Sich stärker den suchenden Menschen öffnen

Sich als Kirche mit den suchenden Menschen auf den Weg der Suche zu machen und diese dabei solidarisch zu begleiten, dazu rief der Prager Theologe, Philosoph und Soziologe, Professor Tomáš Halík, beim Tag der Priester, Diakone und pastoralen Berufsgruppen in Essen auf.



Prager Soziologe sprach beim Tag der Priester, Diakone und pastoralen Berufsgruppen

Für eine Neuorientierung der Kirche in der Seelsorge und Kommunikation plädiert der Prager Theologe, Philosoph und Soziologe, Professor Tomáš Halík. „Die Kirche muss verstärkt offen sein für die Suchenden und ihre Fragen ernst nehmen“, betonte er am Montag, 13. Januar, beim Tag der Priester und Diakone in Essen, an dem auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der pastoralen Berufsgruppen teilnahmen. Halík rief dazu auf, sich als Kirche selbst als Suchende zu verstehen und sich auf den Weg mit den suchenden Menschen zu machen. Die Zukunft der Kirche hänge davon ab, inwieweit es ihr gelinge, diese anzusprechen und mit ihnen in einen Dialog zu treten.

Vor den rund 380 Zuhörerinnen und Zuhörern im „Hotel Franz“ des Franz-Sales-Hauses nahm der Professor in seinem Vortrag Bezug auf das „Zukunftsbild“ des Bistums Essen. „Die religiöse Szene ist heute vielfältig, und unsere Antwort auf diese Zeichen der Zeit muss ebenfalls vielfältig sein“, so Halík. Es gebe viele Arten und Formen von Glaube und Unglaube. Doch der Dialog zwischen beiden finde „im Innern der Menschen“ statt. Hinzu komme noch der Zweifel. Doch Glaube und Zweifel bräuchten einander. „Glaube ohne Zweifel könnte der Versuchung, der Gefahr von Erstarrung, Fundamentalismus oder Fanatismus erliegen“, betonte der Professor. Zweifel seien aber in der Regel nicht Zweifel an Gott, sondern an der menschlichen Art des „Gottverstehens“.


Zahl der Suchenden nimmt zu

Nach Ansicht von Halík verläuft heute die Hauptrennlinie nicht zwischen „Gläubigen“ und „Nichtgläubigen“, sondern zwischen den „dwellers“  (den heimisch Gewordenen) und den „seekers“ (den Suchenden). Nicht die Zahl der Gläubigen nehme ab, sondern die Zahl der „dwellers“, und das in beiden Lagern. „Doch unter Menschen, die sich für Gläubige halten, wie auch unter jenen, die sich als Ungläubige deklarieren, nimmt die Zahl der Suchenden zu“, so der Soziologe. Diesen Suchenden sollte die Kirche ihre größte Aufmerksamkeit widmen. Halík wies jedoch darauf hin, dass diejenigen, die in der traditionellen Kirchengestalt ihr Zuhause gefunden haben und aus dem Glauben leben, das Recht hätten, „pastorale Fürsorge und Unterstützung“ zu erwarten.

Der Professor warnte davor, „von oben“ und als „Besitzer der Wahrheit“ an die Suchenden heranzutreten und sie als „verlorene Schafe“ anzusehen. Sonst sei die Seelsorgearbeit von Anfang an zum Scheitern verurteilt. Suchende Menschen gebe es überall. Sie fragten nach dem Sinn des Lebens, hätten „Sehnsucht nach etwas Größerem, nach Tiefe“. Halík wies darauf hin, dass die „Erfahrung der Verborgenheit Gottes“ zu den Zeichen der Zeit gehöre. Es gehe darum, Gott zu suchen, eine „Sensibilität für die Spuren Gottes“ zu entwickeln. Dabei könne die Seelsorge, „wenn sie wirklich ein Ausdruck ernster Sorge um die Seele sein soll sowie ein Dienst an der Seele“, lediglich „eine solidarische Begleitung auf dem Weg des Suchens“ sein. Denn Solidarität mit den Suchenden heiße Begleitung, nicht Bekehrung. „Diesen Weg müssen die Menschen in Freiheit gehen“, betonte der Theologe.  

Für ihn befindet sich das Christentum in Europa in einer „mittäglichen Ermüdung“. Vielleicht sei es an der Zeit, - so der Professor -, „aus der mittäglichen Siesta zu erwachen und sich auf den Weg der Suche mit den Suchenden zu begeben – in die Tiefe, und diesen Weg lernend und wirksam zu gehen“. (do)


Begrüßung -  Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve

Vortrag von Professor Tomáš Halík

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