Mit geschlossener Stimme sprechen

Experten diskutierten in der Wolfsburg über den Beitrag der Religionen für die Integration von Flüchtlingen.

Über die Herausforderung durch die hohe Zahl geflüchteter Menschen, die in Deutschland eine neue Heimat suchen, und die Rolle, die die Religionen bei der Integration dieser Menschen in die Gesellschaft spielen können, diskutierten in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ die Wolfsburg in Mülheim nun Expertinnen und Experten aus Christentum und Islam.

Unter der Moderation der stellvertretenden Akademiedirektorin Dr. Judith Wolf und Dr. Detlef Schneider-Stengel, Diözesanreferent für den interreligiösen Dialog im Bistum Essen, stellten sich die Teilnehmenden der Tagung der Frage, wie Religionsgemeinschaften Flüchtlinge unterstützen und ihnen dabei helfen können, in Deutschland eine neue Heimat zu finden.

Christen und Muslime in der Pflicht
In seinem Grußwort erinnerte Weihbischof Wilhelm Zimmermann, Bischofsvikar für Ökumene und interreligiösen Dialog, an den Auftrag der Religionen: „Die monotheistischen Religionen verbindet die Urerfahrung der Flucht. Diese Urerfahrung hat dazu geführt, dass die drei Religionsgemeinschaften die besondere Pflicht haben sich um Flüchtlinge zu kümmern und zu sorgen.“

Angesichts der großen Herausforderungen mahnte Zimmermann zur Zusammenarbeit aller Religionsgemeinschaften in der Flüchtlingshilfe: „Der göttliche Grundauftrag ist auf die Entgrenzung der Hilfe gerichtet und nicht auf deren Begrenzung“.

Religiöse Migrantenorganisationen als Partner
Der Göttinger Religionswissenschaftler Professor Alexander-Kenneth Nagel warb in seinem Vortrag über die Bedeutung der Religion für die Integration für genau diese Entgrenzung. Ein wichtiger Schritt, so Nagel, sei dabei die Einbeziehung Religiöser Migrantenorganisationen, die in Deutschland oft über langjährige Erfahrung, interkulturelle Kompetenz und informelles Wissen verfügten, um neuankommende Flüchtlinge zu unterstützen und zu begleiten. So könnten diese Organisationen den Geflüchteten helfen, ihr religiöses Selbstbild zu bewahren und dieses gleichzeitig in Einklang mit den Realitäten der Gesellschaft in ihrem neuen Heimatland zu bringen.

Diese Entwicklung könne durch die Religionsgemeinschaften unterstützt werden, etwa durch die Überlassung von Räumlichkeiten oder durch Sachspenden, die eine Ausübung der religiösen Riten ermöglichten. Hier, so der Professor, sei eine strukturiertere Zusammenarbeit notwendig, wenngleich häufig schwierig, weil durch den hohen Anteil ehrenamtlicher Arbeit Ressourcen begrenzt sind.

Zahlreiche Aktivitäten von Christen und Muslimen
Übereinstimmend berichteten Vertreterinnen und Vertreter aus Christentum und Islam von guten Erfahrungen in der Flüchtlingsarbeit über Religionsgrenzen hinaus. Pater Oliver Potschien, Leiter des Petershofes in Duisburg-Marxloh, machte deutlich: „Jede Woche kommen 1200 Leute zu uns. Mir ist egal, wo die herkommen. Wer vor meiner Tür steht und Hilfe braucht, bekommt Hilfe“.

Von gelungener interreligiöser Zusammenarbeit berichtete auch Ahmad Aweimer, Dialogbeauftragter des Zentralrats der Muslime in Deutschland. So haben etwa in Dortmund Juden, Christen und Muslime gemeinsam einen Begrüßungsbrief für Flüchtlinge entwickelt, der Kontaktinformationen zu Hilfsorganisationen aller drei Religionen enthält.

Die Gemeinsamkeiten von Christentum und Islam betonte Bekir Alboga, Dialogbeauftragter von DITIB: „Unsere Religion legt uns nichts anderes ans Herz als das Christentum: Die Gottesliebe wird verkörpert durch die Menschenliebe. Der Islam ist eine Religion der Barmherzigkeit, und diese müssen wir in die Tat umsetzen“. Auch damit begründete Alboga den Aufbau einer eigenen muslimischen Wohlfahrtsverbandes.

Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen
Erika Teißen
, Geschäftsführerin des Begegnungs- und Fortbildungszentrums muslimischer Frauen in Köln wies auf die Problematik der Asylpolitik hin. Integration müsse vom ersten Tag an beginnen, und nicht erst mit der Anerkennung als Asylberechtigter. Hier gelte es, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen. Als Beispiel nannte sie den Umgang mit Libanesen in den 1970er Jahren, die bis zu ihrer Anerkennung nicht arbeiten durften und jahrelang überhaupt nicht in die deutsche Gesellschaft integriert wurden.

Sabine Köther, Beauftragte für die Flüchtlingshilfe im Bistum Essen, warb in diesem Zusammenhang für die Entwicklung einer Verabschiedungskultur. „Wir müssen uns mit der Realität auseinandersetzen: Wir wissen, dass nicht jeder Flüchtling in Deutschland bleiben kann. Hier gilt es, die persönlichen Beziehungen, die in der Flüchtlingsarbeit entstehen, in den Blick zu nehmen und Abschiede zu erleichtern“.

Strukturen schaffen und Institutionen vernetzen
Eine regelrechte Explosion des ehrenamtlichen Engagements sieht Rafael Nikodemus, Kirchenrat der Evangelischen Kirche im Rheinland. Hier gelte es, ehrenamtliche vor Ort zu qualifizieren und zu begleiten. Gleichzeitig betonte er, dass die Aufnahme von Flüchtlingen nur gelingen kann, wenn die Strukturen und Ressourcen dafür vorhanden sind. Wichtig seien hier vor allem der Zugang zu Bildung und Versorgung. Hier, so der Kirchenrat, würden ehrenamtliche Organisationen an ihre Grenzen stoßen. „Das können Ehrenamtliche nicht auffangen, hier muss der Staat die entsprechenden Rahmenbedingungen schaffen.“

Was die Religionsgemeinschaften jedoch tun könnten, sei sich zu vernetzen. „Es gibt ökumenische Kooperationen auch über Landesgrenzen hinaus. Wir sollten auch die Muslime mit ins Boot holen“. Die Religionsgemeinschaften, so Nikodemus, würden auch auf politischer Ebene durchaus Gehör finden, umso mehr, wenn alle Religionen gemeinsam mit geschlossener Stimme auftreten. Alboga unterstützte diese Idee: „Wir können nur Erfolg haben, wenn wir mindestens genauso laut schreien wie die Gegner der Flüchtlingspolitik. Wenn die Religionsgemeinschaften das gemeinsam tun würden, wären wir sofort dabei.“

 

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