Pulverfass Dezemberknast – der Lauteste macht das Rennen!

Hier im Gefängnis hat mich der Direktor unterrichtet, dass der Dezember der unruhigste Monat ist. Viele sehnen sich nach Hause, einige haben im Kopf, einen Ausbruch zu organisieren, am besten mit Geiselnahme. Da gerät auch unserer Pastoralstation mitten im Knast ins Visier und allen ist geraten, sich etwas vorsichtiger aber nicht ängstlich auf dem Gelände zu bewegen. Der wichtigste Grund für die Unruhe ist jedoch nicht das nahende Weihnachtsfest und die damit verbundene Sehnsucht nach Familie und Gemeinschaft, sondern die bevorstehende Wahl des Delegierten seitens der Gefangenen. Eine wichtige Machtposition, die mit Privilegien aber auch mit handfesten Einkünften im korrupten symbiotischen System von Polizei und Gefangenen verbunden ist. ...

Die zwei stärksten Kandidaten gehen mit ihren Gefolgsleuten von Zelle zu Zelle und hätten auch gerne, dass der Padre ihnen beim Marktgeschrei behilflich ist. Wir halten uns da jedoch bewusst heraus, denn zu uns kommen alle und alle finden ein Ohr, auch gerade die, ohne Privilegien und Macht. Ich gebrauche die Flüstertüte nur, um in den Blocks zum Gottesdienst zu rufen.

Wenn ich mal in die großen Einkaufzentren hier in Lima komme und den Weihnachtskitsch sehe, dann muss ich an euch in Deutschland denken. Längst haben sich die Wahlstrategen für den Advents- und Weihnachtskonsum zur stillen Geiselnahme aufgemacht. Ihr Ziel ist die ungebrochene Marktmacht und nicht das Wohl von Menschen, die in Verbindung miteinander dem solidarischen Gottesgeschenk der Menschwerdung näher kommen. Und wir Suchenden werden allzu oft zu Gefangenen einer süßen Lamettafrömmigkeit auch ohne hinter Gefängnismauern zu leben. Habe mir vorgenommen, diesen Advent auf den zu warten der mich wieder neu diejenigen erkennen lässt, die machtlos und ohne Privilegien an ihrem Fest tanzen, essen und trinken. 

Padre Norbert Nikolai

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