„ …so will ich Zeugnis geben“

Eine Chance für die Kirche und Gesellschaft in Deutschland ist für Dr. Stefan Vesper, Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), der Besuch von Papst Benedikt XVI. Vesper sprach beim "Kreuzganggespräch" in Essen.

ZdK-Generalsekretär Dr. Stefan Vesper beim „Kreuzganggespräch“ am Vorabend des Papstbesuches

„Lehr mich den Weg zum Leben, führ mich nach deinem Wort, so will ich Zeugnis geben…“ Ganz schön fromm liest sich das. Es ist ein Text aus dem Gesangbuch "Gotteslob", Lied 614. Und er könnte ein Ergebnis des Papstbesuches in Deutschland sein: Zeugnis geben. „So sehe ich das“, sagt jedenfalls Dr. Stefan Vesper. Er ist Generalsekretär des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, und am „Vorabend des Papstbesuches war er jetzt im Bistum Essen. Beim "Kreuzganggespräch“, einer gemeinsamen Veranstaltung der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ und des Essener Domkapitels.

Es ist, wie es ist: Die Veranstaltung mit Dr. Vesper war vor dem Papstbesuch. Doch die Fragen, die an diesem Abend gestellt und die Antworten, die gegeben wurden, sind und bleiben wie die Erwartungen an den Besuch aktuell: während der Tage, die Benedikt XVI. Deutschland besucht und auch danach. Denn Deutschland erlebt kirchenpolitisch bewegte Zeiten – sie werden nicht abrupt enden und Forderungen nach strukturellen Reformen nicht plötzlich verstummen.

Es war Dr. Michael Schlagheck, der Direktor der „Wolfsburg“, der gleich zu Beginn der Veranstaltung auf den „Riss“ aufmerksam machte, der „durch den deutschen Katholizismus geht“. Er zitierte dazu kurz aus der vom Deutschen Bundestag herausgegebenen Zeitung „Das Parlament“. „Die Polarisierung zwischen Reformern und betont Romtreuen unter den Katholiken hat einen neuen Höhepunkt erreicht. Es geht um Fragen wie die Lockerung des Zölibats, das Frauen-Diakonat, die Sakramente für wiederverheiratet Geschiedene oder eine andere Sexualmoral.“ Es gehe vor allem aber auch darum, dass die Befürworter von Reformen bei Rom-Orientierten im Verdacht ständen, die katholische Kirche „protestantisieren“ zu wollen und auf der anderen Seite etwa das ZdK vor allem „konservativ orientierten Strömungen“ vorwerfe, allzu sehr bestimmen zu wollen, was katholisch und gläubig sei und was nicht.


Papstbesuch als Chance für Kirche und Gesellschaft

Die Spannungen kennt Dr. Vesper, Vorwürfe gab es von ihm nicht. Er nahm aus seiner, einer auffallend optimistischen Sicht den Papstbesuch in den Blick. „Dieser Besuch ist eine Chance für unsere Kirche und die Gesellschaft in Deutschland.“ Wenn, ja wenn, so Dr. Vesper, „zwei Gefahren“ vermieden würden. Erstens dürfe der Besuch nicht auf ein innerkirchliches Ereignis verengt werden. Und zweitens, so Dr. Vesper, dürfe der Papst nicht als eine Art „Heilsbringer“ verstanden werden, der durch ein „erlösendes Wort“ alle politischen und kirchlichen Probleme lösen könne. Das meint: Das Wort des Papstes sei selbstverständlich zu hören und zu beachten. Aber der Papst habe als Oberhaupt einer Weltkirche mit 1,2 Milliarden Mitglieder in all seinen Reden eine weltweite Perspektive. „Er wird raten, er wird Anstöße geben – aber Probleme lösen, gemäß unserem Charisma Zeugnis geben, das müssen wir selbst.“

Dabei setzt der Generalsekretär des ZdK auf „selbstbewusste Laien“. Der Papst komme in ein Land, dessen politische, gesellschaftliche und kirchliche
Lage er gut kenne und wo in Gesellschaft und Politik das kluge und begründete Wort der Kirchen zähle – und damit oft das Wort katholischer Laien. Die sich in Verbänden und Räten organisierten, in öffentlichen Ämtern, in Länderparlamenten, im Bundestag, im Europaparlament. „Als Getaufte und Gefirmte sind sie Träger der kirchlichen Sendung und bringen sich mit Sach- und Fachkompetenz in den gesellschaftlichen Prozess der politischen Meinungs- und Willensbildung ein.“ Vesper erinnerte daran, was in Kunst und Kultur, im sozialen Bereich alles geleistet werde. „Es ist falsch, immer nur vom drohenden Untergang zu sprechen, es geht nicht nur bergab.“ Aus katholischer Überzeugung heraus die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, dafür ständen unzählige Laien. Der Besuch des Papstes werde ihnen Mut machen, sie unterstützen – und „durch großen Zulauf zu den Gottesdiensten und Begegnungen mit dem Papst in Berlin, Erfurt und Freiburg zeigen wir Katholiken der Gesellschaft auch: ,Wir sind da! Ihr könnt auf uns zählen, ihr könnt euch auf uns verlassen.‘“ Für Vesper ist es keine Frage, dass diese Signale auch bei „Menschen, die nicht glauben“, aufmerksam registriert werden und sie großen Wert darauf legen.


Auf einem guten Weg

Einen hohen Wert misst der Generalsekretär dem Dialogprozess in der Kirche zu und er ist überzeugt davon, dass der Papstbesuch diesem Prozess in „guter Weise“ Impulse geben wird. „Vor allem durch die klare Bekräftigung, dass wir für die Kirche in unserem Land miteinander auf einem guten Weg sind.“ Diesen „guten Weg“ unterteilt Vesper in drei Themenfelder.

Erstens gehe es im Dialogprozess immer wieder neu um den Glauben, um die persönliche Überzeugung jedes Einzelnen, seine Beziehung zu Gott und Jesus Christus. „Das klingt fromm, und es ist auch so gemeint“, betont Vesper – und fügt als Konsequenz an: „Ohne gesellschaftliches Zeugnis bliebe unser Glaube hohl.“

Als das zweite und wohl „bedrängendste Problem“ des Dialogprozesses benennt Vesper die Frage der Zusammenschlüsse von Gemeinden. „Dahinter verbirgt sich die drohende Gefahr, nicht mehr Kirche vor Ort, im Ort sein zu können.“ Die katholische Kirche müsse neue und andere Wege finden, um „als Kirche institutionell und sakramental unter den Menschen zu bleiben“. Die „XXL-Gemeinden“, die überall entständen, „und zwar ausschließlich auf Grund der zurückgehenden Priesterzahlen“, seien keine Lösung. „Wir müssen an vielen Stellen nachdenken, zuallererst beim Verständnis von Kirche, der Bedeutung von Taufe und Firmung für den Auftrag, den wir alle als Katholiken haben, Kirche zu sein, jeden Tag, an jedem Ort.“

Und ein drittes Themenfeld nannte der ZdK-Generalsekretär, die sogenannten „sperrigen Themen“: Diakonat der Frau, Viri probati, die Zulassung wiederverheiratet Geschiedener oder des evangelischen Partners einer konfessionsverschiedenen Ehe zur Eucharistie. Auch die Spannungen zwischen Lehre und gelebter Wirklichkeit im Bereich der Sexualmoral der Kirche verlangten nach Lösungen. „Jugendliche und Erwachsene leben hier meilenweit entfernt von der Lehre der Kirche.“ Vorwürfe, dies seien doch die „immer gleichen, alten Themen“, kontert der Generalsekretär: „Die Themen sind nicht alt, sondern immer noch aktuell. Sie sind vor allem aber in der Lebenswelt beheimatet.“

Dr. Vesper schaut optimistisch auf den Dialogprozess, in dessen Startphase der Papstbesuch fällt – und dieser sieht eine Begegnung einer Delegation des ZdK mit Benedikt XVI. vor: „Wir werden zur Sprache bringen, wie wir die Situation in Kirche und Gesellschaft sehen“, sagt Vesper.

Ermutigung erhofft er sich (auch) bei diesem Gespräch. Wobei er darüber hinaus fest davon überzeugt ist, dass der Dialogprozess nicht in einer Enttäuschung enden wird. Als starkes Argument dafür führt er die Dialogauftaktveranstaltung in Mannheim an. „Es war nicht nur wichtig, was wir besprochen haben. Es war auch wichtig, wie wir miteinander gesprochen haben: ehrlich, ruhig, sachlich, geschwisterlich, mit Wertschätzung und Respekt.“ (ule)

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