Seit 25 Jahren "Amigos" der Jugendlichen in Gelsenkirchen

Am Wochenende laden die Amigonianer-Brüder in Gelsenkirchen zum großen Fest in ihren Jugendtreff. Am Sonntag feiern sie um 11 Uhr das 25-jährige Bestehen des Jugendtreffs im Stadtteil Feldmark und das 125-jährige Bestehen ihres Ordens und stellen dabei ihre besondere Arbeit als "Freunde der Jugendlichen" vor.

Im Jugendtreff ganz hoch hinaus

Auf der Wiese kann man ganz schön hoch schaukeln. Viel höher als auf normalen Spielplätzen. Die beiden Schaukeln hier sind größer und haben richtig lange Ketten. Ganz nach oben kann man hier schaukeln, gefühlt bis in den Himmel – oder zumindest bis an die Überlandleitungen, die hier zwischen Hochhaussiedlung und Ausfallstraße entlang führen. „Die Schaukeln sind bei unseren Kindern und Jugendlichen total beliebt“, sagt Bruder Anno Müller. Vielleicht, weil „ganz oben“ hier für viele ein großer Wunsch ist. Denn die Nachbarschaft hier ist eher von „unten“ geprägt, von Hartz IV, Sozialem Wohnungsbau und allen möglichen schwierigen Lebensverhältnissen.

Hier setzen die Amigonianer um Bruder Anno seit 25 Jahren Zeichen der Hoffnung und der praktischen Hilfe – seit 1989 betreiben die Brüder der Ordensgemeinschaft in Gelsenkirchen-Feldmark einen Jugendtreff und wohnen gleich um die Ecke in einem der unscheinbaren Reihenhäuser. Am Wochenende laden sie zum großen Fest ein, dann stehen nicht nur 25 Jahre Jugendtreff auf dem Programm, sondern auch das 125-jährige Bestehen der spanischstämmigen Ordensgemeinschaft.

Für Jugendliche, deren Leben nicht glatt läuft, die Ecken und Kanten haben, die einen rauen Weg gehen“, beschreibt die Gemeinschaft ihre besondere Mission. Ende des 19. Jahrhunderts war die junge, von Pater Luis Amigó gegründete Gemeinschaft die erste, die sich in Madrid um straffällig gewordene Jugendliche kümmerte, „eine Gruppe, die auch die Kirche damals kaum im Blick hatte“, sagt Bruder Anno. Bis heute wollen sie „Freunde“ der Jugendlichen sein, ganz dem Namen ihres Ordensgründers (Amigo = Freund) entsprechend. Bruder Anno sitzt im Wohnzimmer des Reihenhauses, in dem die drei Gelsenkirchener Amigonianer leben, auf einem gemütlichen Sofa. Hinter ihm ein volles Bücherregal, rechts daneben eine hölzerne Schrankwand in bestem „Gelsenkirchener Barock“. „Das ist uns alles geschenkt worden“, sagt der 47-Jährige, der in der kleinen Haus-, Wohn- und Lebensgemeinschaft der jüngste ist. Nicht nur im Wohnraum, sondern auch in Flur und Küche dürfte die Einrichtung eher mit den Nachbarhäusern links und rechts vergleichbar sein als mit einem Kloster, mal abgesehen von der kleinen Hauskapelle im Keller. „Wir wollen ganz nah bei den Menschen sein“, bemüht sich Bruder Anno, das „franziskanische Charisma“ seines Ordens zu erläutern. Das Gelübde der Armut ist hier jedenfalls mit Händen greifbar. „Es geht uns um das Mitleben mit den ,einfachen Menschen‘. Die sind direkt, da wird nichts durch ökonomische Möglichkeiten künstlich verdeckt, da herrscht das pure Leben – und wir Brüder werden da mit hineingenommen“, erzählt Bruder Anno. „Viva la vida!“ (es lebe das Leben) ist das Motto der Brüder in Gelsenkirchen. Weltweit gibt es rund 400 Amigonianer, ein Orden „mit familiärem Charakter“, wie Bruder Anno sagt.

Knotenpunkt in der Siedlung

In 25 Jahren ist das Wohnhaus der Brüder in Gelsenkirchen-Feldmark, vor allem aber der Jugendtreff, zu einem Knotenpunkt in der Siedlung geworden. Andere Treffpunkte gibt es kaum, „egal ob Schule oder Kindergarten – immer muss man raus aus der Siedlung“, beschreibt es Bruder Anno. Umso mehr sind die Brüder diejenigen, die die Menschen in der Siedlung vernetzen und helfen, wo sie können – dafür aber auch ganz viel zurück erhalten. „Für unser Amigo-Fest am Wochenende haben wir ganz viele Angebote von ehrenamtlichen Helfern bekommen“, freut sich der Ordensmann. Selbst die Menschen von der anderen Seite der Siedlung, wo ein paar hübsche Eigenheime entstanden sind kommen, helfen – und unterstützen den Förderverein des Jugendtreffs.

Dessen Kern ist ein Holzhaus am Rande der Siedlung, gleich an der großen Straße, hinter der die Hallen der Küppersbusch-Fabrik beginnen. Jetzt, am Vormittag liegen Haus, Wiese und Fußballplatz wie im Dornröschenschlaf. „Nachmittags geht es hier erst mit der Hausaufgaben-Betreuung los“, berichtet Bruder Anno. Dann sitzen Ehrenamtliche mit Grundschülern am Tisch, bei denen sich zuhause niemand so recht darum kümmert oder kümmern kann, dass am nächsten Tag alle Aufgaben erledigt sind. Später öffnet dann der eigentliche Jugendtreff. „Rund 150 Kinder und Jugendliche kommen pro Woche hier her“, sagt Bruder Anno. Dart, Billard, Video-Spiele und reichlich Spielzeug, dazwischen ein großes Kruzifix und ein fast lebensgroßes Bild von Bruder Amigó – die Ausstattung ist vielfältig. „Aber das Wichtigste für unsere Jugendlichen sind unsere Mitarbeiter“, sagt Bruder Anno. Sozialarbeiter und Pädagogen, die im Jugendtreff angestellt sind – oder Bruder Lucinio García mit seinem üppigen weißen Bart und der großväterlich-gütigen Ausstrahlung. Sie knüpfen die Beziehungen zu den Kindern und Jugendlichen, die diese zuhause oder anderswo in der Siedlung nicht knüpfen können. Mit zahlreichen Projekten und vielen Partnern wie Stadt, Stiftungen und Sponsoren bemühen sich die Amigonianer, diese Arbeit mit den Jugendlichen zu intensivieren. Da geht es zum Beispiel darum, Kinder fit für einen Fußballverein zu machen, oder die Vielfalt der verschiedenen Kulturkreise und religiösen Hintergründe in der Nachbarschaft als eine Bereicherung kennen zu lernen. Zudem gibt es neben dem Jugendtreff in Feldmark mittlerweile auch einen zweiten im Stadtteil Schalke.

Verein sichert Arbeit in der Zukunft

Längst sind es also nicht mehr nur die drei Brüder mit dem kaum aussprechbaren Ordensnamen, die hinter der Amigonianer-Arbeit in Gelsenkirchen stehen. Auch institutionell haben die Brüder ihre Arbeit vor eineinhalb Jahren breiter aufgestellt. Seitdem trägt der Verein „Amigonianer Soziale Werke“ die Verantwortung für die Arbeit. Der mangelnde Nachwuchs im Orden war ein Grund für diesen Schritt, verbunden mit dem Wunsch der Brüder, dass die Arbeit notfalls auch ohne Ordens-Personal weitergehen soll. Noch tragen indes die Brüder als Mitglieder den Verein, der durch ein breit qualifiziertes Kuratorium unterstützt wird – und in dem mittlerweile eine Geschäftsführerin die Bücher führt: Claudia Felderhoff hat seit 2013 ihr Büro im Wohnhaus der Brüder, im Erdgeschoss, gleich neben dem Wohnzimmer. „Das war schon eine Umgewöhnung“, sagt die Sozialarbeiterin, die zuvor in verschiedenen Bereichen der Diakonie tätig war. Eine Umstellung war es wohl auch für die drei Brüder, schließlich bereichert nun zumindest tagsüber eine Frau ihre Männer-WG. Doch die Rollen sind klar verteilt: Claudia Felderhoff arbeitet im Büro – und gekocht wird weiterhin von den Männern. „Jeder ist eine Woche dran“, sagt Bruder Anno und schnuppert im Hinausgehen bei Bruder Lucino in der Küche. Spanische Köstlichkeiten? „Nein, heute gibt’s Rosenkohl“, stellt Bruder Anno fest. So ist das wohl, wenn iberische Kochkunst auf Gelsenkirchener Wirklichkeit trifft.

Ein buntes Familienfest zum Jubiläum - und ein Wiedersehen mit Ehemaligen

Das bunte Familienfest, mit dem die Amigonianer in Gelsenkirchen 25 Jahre Jugendtreff und 125 Jahre Ordensgründung feiern, beginnt am Sonntag, 14. September, um 11 Uhr mit einem Gottesdienst am Jugendtreff, Aldenhofstraße 1a. Die Messe feiert der Leiter des Seelsorgedezernats im Bistum Essen, Dr. Michael Dörnemann. Anschließend spricht der Gelsenkirchener Oberbürgermeister Frank Baranowski ein Grußwort, bevor zahlreiche Spielstände und Sportangebote öffnen und es neben deutschen auch kulinarische Köstlichkeiten aus Spanien gibt.

Bereits am Samstag, 13. September, lädt der Jugendtreff ab 15 Uhr alle ehemaligen Besucher, Mitarbeiter und Freunde zu einem Treffen und einer gemeinsamen Rückschau auf die vergangenen 25 Jahre. Dann wird auch Pater Jürgen dabei sein, der den Jugendtreff maßgeblich geprägt hat und nun in Madrid lebt. Das Fest beginnt um 15 Uhr, die Amigonianer laden alle Ehemaligen ein, spontan vorbei zu kommen. (tr)

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