Sich mit Glaube und Vernunft der Moderne öffnen

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck stellte bei einer Ökumenischen Vesper anlässlich der 50. Essener Gespräche den Pluralismus und die Religionsfreiheit in den Fokus seiner Predigt.

Die Religionsfreiheit ist nach Überzeugung des Essener Bischofs Dr. Franz-Josef Overbeck einer der wichtigsten Gradmesser dafür, ob es einem Staat und einer Gesellschaft ernsthaft um Gleichheit und Rechte aller gehe. Dabei sei es eine Herausforderung für alle Gläubigen, zu zeigen, wie sich deren jeweilige Religion in das Gesamtbild der Gesellschaft einfügt, betonte er am Sonntagabend, 8. März, bei einer Ökumenischen Vesper anlässlich der Feier der 50. Essener Gespräche zum Thema Staat und Kirche in Essen. Overbeck: „Denn wer an der Freiheit teilhat, dem wird zugemutet, die praktizierte Freiheit des anderen zu ertragen. Nur so können Grundrechte eingehalten und verwirklicht werden.“

Scharf verurteilte der Ruhrbischof Gewalt im Namen der Religion. „Gewalt ist selbst dann illegitim, wenn eine Religion auf das Widerlichste geschmäht und mit Kübeln von Schmutz und Verachtung überschüttet wird“, betonte er. „Die islamistischen Terroristen, die in diesen Tagen unter anderem auch Christen umbringen, löschen mit dem Leben ihrer Opfer auch Sicherheit und Freiheit aus und bedrohen die Rechtsordnung des Ganzen.“

Der Bischof machte deutlich, dass Religionen nicht in die Privatsphäre verbannt werden dürften, sondern am öffentlichen Leben teilnehmen können müssen. Religiös begründete Beiträge zu allen Fragen gesellschaftlichen Lebens und ihrer Diskurse müssten aber öffentlich vertreten und mit Vernunft verstanden werden können. Dies verbiete zugleich fundamentalistische Ansprüche. Overbeck: „Für uns Christen heißt das, sich mit Glaube und Vernunft immer wieder der Moderne zu öffnen und zu bezeugen, die Kluft zwischen Politik und Religion überbrücken zu können, ohne die Religion zu politisieren und die Politik religiös aufzuladen.“ So könne sich der eigene Universalitätsanspruch, verbunden mit der Wahrheitsfrage, nicht missbrauchen lassen zu einer Legitimation von Gewalt im politischen wie auch im religiösen Bereich.

Deshalb führe die „populistische Frage“, ob der Islam zu Deutschland gehöre, auch weg von der eigentlichen Problematik. Wichtiger sei vielmehr die Thematisierung des Dreiecksverhältnisses von Religion, Kultur und Identität, so der Bischof weiter. „Muslime gehören heute wie Christen und Juden, Agnostiker, Atheisten, Nihilisten und Andersbekennende zu Deutschland.“ Es wäre aber ein fataler Kurzschluss, allein die vorhandene Vielfalt festzustellen und zu behaupten, die „bunte Republik“ könne die in ihr wohnenden Spannungen durch einen deklamatorischen „Multikulturalismus“ überwinden.

Overbeck rief dazu auf, „eine konstruktive Haltung zum Pluralismus zu gewinnen“. Der christliche Glaube lebe nie für sich in einer Nische, so der Bischof weiter, sondern müsse immer vom anderen her und damit in Bezug auf das gesamtgesellschaftliche Wohl denken und leben. Wenn Christen „Salz der Erde“ und „Licht der Welt“ sein sollen, dann müssen sie sich mit ihrem Proprium der Öffentlichkeit und damit dem gesamtgesellschaftlichen Diskurs stellen und ihn gestalten.

Mit Blick auf die Feier der 50. Essener Gespräche warnte er davor, mit Hilfe von Appellen vermeintlich gute alte Zeiten wieder herstellen zu wollen. Appellationspolitik und Appellationsdenken seien immer zum Scheitern verurteilt. „Unsere Aufgabe ist es vielmehr, das Verhältnis von Staat und Kirche, von Religion und Politik, von christlichen Konfessionen und anderen Bekenntnissen in einer neuen Qualität zu beschreiben, die uns anschlussfähig macht an die dynamischen Entwicklungen unserer Welt“, so der Bischof. „Bloß die eigene institutionelle Bedeutung möglichst feierlich zu deklamieren und daran zu erinnern, was fehlte, gäbe es uns nicht, reicht nicht mehr aus. Vielmehr gehe es um erfahrene Kompetenz, die als ein Angebot unter anderem Relevanz und neues Vertrauen erzeugen könne.

Overbeck dankte allen, die die Essener Gespräche „nicht nur initiiert, sondern auch getragen und gestaltet haben“. Overbeck: „Für das zukünftige Nachdenken und Vordenken erbitte ich allen Segen und eine wirklichkeitsgesättigte Kreativität, die in einer offenen Gesellschaft, Zeugnis von einer offenen Kirche gibt, die ihre Identität und Relevanz für die Menschen als Salz der Erde, Licht der Welt und Stadt auf dem Berge bezeugt.“ (ul)

Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Grußwort von Kardinal Marx zur Feier der "Essener Gespräche"

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