„Sexualität ist Teil der guten Schöpfung“

Es ging thematisch um ein "heißes Eisen". Es wurde kontrovers diskutiert, aber in einer respektvollen Weise. "Wie können Kirche und Theologie über Sexualität reden?" - diese Frage stand im Mittelpunkt der dritten Veranstaltung "Dialoge mit dem Bischof" in der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim.



Bischof Overbeck und Experten diskutierten ein „heißes Eisen“

Das Thema hat es in sich, es polarisiert und zählt zu den „heißen Eisen“. Kirchliches Amt, Theologie wie auch die Gläubigen tun sich schwer, wenn es um das Thema „Kirche und Sexualität“ geht, um ein Thema, das durch die Missbrauchsskandale neu angeheizt wurde. Obwohl es sich bei der Sexualethik um ein klassisches Thema kirchlicher Verkündigung handelt, scheinen Verbote und das Schweigen zu überwiegen. Das jedenfalls meinen nicht wenige. Dass sich die Katholische Akademie „Die „Wolfsburg“ in Mülheim jetzt in einer Veranstaltung im Rahmen des Dialogprozesses im Bistum Essen an dieses „heiße Eisen“ wagte, ist nicht nur mutig, sondern setzt auch das um, was Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck in seinem Hirtenwort zum Dialogprozess als eine der inhaltlichen Vorgaben formulierte, nämlich auch „so genannte kirchenkritische Themen“ zu diskutieren.

Die Podiumsdiskussion in der Reihe „Dialoge mit dem Bischof“ war durchaus kontrovers. Doch die über 200 Zuhörer, darunter auch Homosexuelle, erlebten einen sachlichen Meinungsaustausch auf hohem Niveau, und das in einer respektvollen Gesprächsatmosphäre. Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck hatte zu dieser  Debatte Fachleute geladen, die sich aus ganz unterschiedlichen Erfahrungswelten zur katholischen Sexualethik positionierten: neben Bischof Overbeck waren es der Moraltheologe Professor Dr. Konrad Hilpert, München, der Bonner Psychoanalytiker und Beratungsstellenleiter Dr. Elmar Struck und die Hamburger Sexualforscherin Professor Dr. Hertha Richter-Appelt.

Sie warf der Kirche vor, nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass sich die Sichtweise von Sexualität in der Gesellschaft verändert habe, und stellte die lehramtlichen Vorgaben in Frage. „Sexualität ist ein natürliches Bedürfnis, das bestimmten Regeln unterliegen muss, aber nicht allein der Zeugung dienen darf“, so die Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie. Sexualität nur mit Reproduktion zu koppeln, sei „überholt“. Sexualität sei im Leben eines Menschen ein „wichtiger Faktor, um Befriedigung zu bekommen“ und ein wichtiger Bestandteil von Bindung und Beziehung. Ob gleich- oder gegengeschlechtliche Sexualität – entscheidendes moralisches Kriterium müsse sein, ob man sich selbst oder anderen schade. 

Angesprochen auf die Missbrauchsskandale in jüngster Zeit und auf das Verhältnis von Macht und Sexualität forderte Bischof Overbeck eine „neue Transparenz, Offenheit und Entschiedenheit“ sowie ein „neues ethisches Sprechen über Sexualität“. Der Ruhrbischof räumte ein, dass viele Menschen  Schwierigkeiten mit der kirchlichen Autorität hätten – nicht nur in Fragen der Sexualität. Die Tradition der Kirche werde bei vielen gerade hinsichtlich der Sexualmoral als „sperrig“ empfunden. „Doch wie kann die sperrige Tradition Trittsicherheit für Neues sein?“, fragte Overbeck und erinnerte an die „Schätze“ der kirchlichen Tradition, dass Sexualität in das weite Feld der Liebe eingebettet sei, dass Ehe und Familie für Frauen und Männer einen Schutzraum darstellten und dass das Wohl des Kindes in den Bereich von Sexualität und Liebe gehöre. „Tradition darf aber nicht zu einer Verbotsmoral führen“, so der Bischof. Es gehöre zum Menschen, sexuell zu sein. Doch daraus folge eine „hohe moralische Anforderung“.


Von der Verbotsmoral zur Tugendmoral

Mit Blick auf eine zukunftsfähige Sexualethik die vielen ungelösten Fragen entschlossen anzugehen, mahnte Professor Hilpert an. Seiner Meinung nach müsse eine Revision der traditionellen Sexualmoral der Kirche vorgenommen werden. Der Moraltheologe kritisierte eine starre Verbindung zwischen Sexualität und Zeugung in der kirchlichen Lehre. Für ihn ist es keine Frage, dass auch Kinder zu einer Beziehung gehören. Das bedeute aber nicht, dass „die Offenheit für das Kind“ für jeden einzelnen Akt gelte. Für den Theologen ist es wichtig, dass eine „Verbotsmoral“ zugunsten einer Moral, die sich an positiven Werten wie Treue, Liebe sowie vorbehaltloser und ganzheitliche Annahme orientiere, zurücktrete. Hilpert nennt dies eine „Tugendmoral“. Auch die Fixierung auf die Fortpflanzungsfunktion von Sexualität müsse aufgegeben werden. „Sexualität ist Teil der guten Schöpfung“, betonte der Professor, der statt von Sexualmoral lieber von Beziehungsethik spricht. „Dieser Begriff weist deutlich darauf hin, dass es bei der Sexualität eigentlich um die Interaktion zwischen Personen geht, die sich ganzheitlich einbringen, und nicht nur um lustvolle Berührungen oder Handlungen“, so der Theologe. Er sieht einen „Nachholbedarf“ bei alten wie neuen Herausforderungen. Hier nannte er die Verhütung genauso wie Missbrauch und Gewalt in Beziehungen, sexuelle Verwahrlosung von Kindern, Pornografie, Intersexualität oder interkulturelle Beziehungen.


Wir müssen freundlichere Antworten finden

Mehr von Werten auszugehen als von Normen, dafür sprach sich auch der Leiter der Katholischen Ehe-, Familien- und Lebensberatung Bonn, Dr. Elmar Struck, aus. "Es gibt kein Weniger an Moral in der Gesellschaft, aber sehr hohe Ansprüche und manchmal auch zu hohe Normen“, betonte der Psychoanalytiker. Auch er hält die enge Koppelung von Sexualität an Ehe und Familie für problematisch. Viele Menschen seien gar nicht in der Lage, sich auf „das Abenteuer Ehe“ einzulassen, hätten aber nun mal eine Sexualität. „Da kann man nicht einfach Verzicht predigen“, so Struck. Das sei mit Blick auf die kirchliche Tradition zwar logisch, aber die Logik sei nicht machbar. Mit Blick auf Geschiedene, getrennt Lebende, Singles und Homosexuelle meinte der Lebensberater: „Wir müssen freundlichere Antworten für die finden, die nicht in einer Ehe leben.“

Nicht auf der Stelle zu treten, nicht nur „ausgetretene Pfade der Argumentation“ zu beschreiten oder „wechselseitige Denkverbote“ zu errichten, das hatte Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck als Intention an den Anfang dieser Dialogveranstaltung gestellt. Er hatte von „Nachdenklichkeit, Offenheit, Respekt, Bereicherung und Partizipation“ gesprochen. All diesem wurde der Abend gerecht, was nicht nur die Podiumsteilnehmer, sondern auch die Zuhörer mit Applaus honorierten. Es war – wie ein Gast anmerkte – „ein echter Dialog, ein Dialog auf Augenhöhe“. Mit einem Zitat des 1999 verstorbenen Regisseurs August Everding beschrieb Schlagheck am Ende der Veranstaltung wohl die Befindlichkeit vieler Besucher: „Bin überrascht, nachdenklich, beunruhigt“. (do)

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