„Mit der Wirklichkeit auf Tuchfühlung gehen“

Weihbischof Franz Vorrath hat sich für den Fortbestand von Babyklappen ausgesprochen. "Solange es verzweifelte Mütter gibt, müssen wir ihnen beiseitestehen", sagte er in einem Gottesdienst mit den ehrenamtlichen Helfern des „Essener Babyfensters“.



Weihbischof Vorrat fordert Einsatz für das Leben von Neugeborenen


Der Essener Weihbischof Franz Vorrath hat sich für den Fortbestand von so genannten Babyklappen ausgesprochen. Allein beim „Essener Babyfenster“, einer Facheinrichtung des Sozialdienstes Katholischer Frauen Essen-Mitte e. V. (SkF) und der Arbeitsgemeinschaft der Frauenorden im Bistum Essen, seien im vergangenen Jahr zwei Kinder abgegeben worden. „Jedes einzelne von ihnen ist eine Existenzberechtigung für die Klappe“, so der Weihbischof. Alleine die Notwendigkeit von Babyklappen halte der Gesellschaft einen Spiegel vor, in den viele peinlich berührt hineinblickten. Das Aussetzen eines Kindes, die Kindstötung oder die extreme Notlage der Mütter entspreche zwar weder dem kirchlichen noch dem gesellschaftlichen Ideal. Vor allem die Kirche dürfe jedoch ihren Blick nicht abwenden: „Alles, was zerstörerisch, unmenschlich, nicht lebensbejahend ist, muss bei uns eine Reaktion hervorrufen“.

Auf Grund jener sensiblen Wahrnehmung der Realität vieler Menschen wurde vor mehr als zehn Jahren das „Essener Babyfenster“ ins Leben gerufen. Seitdem ist ein dichtes Netz an Möglichkeiten entstanden, den Verlassenen, Überforderten, Gefährdeten und Gedemütigten in der Gesellschaft zu helfen. „Unsere Sorge beschränkt sich dabei nicht nur darauf, anonym Kinder aufzunehmen. Uns ist bewusst, dass wir im Vorfeld und im Umfeld solcher Geburten vieles tun können und müssen“, betonte der Weihbischof am Freitag, 28. Dezember, beim Gottesdienst mit den ehrenamtlichen Mitarbeitern des „Essener Babyfensters“.

Die Babyklappe sei ein Symbol für einen Glauben, der mit der Wirklichkeit „auf Tuchfühlung“ gehe, sich „anrühren“ lasse und gerade deshalb „zupackend“ werde, so Vorrath. „Das zeigt, dass sich Kirche mit den Denk-Bewegungen ihrer Zeit auseinandersetzt“. Und das müsse auch weiterhin so bleiben: „Wir müssen die Zeichen der Zeit erkennen, deuten und konkret und kreativ auf sie reagieren. Wir müssen uns mit der jeweiligen Situation der Menschen mit ihren greifbaren, konkreten und gegenwärtigen Problemlagen befassen, ihnen auf die Sorgen und Nöte eine Antwort geben“.

Kritisch äußerte sich Vorrat über die Empfehlung des Deutschen Ethikrates, die Babyklappen zu schließen. Jeder Mensch habe ein Recht auf Herkunft und Identität, das sei unumstritten. Das Recht dürfe aber nicht als argumentatorische Keule gegen das Babyfenster genutzt werden. „Denn in den Einrichtungen geht es nicht um spitzfindige und scharfsinnige Rechtsdiskussionen, nicht primär um die Plausibilität statistischer Erhebungen. Dort geht es um den Einsatz für das Leben von Neugeborenen“, so der Weihbischof. Leben entstehe weder in „Debattierstuben“, noch halte es sich an juristische Konventionen oder an den Moralkodex der Gesellschaft. „Die Szenarien, die das Leben schreibt, halten sich an keine Regieanweisungen der Vernunft und Moral.“ So lange diese Nöte bestünden, gelte es, alle Möglichkeiten auszuschöpfen, um den Verzweifelten beizustehen. „Wir wollen alles in unserer Macht Stehende tun, damit auch unser Essener Babyfenster ungenutzt, verwaist und überflüssig werden kann. Doch so lange das noch anders ist, muss auch dieses Fenster offen bleiben“.

Das Babyfenster: Teil eines umfassenden Hilfe-Netzwerkes

Das Essener Babyfenster ist Teil eines umfassenden Netzwerkes von Hilfsangeboten für Frauen und Eltern, die in der Schwangerschaft bzw. nach der Geburt eines Kindes in Notlagen geraten. „In den wenigen Fällen, in denen alle anderen Hilfsangebote nicht wahrgenommen werden, stellt das Babyfenster ein unverzichtbares Angebot dar, um das Leben des Kindes zu schützen“, betont SkF-Geschäftsführer Björn Enno Hermans.

Seit zwölf Jahren steht dieses „Fenster zum Leben“ dank des Einsatzes der ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Tag und Nacht offen. In diesem Jahr wurden zwei Kinder dort in Obhut gegeben. Die beiden gesunden Babys lebten zunächst acht Wochen in ehrenamtlichen Bereitschaftspflegefamilien des Essener Babyfensters und konnten dann in Adoptivfamilien vermittelt werden. In drei weiteren Fällen nahmen schwangere Frauen über den Notruf Kontakt mit der Einrichtung auf und entschieden sich im Verlaufe der Beratung, ihre Anonymität aufzugeben, weitergehende Hilfsangebote anzunehmen und an der Aufnahme ihrer Kinder in Adoptivfamilien mitzuwirken. „Sowohl die Kinder als auch ihre Adoptiveltern, werden nach der Adoption noch weiter vom Essener Babyfenster begleitet und unterstützt“, so Hermans. Das alljährliche Sommerfest biete den mittlerweile 15 Familien mit 17 Kindern Gelegenheit, miteinander in Kontakt zu bleiben. „Für die Kinder ist es eine wichtige Erfahrung, dass es auch noch andere Kinder gibt, die ihre leiblichen Eltern nicht kennen und in Adoptivfamilien aufwachsen“. (ms)


Predigt von Weihbischof Franz Vorrath

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