„Man braucht sie doch, oder etwa nicht?“

Die Texte hatten es in sich beim Finale des Poetry-Slam-Wettbewerbes zum Thema Familie: von skurilen Geschichten, die mit Ironie nicht sparten, über Lebenswirklichkeiten bis hin zu Reflexionen über Beziehung, Bindung, Liebe, Geborgenheit, Verantwortung, Sorge und auch das Scheitern von Idealen.


Starke Texte zum Thema „Familie“ beim Poetry Slam

„Hallo Menschen!“ – So cool wie die Begrüßung ist auch seine Sonnenbrille. Ganz locker ist er, und das passt genau zur Stimmung auf dem Burgplatz. Slam-Master Marco Jonas Jahn hat das Publikum schnell „eingefangen“. Er wird die Endausscheidung des Poetry-Slam-Wettbewerbes moderieren. Das ist ein moderner Dichter-Wettstreit. „Die Texte sind selbst erdacht, selbst verfasst, das Zeitlimit beträgt sechs Minuten, Requisiten sind nicht erlaubt“, erklärt er kurz und bündig. In drei Vorentscheidungen haben sich sechs Kandidatinnen und Kandidaten für das Finale qualifiziert. Das Thema heißt „Familie“. Die fünf Juroren sucht sich der Slam-Master im Publikum und bemerkt dabei witzig: „In der Jury sitzen immer Leute, die es nicht geschafft haben, Lehrer zu werden.“

Los geht es. Viktoria Labisch aus Hattingen ist die erste. „Familie – ein Ort, sieben Buchstaben und Millionen von Bedeutungen“, beginnt sie, beschreibt das typische Familienbild, die Klischees. Aber sie spricht auch von Liebe, Vertrauen, Sorge und Verantwortung. Das Wort „Familie“ lasse sich nicht beschreiben. Ihre tiefsinnigen, differenzierten Gedanken lässt sie in einer Frage enden: „Familie. Man braucht sie doch, oder etwa nicht?“. Applaus. 21 Punkte gibt ihr die Jury.

Richtig rund geht es schon allein akustisch bei dem Oberhausener Matthias Reuter. Das liegt vielleicht auch an seinem Thema. Denn die Zuhörer lässt er zu Zeugen einer skurrilen Geschichte werden: Die Feier eines Kindergeburtstages im Auto-Kino. Es wird zu einem „Drama in drei Akten“, mit dem üblichen Zoff zwischen Kindern und Eltern im Auto, statt Harry Potter erscheint ein Ein-Hand-Kettensäger in Horrorvision und dann noch eine handfeste Auseinandersetzung und verbeulte Autos. Das kommt an: 24 Punkte, wohl auch für den perfekten Vortrag.

Sandra Kotzok hat ein „Heimspiel“. Der Text der Essenerin hat es in sich, greift ein für Eltern oft heikles Thema auf. Es geht um den Versuch von Papa, Mama und Oma, in einem hauseigenen Diskurs über Sexualität den siebenjährigen Sprössling aufzuklären. Ein mühsamer Versuch, der in einem Chaos und am Ende immer noch hilflosen Eltern endet. Das ist dem Publikum 20 Punkte wert.

Betroffenheit löst der Text von Lisa Schöyen aus Düsseldorf aus. Denn sie erzählt von Jonas, der an der Trennung von seinem großen Bruder Michael zu zerbrechen droht. Michael erzählt immer so tolle Geschichten. Als Jonas ihn nach langer Zeit endlich besuchen kann, erkennt er, dass die Geschichten des großen Bruders aus Büchern stammen. Wut und Enttäuschung lassen Jonas davonrennen. Michael läuft ihm nach, wird dabei von einem Auto erfasst und stirbt. Ein Trauma für Jonas. Schuld erdrückt ihn. Die Eltern schweigen. Es ist ein Text aus dem wahren Leben, auch das ist Familie – das will Lisa sagen. Sie erhält 24 Punkte.

Kürzer ist der Text von Anna Höpfner aus Oberhausen. Und man muss konzentriert zuhören, denn sie schreibt „dichte“ Sätze, spielt mit den Worten, reiht sie aneinander und löst sie wieder auf. Klar, es geht um die Familie mit all ihren hellen und dunklen Facetten. Ihre Sätze sind ein tiefes Nachdenken über Beziehungen, Schwächen, Verletzungen, Geborgenheit, Unterstützung und die Frage nach dem Woher, Wohin und Warum. „Wir sind so geboren, wissen nicht warum“, endet sie. Die Zuhörer sind beeindruckt: 26 Punkte.

Als letzte geht Lena Leibold aus Hattingen ans Mikrofon. Sie lässt die Zuhörer teilhaben an den Gefühlen eines Scheidungskindes, an seiner zerbrochenen Welt genauso wie an der Frage nach dem Warum. „Das Ideal ist schwer zu wahren“, sagt Lena. Familie macht stark? In ihrem Text versieht sie das mit einem Fragezeichen. Ihre Worte und Sätze sind nicht anklagend oder verurteilend. Aber ihr Text ist eine einzige Suche nach Antworten. Großer Applaus und 26 Punkte.

Sie und Anna müssen ins Stechen. Beide müssen noch einmal ran ans Mikrofon. Erneut Punktegleichstand. Die Spannung steigt. Der Slam-Master ist gefragt, rechnet jetzt die Streichwertungen hinzu. Und dann gibt es eine Siegerin: Anna Höpfner aus Oberhausen. Sie wird dafür mit einem iPad belohnt. Auch die anderen Finalisten erhalten Preise und vor allem großen Applaus von den Zuhörern.

Immer noch sind Kettwiger Straße und Burgplatz voller Menschen. Überall ist etwas los. Die Moderatoren Beate Kowollik (WDR) und Björn Enno Hermans kündigen das Improvisationstheater „Emscherblut“ an. Luftballons und Seifenblasen steigen in den Himmel. Eine entspannte und fröhliche Atmosphäre. Die vielen „Familienfans“ erleben es: „Bindung macht stark.“ (do)


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