„Religion ist keine Privatsache, sie ist öffentlich!“

Die Öffentlichkeit von Religion sowie Zustand und Zukunftschance der Sozialen Marktwirtschaft waren die zentralen Themen beim gemeinsamen Jahresempfang des Bischofs von Essen und der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim.

Über 400 Gäste beim Jahresempfang in der Wolfsburg

In der modernen Gesellschaft ist der Religion nach Ansicht von Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen. Es bildeten sich neue politische Gruppierungen des Laizismus, die eine strikte Trennung von Staat und Kirche nach französischem Vorbild forderten. Das bundesdeutsche System der Kirchenfinanzierung werde „verfälschend“ dargestellt. Zunehmend greife die Vorstellung um sich, Religion sei bloß eine Frage individueller Sinnsuche und damit vor allem Privatsache. „Religion ist öffentlich!“, betonte Overbeck beim Jahresempfang des Bischofs und der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Allerdings habe der Missbrauchsskandal im vergangenen Jahr „massiv die Glaubwürdigkeit der Kirche infrage gestellt“.

Wenn sich das Christentum heute behaupten wolle, müsse es seinen Platz in den „alltäglichen Zwischenräumen“ der Gesellschaft finden, um dort orientierend Wechselwirkungen zu ermöglichen. Overbeck: „Die gesellschaftliche Aufgabe von Kirche muss es heute sein, mit ihrer Kompetenz Zwischenräume zu bauen, Verstehen zu erzeugen und das Leben von Werten zu ermöglichen.“

Im Kulturhauptstadtjahr 2010 habe er „kraftvolle und ermutigende Erfahrungen“ von der Bedeutung des Christentums für die Gegenwart gesammelt. Hier nannte Overbeck beispielsweise den „Day of Song“, an dem über 6.000 Kirchenchormitglieder mitwirkten, die große Resonanz bei den 53 „Spirituellen Kulturtankstellen“ im Ruhrbistum, das Projekt „musica enchiriadis“ oder auch das große Orgelfestival. „Ich bin nicht müde geworden, in diesem Jahr daran zu erinnern, dass die Kultur unserer Region nicht mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert beginnt, sondern mit dem Jahr 852“, sagte der Bischof mit Blick auf die Grundsteinlegung für die Stiftskirche des Essener Frauenstiftes durch den Hildesheimer Bischof Altfrid. Die Katholische Kirche sei damit der Kulturträger, der mehr als anderen das Motto des Kulturhauptstadtjahres bezeuge; „Kultur durch Wandel und Wandel durch Kultur“.
Dass Religion keine Privatsache, sondern öffentlich sei, zeige auch die besondere Identität des Ruhrbistums als „Sozialbistum“, das immer den Menschen und das Gemeinwohl im Blick habe.


Die Soziale Marktwirtschaft ist alternativlos

Das unterstrich auch Dr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG, in seinem Festvortrag zum Thema „Soziale Marktwirtschaft – Auslaufmodell oder Zukunftschance?“. Ausdrücklich lobte er das große Engagment der beiden großen christlichen Kirchen in der „sozialen Frage“. „Es waren die gemeinsamen Überzeugungen beider Relgionen, die nach dem Zweiten Weltkrieg das Modell der Sozialen Marktwirtschaft möglich machten“, betonte Engel. Dieses Modell werde weltweit als nachahmenswert wahrgenommen. „Bis heute begleiten beide Konfessionen die Arbeitswelt, unterstützen die Arbeitnehmer und haben ihnen eine gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe ermöglicht“, so der Vorstandsvorsitzende. Die Kirchen im Ruhrgebiet hätten einen „erheblichen Anteil an dem sozialen Faktor der Marktwirtschaft“.

Die Soziale Marktwirtschaft sei alternativlos. „Umso alarmierender ist es, dass das Vertrauen der Deutschen in diese Errungenschaft gesunken ist, vor allem im Zuge der Finanz- und Wirtschaftskrise“, so Engel. Aus dieser Krise seien bislang noch nicht viele Lehren gezogen worden, auch wenn es erste zaghafte Versuche gebe, neue Kontrollmechanismen zu installieren. Selbstkritisch mahnte Engel die persönliche Verantwortung der Wirtschaftseliten an. „Viele Manager unterschätzen die gesellschaftlichen Auswirkungen ihrer Entscheidungen“, sagte der Vorstandsvorsitzende. Die großen Eliten und Wirtschaftsführer müssten „geerdet“ bleiben und dürften den Kontakt zur Gesellschaft nicht verlieren. „Wir sollten wieder lernen, aktiv zuzuhören, auch den Kirchen, sollten stärker den Dialog suchen und uns für das Gemeinwohl verantwortlich fühlen“, betonte Engel.

Dass sich auch die „Wolfsburg“ als ein Ort dieses Dialoges versteht, betonte Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck bei der Begrüßung der über 400 Gäste aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft, Kirche, Kultur und Gesellschaft. Schlagheck: „Wir hoffen, dass die Wolfsburg ein Ort für Menschen sein kann, die über den gesellschaftlichen und kirchlichen Wandel nahdenken und ihn mitgestalten wollen.“ Dazu zähle auch das Nachdenken über eine gerechte und zukunftsorientierte Wirtschaftsordnung, über die Herausforderungen des Gesundheitswesens, die Probleme der Nachhaltigkeit, die kulturelle Identität der Gesellschaft sowie über Fragen des Kulturaustausches und der Begegnung von Religionen. (do)


Grußwort von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

Vortrag von Dr. Klaus Engel, Vorstandsvorsitzender der Evonik Industries AG

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