Schreiben wie zu Liudgers Zeiten

Die Zeitreise geht rund 1200 Jahre zurück. In einer Schreibschule in Essen-Werden greifen Kinder zur Feder und schreiben wie zu Zeiten des heiligen Ludgerus.

Die Schreibstube „Scriptorium Werdinensis“ wieder zum Leben erweckt

Konzentriert beugt sich Ben Elias über sein Schreibpult. In der Hand hält er einen alten Stahlfederhalter. In schwungvollen Bewegungen bringt er Formen und Buchstaben zu Papier. Was auf den ersten Blick wie Pauken in der Schule aussieht, geschieht hier im Kardinal-Hengsbach-Haus in Essen-Werden freiwillig und mit Hingabe. Innerhalb von drei Stunden lernen sieben Kinder und Jugendliche nämlich zu schreiben, wie es einst der heilige Liudger vor über 1200 Jahren tat.

Ben Elias ist eifrig bei der Sache. Zuerst müssen jedoch die Formübungen gemacht werden. Dann darf der siebenjährige endlich auch seinen Namen auf das Blatt schreiben. Friedhelm Tanski leitet die Teilnehmer durch den Kurs und vermittelt den Kindern die Künste der karolingischen Schrift: „Wenn ich sehe, wie aufmerksam die Kinder zuhören, verstehen und das Vermittelte anwenden, freue ich mich jedes Mal wieder, diesen Kurs anbieten zu können.“

Der 78-jährige ehemalige Schulleiter hat die Schriftkunst in Werden regelrecht bekannt gemacht: Nicht nur die Schüler des Werdener Gymnasiums, an dem der Pensionär tätig war, durften in den Genuss des Schreibens kommen, sondern auch andererorts bietet Tanski oftmals Kurse an. „Seit meinem Studium beschäftige ich mich mit der karolingischen Schrift“, erzählt der Künstler. Studiert hat er an der Kunstakademie in Düsseldorf und ist also früh mit der freien Kunst in Berührung gekommen.

Die karolingische „Minuskel“, wie die Kleinbuchstabenschrift auch genannt wird, entstand Ende des 8. Jahrhunderts in Kooperation des Klosterscriptoriums von Saint Martin in Tours mit der Palastschule und weiteren bedeutenden mittelalterlichen Schreibzentren im Auftrag Karls des Großen. Da dieser wahrscheinlich nicht lesen konnte, sollte ein einheitliches Schriftbild entstehen. Dieses wurde dann in ganz Frankreich verbreitet und zeichnete sich letzen Endes als allgemeine Buch- und Verwaltungsschrift aus.

Die Teilnehmer des heutigen Kurses sind begeistert. „Es ist erst ganz schön schwierig, die Buchstaben und Formen zu schreiben, aber es macht echt Spaß,“ freut sich Ben Elias. Neben dem Kurs für Kinder und Jugendliche bietet Friedhelm Tanski bis zum 15. August auch Seminare für Erwachsene an. „Meine älteste Teilnehmerin ist 83 Jahre alt,“ bemerkt er nebenbei. Die Resultate können sich sehen lassen: „Jeder Teilnehmer hat großartige Arbeit geleistet.“ Wurde zu damaliger Zeit noch auf Pergament geschrieben, muss heute für die professionelle Arbeit die sogenannte „Elefantenhaut“ herhalten. Das reißfeste Papier sieht dem Pergamentpapier sehr ähnlich. Der einzige Nachteil: Früher ließ sich die Schrift einfach auskratzen, das ist heute nicht mehr möglich. „Dadurch, dass das Papier so fest war, konnten Rechtschreibfehler schnell entfernt werden,“ schmunzelt Friedhelm Tanski.

Begleitet wird der Träger des Bundesverdienstkreuzes von Marlies Klapper, die vor zehn Jahren bei Tanski die alte Schreibkunst erlernte und sich seitdem zu einer bekannten Werdener Schriftkünstlerin entwickelt hat. Friedhelm Tanski freut sich über das große Interesse, das an der Schreibstube besteht. „Oft finden die Teilnehmer in der Konzentration Entspannung,“ meint er. Der Erfolg des Kurses spricht für sich. Und der ehemalige Rektor ist sich sicher: „Es wird weitere Schreibstuben geben.“ (sh)

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