellschaft immer wieder neu zu bestimmen.“ Dabei müsse die Kirche auch immer wieder eine „lernende Kirche“ sein.

Als „Sozialbistum“ setze sich das Ruhrbistum in der gesellschaftspolitischen Debatte für den Wert und die Würde des Menschen, für christliche Werte und Normen ein, für Arme, Schwache und Benachteiligte. Was den gesellschaftlichen Pluralismus und das „Nebeneinander von Menschen verschiedener Religionen und Ethnien“ betreffe, müsse das „Sozialbistum“ auch „Verantwortung für den ‚sozialen Kitt’ in der Ruhrgebietsregion übernehmen“, so Overbeck.


Austausch und Netzwerke

Das unterstrich auch Reinhard Paß, Oberbürgermeister der Stadt Essen. Er skizzierte den tiefgreifenden wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Wandel und die damit einhergehenden Auswirkungen auf das Wertesystem. Das Streben nach Individualität und Selbstverwirklichung habe zugenommen. Lebensentwürfe gestalteten sich schwieriger als früher, das berufliche und nachbarschaftliche Umfeld ändere sich häufiger. „Der Verlust der Konstanten ist ein Grund für den Rückzug auf sich selbst“, betonte Paß. So habe die Bereitschaft zum „solidarischen Miteinander“ kontinuierlich abgenommen. Ein Drittel der Bevölkerung engagiere sich ehrenamtlich, ein weiteres Drittel würde das gerne tun. Ausdrücklich lobt der Oberbürgermeister das ehrenamtliche Engagement bei Kirche und Kommune und nannte Beispiele gelungener Zusammenarbeit. Dennoch warb Paß für eine „Aktivierung“ des ehrenamtlichen Potenzials“. „Denn das gesellschaftliche Engagement bestimmt die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt“, betonte der Oberbürgermeister. Was das ehrenamtliche Engagement betreffe, müsse eine „Anerkennungskultur“ geschaffen werden.

Was die Zusammenarbeit von Kirche, kirchlichen Verbänden und Kommune betrifft, nannte Paß folgende Aufgaben und Ziele: Austausch und Vernetzung, Menschen Zugang zu ehrenamtlicher Arbeit verschaffen, frühzeitig auch junge Menschen ansprechen, ältere Menschen mit einbeziehen, für eine Begegnung der Generationen sorgen, Menschen mit Migrationshintergrund zu ehrenamtlichen Engagement ermutigen. Paß warb für eine Arbeit in den Stadtteilen, also im unmittelbaren Lebensumfeld der Menschen: „Kirchengemeinden und Verbände können hier Heimat geben, und gleichzeitig auch Lern- und Lebensort sein.“ (do)

Referat von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

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