Neue Ergebnisse zur Frauenstiftsgeschichte

Neue Ergebnisse brachte eine interdisziplinäre Tagung des Essener Arbeitskreises zur Erforschung der Frauenstifte. Fachleute beleuchteten neue Aspekte der Geschichte des Essener Frauenstiftes und seiner Schätze.

Vielfältige Herangehensweise auf interdisziplinärem Symposium

Als offizielles Kulturhauptstadtprojekt fand Anfang November in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ eine mehrtägige Tagung des Essener Arbeitskreises zur Erforschung der Frauenstifte statt, an der auch Studierende und Interessierte teilnehmen konnten. Unter dem etwas irreführenden Thema „Frauen bauen Europa“ beleuchteten die Fachleute neue Aspekte der Geschichte des Essener Frauenstifts und seiner Schatzstücke und kamen dabei teilweise zu bemerkenswerten Ergebnissen, wenn auch die internationalen Verflechtungen nicht im Mittelpunkt standen.

Schon im Eröffnungsvortrag am forderte die Kulturwissenschaftlerin Barbara Welzel, Universität Dortmund, ein „Vetorecht der Quellen und der Dinge“ und damit ein genaues Befragen und Hinsehen ein, das nicht reflexartig auf tradierte Forschungsmeinungen aufbaue. Dies genau machte dann auch tatsächlich den Wert der Tagung aus, denn nahezu alle Referenten stellten neue Forschungsansätze vor, wovon einzelne bisherige Grundaussagen zum Essener Frauenstift relativierten.

Am Studientag, der in der Aula des Essener Generalvikariats und im Essener Dom stattfand, ragte Thomas Labusiak, Halberstadt/Quedlinburg, mit seinen Ausführungen zu „Objekten mit Migrationshintergrund“ heraus. Der Kunsthistoriker nahm orientalische Bergkristallgefäße aus dem 10. und 11. Jahrhundert in den Blick, die sich in ihrer Zweitverwendung als Reliquiare in christlichen Schätzen erhalten haben, aber – und diese Ansicht ist neu – vielleicht auch schon direkt als Reliquienbehältnisse im Nahen Osten geschaffen wurden.


Neue Erkenntnisse zum Essener Kapitelskreuz

Als Gemeinschaftsarbeit stellten die Leiterin der Essener Domschatzkammer Dr. Birgitta Falk und die Kölner „Textilkennerin“ Annemarie Stauffer neue Erkenntnisse zum Essener Kapitelskreuz und den darin verborgenen Reliquien vor. Zur Überraschung der Zuhörer stellte Falk dar, dass die Reliquien des heute noch benutzten Kreuzes aus dem 15. Jahrhundert schon in einem älteren Kreuz geborgen waren, nämlich im nicht mehr existierenden Ida-Kreuz aus dem 10. Jahrhundert. Beide Kreuze hatten nach Falks Überzeugung ihren Standort auf der Kreuzsäule im Essener Münster. Die Zusammengehörigkeit von Ida-Kreuz und Reliquien konnte Stauffer durch ihre Untersuchung der die Reliquien verhüllenden Stoffe untermauern, deren ältester ein chinesischer (!) Stoff aus dem 7. bis 9. Jahrhundert ist. Auch die anderen Reliquienpartikel sind ausnahmslos in wenig jüngere Textilien aus der Gegend des heutigen Usbekistan (Sogdien) gehüllt.

Dass die zahlreichen weiteren Reliquien des Essener Schatzes überwiegend von frühchristlichen und merowingischen Heiligen stammen, zeigte die Kunsthistorikerin Anna Pawlik, Mitarbeiterin der Essener Schatzkammer, auf, die nach ihrer Recherche für das Essener Stift auf über 300 Reliquien von 159 Heiligen kommt. Auch im Korpus des Mathildenkreuz konnte sie – eine neue Erkenntnis – Reliquienbündel der hll. Innocentius und Laurentius nachweisen.

Mit einem besonderen „Bonbon“ wartete Falk bei ihrem Abendvortrag im Dom zum Stand der Forschung zur Goldenen Madonna auf. Denn statt allein mit Lichtbildern zu arbeiten, ließ sie die berühmte Skulptur auf einen erhöhten Platz vor dem Altar positionieren - allerdings nicht die echte, sondern eine Kopie aus dem Aalto-Theater, die der Domschatzkammer als Leihgabe zur Verfügung steht. Dass die Reproduktion im Anschluss von allen Seiten begutachtet wurde, versteht sich von selbst.

Der zweite und dritte Tagungstag wurde von den Historikern bestimmt. Die Historikerin Hedwig Röckelein stellte für den heiligen Altfrid nicht nur das allgemein angenommene Geburtsjahr um 800 und seine Zugehörigkeit zur Familie der Liudolfinger in Frage, sondern auch seine Rolle als Überbringer der wichtigsten Essener Reliquien der heiligen Cosmas und  Damian, da ein Romaufenthalt des zweifelsohne international agierenden Kirchenmanns, von wo er die Reliquien hätte mitbringen können, nicht nachzuweisen ist.

Spannend schilderte der Kieler Kunsthistoriker Klaus Gereon Beuckers das Ringen um die Macht  zwischen den verschiedenen ottonischen Linien am Ende des 10. Jahrhunderts und die Rollen, die die Frauen der Häuser, vor allem die Äbtissinnen der Stifte Gandersheim und Essen, spielten.
Nach einem Vortrag zur Rolle der späteren Äbtissin Sophia beim Romfeldzug ihres Bruders Ottos III. von Amalie Fößel, Essen, und detailreichen und anschaulichen Erläuterungen zum schwierigen Thema „Grundherrschaft des Stiftes im Mittelalter“ durch den Hamburger Historiker Hans-Werner Götz machte Wilfried Reininghaus, Düsseldorf/Münster, einen großen Sprung und zeichnete ein Bild der Äbtissinnen des 16. bis 18. Jahrhunderts als „Landesherrinnen mit industriepolitischem Verstand“, die Bergbau sowie Eisen- und Stahlproduktion unterstützten und förderten.


Nicht allein Frauen des Hochadels

Die Barockausstattung von Münsterkirche und St. Johann rekonstruierte erstmalig umfassend die Kunsthistorikerin Andrea Wegener, Mitarbeiterin der Schatzkammern in Essen und Werden, und zeigte an Hand zahlreicher Abbildungen und alten Fotos auf, dass die barocke Umgestaltung eine letzte hohe Blüte in der Stiftsgeschichte spiegelte.
Die miteinander verwobenen Beiträge von Hartwig Kersken, Thomas Schilp und Ute Küppers-Braun am Sonntagmorgen beschäftigten sich mit der sozialen Zusammensetzung der Stifte in Thorn an der Maas und in Essen. Entgegen der früheren Aussagen der Geschichtsschreibung bestanden die Konvente in Essen und Thorn viele Jahrhunderte nicht allein aus Frauen des Hochadels. Dass die Äbtissinnen um die Jahrtausendwende aus dem Kaiserhaus stammten und im 18. Jahrhundert aus Fürstenhäusern, hatte bislang zu dem falschen Rückschluss geführt, dass die gesamte Gemeinschaft durch alle Jahrhunderte hochadelig sei. Wie die Forschungen der Referenten an Hand von neuen Quellenuntersuchungen belegen, gab es aber durchaus auch zahlreiche Kanonissen aus dem Ministerialenstand, aus edelfreien und später gräflichen Geschlechtern. Erst in der letzten Phase des Stifts kann man davon ausgehen, dass alle Stiftsdamen aus fürstlichem Haus stammten.

Eine besondere Stellung nahm der Vortrag zu Musik und Theater am Essener Hof in der Barockzeit ein, den der Historiker und Musikwissenschaftler Jörg Bölling aus Göttingen mit vielen Beispielen zum Spiel von „Pauken, Trompeten und Böllern“ spickte. Er war eine Einführung für das abendliche Konzert im Schloss Borbeck, in dem Ausschnitte aus der Oper "Talestri - Regina delle Amazoni" von Maria Antonia von Bayern, Kurfürstin von Sachsen (1724–1780) dargeboten wurden. Maria Antonia war eine begnadete Komponistin, Musikerin und Sängerin und prägte den Dresdener Hof nach ihrer Hochzeit mit Kronprinz Friedrich Christian. In der Oper Talestri hatte sie in den 60er Jahren des 18. Jahrhunderts nicht nur selbst eine der Rollen gesungen, sondern auch ihre jüngste Schwägerin, die spätere Fürstäbtissin Maria Kunigunde, als eine der Hauptsängerinnen beteiligt.

In gedruckter Form werden die Vorträge aller Referenten – auch der hier nicht erwähnten – im kommenden Jahr als Band 9 der Essener Forschungen zum Frauenstift erscheinen. (gedo)

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