Overbeck: "Eine Nagelprobe der Demokratie"

Bettler, Flüchtlinge, Obdachlose - der Katholische Verband für soziale Dienste (SKM) pocht in diesen Wochen mit einer Kampagne auf die Rechte armer Menschen. Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck unterstützt die Aktion und spricht im KNA-Interview darüber.

Flüchtlinge kommen scharenweise, und viele Arme leben bereits hier. Beide Gruppen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden, warnt Sozialbischof Overbeck. Und verrät, wer wann am Bischofshaus ein Butterbrot bekommt.

KNA: Herr Bischof, Sie unterstützen die SKM-Aktion "Der Mensch am Rand ist unsere Mitte". Wie lange haben Sie gegrübelt, ob Sie Ihren Namen daruntersetzen?

Overbeck: Überhaupt nicht. Mir fiel bei dem Motto sofort ein Wort von Papst Franziskus ein, wonach die Ränder der Gesellschaft der Ort der Christen und der Kirche sind. Wenn wir stärker die Ränder entdecken, lernen wir als Kirche neu, wer zu uns gehört. Die Flüchtlinge, die Migranten zeigen genau das. In Duisburg-Marxloh etwa sehe ich konkret, dass einige Teile unserer Gesellschaft komplett zu verelenden drohen. Bei allem Reichtum, den es in unserem Land auch gibt, müssen wir bei dieser neuen Form von Armut ungeheuer aufmerksam sein.

KNA: Wächst die Armut?

Overbeck: Es gibt verschiedene Formen von Armut. Täglich begegnen uns Menschen, die keine Chance haben, durch Ausbildung und dauerhafte Erwerbsarbeit selbst für sich zu sorgen. Dann gibt es viele Formen der Armut durch Migration, immer noch Altersarmut und Armut als Folge der Globalisierung. All das habe ich hier im Ruhrgebiet Tag für Tag vor Augen.

KNA: Allein auf dem kurzen Weg vom Bahnhof haben mich vier Menschen um ein paar Münzen gebeten. Wie reagieren Sie in solchen Fällen?


Overbeck: Das passiert mir hier jeden Tag. Es ist notwendig, nach dem Maß des Möglichen erste Hilfe zu leisten. Wer entsprechend bittet, bekommt beispielsweise morgens an der Haustür des Bischofs sein Butterbrot, eingebettet in andere Hilfsmaßnahmen innerhalb der Stadt. Das andere sind die politischen und wirtschaftlichen Herausforderungen, vor denen wir stehen. Hier geht es um den Kampf gegen Jugendarbeitslosigkeit und für Schulausbildung und Arbeitsplätze, um Absicherung durch die Sozialgesetzgebung und das Unterbrechen von Hartz-IV-Traditionen.

KNA: Wenn die Bundeskanzlerin Sie als Sozialbischof um Rat fragen würde - was sind vor diesem Hintergrund Ihre beiden wichtigsten Forderungen an die Politik?

Overbeck: Sie sollte dafür sorgen, dass jeder, der seine Bildungschancen ergreifen will, sie tatsächlich ergreifen kann. Und: Grundsätzlich muss die Arbeit eines 38,5- oder 40-Stunden-Jobs ausreichen, um das Leben selbstständig gestalten zu können.

KNA: Papst Franziskus haben Sie gleich zu Beginn erwähnt. Hat er das Thema Armut in der Kirche "salonfähiger" gemacht?

Overbeck: Es war immer schon salonfähig. Man muss sich nur den Sozialkatholizismus in Deutschland anschauen und sieht sofort, dass das keine Erfindung irgendwelcher neuer PR-Aktionen ist. Das Thema Armut und der Einsatz für Gerechtigkeit gehören schon immer zu den Markenzeichen des Katholizismus in seinen Verbänden und in vielen Initiativen vor Ort, die sich hauptberuflich oder ehrenamtlich für die Armen einsetzen. Aber, keine Frage: Papst Franziskus hat das Thema zu einem sehr öffentlichen gemacht.

KNA: Flüchtlingshelfer klagen mitunter über ruppige Reaktionen. Bekommen Sie und Ihre Mitarbeiter auch Sprüche zu hören wie "Warum kümmert sich Kirche um Sozialschmarotzer"?

Overbeck: Es gehört zu den Grundpflichten des Christen, sich Menschen anzunehmen, die an Leib und Leben bedroht sind, die ihre Heimat verlassen müssen. Das ist und bleibt eine Nagelprobe der Demokratie. Aber gleichzeitig muss man im Blick auf die Staatsräson darauf achten, souverän zu bleiben und zu entscheiden, wer auf Dauer hierbleiben kann und wer nur übergangsweise. Auch das ist zu beachten. Ansonsten muss man solchen Sprüchen und Parolen kräftig widerstehen. Mauern zu bauen, bringt uns nicht weiter.

KNA: Die Kirchen pochen darauf, nicht nur die Flüchtlinge in den Blick zu nehmen, sondern auch die Ursachen der Flucht. Was ist da jetzt am Wichtigsten?

Overbeck: In den Herkunftsländern muss dauerhaft viel geschehen, damit die Menschen nicht mehr fliehen müssen. Wenn sie aber fliehen müssen, ist dafür zu sorgen, dass sie möglichst heimatnah Zuflucht finden. Denn sie sollen nachher gerne und schnell wieder nach Hause zurückkehren können, um beim Wiederaufbau zu helfen. Dabei werden ja gerade die gebraucht, die mitanpacken können. Und nicht zuletzt: All den Menschen, die aus den genannten Gründen zu uns kommen, muss Gerechtigkeit widerfahren. Wer bedroht ist, braucht zumindest übergangsweise ein Heimatrecht und Hilfen, um in unserer Gesellschaft einen Ort zu finden und uns übrigens auch zu bereichern.

KNA: Was meinen Sie damit?

Overbeck: Es ist eine große Chance, dass wir jungen Migranten eine Ausbildung ermöglichen. So vorbereitet können sie später hoffentlich in ihre Heimat zurückkehren und dort am Aufbau einer gerechteren und friedlicheren Gesellschaft mitarbeiten. Sie werden erzählen, was sie in Deutschland gelernt haben, und so gleichsam zu Botschaftern dessen, wozu die soziale und solidarische Kraft der Menschen in Deutschland imstande ist. Außerdem ist es immer eine Bereicherung, wenn man nicht bei sich selbst bleibt, sondern Anderes und Andere auch als anders wahrnimmt und ernstnimmt. Das gehört zu den positiven Effekten einer Weltgesellschaft.

KNA: Mit klaren Worten zum Thema Flüchtlinge haben Sie bereits einen Shitstorm ausgelöst.

Overbeck: Meine Mitarbeiter mussten noch mehr aushalten als ich. Wir sind mit SMS, Mails, Tweets, Kommentaren und Anrufen überschüttet worden. Mich hat es sehr nachdenklich gemacht, dass eine gewisse Klientel oftmals im Gewand des Biedermanns auf uns zukommt - und einem Bischof nicht nur das Recht auf Meinungsfreiheit abspricht, sondern mich und andere an Leib und Leben bedroht. Aber ich bin ein gottvertrauender Mensch und bleibe bei dem, was ich mit geprüftem Gewissen meine, sagen zu müssen.

KNA: Worum geht es inhaltlich?


Overbeck: Wenn man die Beleidigungen weglässt, höre ich aus den Reaktionen eine spürbare Angst heraus. Sie ist sehr realistisch und muss gesehen werden. Denn in der Tat verändern wir uns in unserem Land. Veränderung macht den allermeisten Menschen Angst. Alte Sicherheiten verschwinden und Neues zeigt sich höchstens im Horizont, das ist noch ein Entwicklungsprozess. Ängste und Unsicherheiten werden zunehmen, und wir müssen uns auf unruhigere Zeiten einstellen.

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