„Missbrauch ist für die Opfer ein Trauma“

Es war eine mutige Veranstaltung, die viele Fragen aufwarf. "Der sexuelle Missbrauch und die Katholische Kirche" war Thema eines interdisziplinären Gespräches in der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim.

Interdisziplinäres Gespräch in der Wolfsburg

Es war eine mutige Veranstaltung. Der WDR sprach in der Sendung „Diesseits von Eden“ gar von einer „beispielhaften Veranstaltung, von der man sich mehr wünscht“. Dabei ging es in dem interdisziplinären Gespräch in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim um ein „heißes Eisen“, das seit Monaten die Schlagzeilen beherrscht. Es ging um ein Thema, das man – so Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck -  nicht „unaufgeregt und gelassen“ diskutieren kann. Denn es ging um das Thema „Der sexuelle Missbrauch und die Katholische Kirche“. 

Mit der Tagung in der Wolfsburg setzt das Bistum Essen den konsequenten Weg fort, die Sprachlosigkeit zu überwinden, dem Verschweigen und Vertuschen Offenheit und Transparenz entgegen zu setzen. Wie groß dieser Wunsch nach Offenheit, das Verlangen, die Problematik des Missbrauchs mit all seinen Facetten zu erfassen und zu verstehen, ist, zeigte die große Resonanz bei dieser gemeinsam mit dem Ärzte- und Juristenrat im Bistum Essen initiierte Veranstaltung . Über 160 Teilnehmer, darunter auch einige Priester sowie Weihbischof em. Franz Grave,  diskutierten engagiert mehr als vier Stunden mit den Referenten.

Wie komplex und vielschichtig das Thema „Missbrauch“ ist, wurde in den Vorträgen der Referenten deutlich. Diagnostik und Therapie bei sexuellem Missbrauch und Pädophilie spielen bislang in der öffentlichen Diskussion nur eine sehr eingeschränkte Rolle. Wie differenziert hier vorgegangen werden muss, zeigte der forensische Psychologe Klaus Elsner, Viersen, auf. „Nicht alle Männer, die pädophil sind, missbrauchen Kinder. Nicht alle Männer, die Kinder missbrauchen, sind pädophil“, betonte er. Auch ein einzelner Vorfall erfülle die für die Diagnosestellung geforderte „anhaltende oder vorherrschende Veranlagung“ nicht. Für Elsner gibt es nicht den Sexualstraftäter. Mal hingen die Taten mit Lebenskrisen zusammen, mal seien eine problematische Selbstkontrolle oder Beziehungsdefizite ausschlaggebend für psychische Auffälligkeiten.  Andere Sexualstraftäter gelten aufgrund von Persönlichkeitsstörungen, Depressionen, Angststörungen, Alkoholabhängigkeit oder „Paraphilien“ (abweichendes Sexualverhalten, Störung der Sexualpräferenz) als psychisch gestört.

Die Diagnose sei nicht immer einfach. „Ich erfahre die Fantasien nur vom Täter. Wenn der nichts sagt, habe ich ein Problem bei der Begutachtung“, sagte der Psychologe. Deshalb brauche es ein großes Maß an Einfühlungsvermögen. Sexualstraftäter  hätten in der Regel die notwendigen „Entwicklungsaufgaben im Jugendalter“ nicht bewältigt. Hierzu zählt Elsner beispielsweise die Loslösung vom Elternhaus, angemessene Kontakte zu Gleichaltrigen, die Integration erwachsener Sexualität in die Persönlichkeit, die Integration der Sexualität in (sexuelle) Beziehungen und Herstellung von Kompromissen zwischen sexuell Erwünschtem und Zulässigen, die Ausgestaltung der Ich-Funktion, Erweiterung der sozialen Handlungskompetenz sowie die Entwicklung und Stabilisierung der Identität. Also gehe es letztlich um die „Entwicklung einer autonomen Persönlichkeit“, die von den meisten Straftätern nicht erreicht werde.


Priester brauchen einen Gesprächsraum

Auch Priester, die Kinder sexuell missbraucht haben, gehören zum Klientel des Psychologen. Bei bislang 18 begutachteten Fällen war bei sieben Priestern keine klinische Diagnose möglich. Die anderen Diagnosen reichten von Alkoholproblematik über manisch-depressive Erkrankung und Pädophilie (ein Fall) bis hin zu Persönlichkeitsakzentuierungen oder  -störungen. „Priester brauchen in der Ausbildung und auch später einen Gesprächsraum, wo sie über ihre Sexualität, ihre Wünsche und Konflikte sprechen können, ohne Angst vor Konsequenzen haben zu müssen“, zieht Elsner den Schluss aus seiner Begutachtung. Dies gelte vor allem angesichts ihres zunehmend als belastend erfahrenen Dienstes, bei dem der Psychologe nicht selten auch eine Vereinsamung feststellt.

Was die Behandlung und Therapie betrifft, stoße man auch an Grenzen. „Mit der Therapie kann man nicht alles lösen“, betonte der Psychologe. Nach einer Studie von Beier seien die Rückfallzahlen bei pädophilen Sexualstraftätern hoch. (16 von 19 bi- oder homosexuell orientierten Tätern). Doch beginne die Forschung, „in Entwicklungslinien zu denken“. Die „Deliktorientierte Gruppentherapie“ reiche von der Deliktrekonstruktion  und kognitiver Umstrukturierung über Opferempathie bis hin zu Biografie, Persönlichkeit und Rückfallprävention.  Gerade bei Letzterer komme es darauf an, „verantwortungsvoll mit der Präferenz umzugehen und konkrete Handlungsstrategien für den Umgang mit Hoch-Risiko-Situationen zu etablieren“, so Elsner. Er wünscht sich von der Kirche eines: „Dass sie mehr auf die emotionale Gesundheit ihrer Mitarbeiter achtet“.


Soziale Unterstützung für Trauma-Opfer

Dass sexueller Missbrauch für die Opfer ein Trauma ist, eine Bedrohung mit katastrophalem Ausmaß, machte die Traumatologin Dr. med. Andrea Möllering, Bielefeld, in ihrem Vortrag deutlich. Bilder, Gedanken und Albträume verfolgten immer wieder die Opfer. Orte würden gemieden, auch Gefühle und Beziehungen mit Personen, die sie an die Tat erinnern können.
„Die Opfer fühlen sich hilflos und ohnmächtig“, so die Chefärztin. Dabei seien die Bewältigungsmöglichkeiten des Ich außer Kraft gesetzt. Häufig würden Opfer versuchen, durch Verleugnung das Trauma zu verarbeiten. Vor allem Kinder und Jugendliche neigten dazu, sich selber die Schuld am Missbrauch zuzuschreiben.

Um die Ausbildung einer schweren Traumafolgestörung zu verhindern, ist für Möllering die soziale Unterstützung von größter Bedeutung. „Den Betroffenen muss geholfen werden, zu verstehen, dass das Ereignis in der Vergangenheit lag, abgeschlossen ist und heute keine Gefahr mehr droht“, betonte die Psychoanalytikerin. Ihrer Ansicht nach ist es jetzt - gerade nach den Missbrauchsfällen -  eine wichtige Aufgabe der Kirche, dies den Opfern durch Therapien zu ermöglichen. Bei der Frage nach der Aufarbeitung durch die Kirche konnte Möllering kein Patentrezept liefern: „Entschuldigung, Entschädigung, Gespräch, Versöhnung? Ich weiß es nicht.“ Es gebe sicherlich Opfer, denen eine Entschuldigung helfe. Aber es gebe auch andere, die daran "zerbrechen" würden. Eine „respektvolle Würdigung dessen, was erlitten wurde, aber auch was Realität ist“, geht nach Ansicht der Ärztin in die richtige Richtung.


Für mehr Offenheit und eine profilierte Vorbereitung der angehenden Priester sprach sich der Mainzer Theologie-Professor Dr. Philipp Müller aus. Der frühere Regens des Priesterseminars der Erzdiözese Freiburg vertrat die Meinung, dass in der Priesterausbildung den Themen „Sexualität“ und „Beziehungsfähigkeit“ ausreichend Platz eingeräumt werde. Vor allem gehe es um eine „affektive Reife“ der Kandidaten. Müller sieht jedoch im Umgang mit sexuellem Missbrauch die Notwendigkeit einer größeren Transparenz und verstärkten Prävention.


Macht hat eine „radikal dienende Funktion“

Viele Fragen wurden in der respektvoll und engagiert geführten Diskussion aufgeworfen. Sind die Missbrauchsfälle ein systemisches Problem der Kirche? Begünstigt ein moralisch überhöhtes Priesterbild den Missbrauch oder die Vertuschung? Professor Müller sieht keinen direkten Zusammenhang zwischen Zölibat und Missbrauch. Aber es könnte sein, „dass Personen mit einer unreifen Sexualität in dieser Lebensform eine Nische suchen“. Hier sei eine große Aufmerksamkeit der Verantwortlichen gefordert. Hinterfragt wurde auch die kirchliche Sexualmoral, die sich nach Ansicht eines Diskussionsteilnehmers der Wirklichkeit verweigere.  Die Kirche müsse ein Anwalt für würdevoll gelebte Sexualität und für eine „Kultur der Liebe“ sein. Doch faktisch könne sie keine „unterscheidende und helfende Kraft“ mehr entwickeln. Gefragt wurde auch nach den Konsequenzen für Seelsorge und für Pädagogik. Für beide ist nach Ansicht von Professor Müller das "gute Verhältnis von Nähe und Distanz" wichtig. Doch er warnte vor einer „sterilen Seelsorge“.

Gefordert wurde auch, das Verhältnis kirchlicher Amtsträger zur Macht intensiv zu bedenken. Verwiesen wurde dabei auf ein Interview des Osnabrücker Bischofs Franz-Josef Bode. Dieser fordert, dass Autorität und Macht in der Kirche eine „radikal dienende Funktion“ haben müssten. Denn „in einem unfreien und undurchsichtigen Klima werden Missbräuche von Macht und körperlicher Missbrauch begünstigt“, so Bode. (do) 

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