Lebenswirklichkeiten von Familien in den Blick nehmen

Dass sich nicht nur die Gesellschaft, sondern auch die Kirche dem veränderten Familienbild und den sich wandelnden Familienwirklichkeiten stellen müsse, betonte Bischof Overbeck auf dem Familienkongress der Räte im Bistum Essen. Rund 200 Besucher setzten sich mit den zahlreichen Facetten des Themas "Familie" auseinander.

200 Besucher beim Familienkongress der Räte im Bistum Essen

Das Thema „Familie“ zählt für Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck zu den großen Themen der Gesellschaft. Das unterstrich er erneut am Samstag, 10. November, auf dem Familienkongress der Räte im Bistum Essen im Mariengymnasium in Essen-Werden. So unterschiedlich Menschen und Familienbilder auch seien, eines sei auffällig, dass nämlich zum Familienleben Bindungen gehörten. „Bindungen machen stark“, betonte der Ruhrbischof. Diese Erfahrung greife auch das Motto der Familienkampagne 2012 auf.

Vor den rund 200 Teilnehmern des von Jürgen Zurheide moderierten Kongresses wies der Bischof darauf hin, dass die Sehnsucht nach Bindungen ungebrochen sei. Aber ihre Dauerhaftigkeit sei „problematisch“. Überall dort, wo Menschen füreinander Verantwortung übernähmen, werde bereits viel von dem realisiert, „was für uns Christen zum Familienideal gehört“, betonte der Bischof. Auch wenn die Kirche mit ihrer Tradition vielfach in Spannung zum gesellschaftlichen Umfeld stünde, suche sie „konstruktiv positive Anschlüsse, die zwar nie deckungsgleich mit unseren Zielvorstellungen von Familienleben sind, aber doch Solidarität und Gemeinschaft hervorrufen können“, gab Overbeck zu bedenken. Auch die Kirche müsse sich dem veränderten Familienbild und den sich wandelnden Familienwirklichkeiten stellen.


Stärkung der Eigenverantwortung und Autonomie

Dass dies auch für die Gesellschaft und Politik gelte, bekräftigte Professor Dr. Wassilios Emmanuel Fthenakis, Professor für Entwicklungspsychologie und Anthropologie an der Freien Universität Bozen, in seinem Vortrag zum Thema „Elternschaft und Partnerschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts: Perspektiven für Familien- und Bildungspolitik“. Er beschrieb die tiefgreifenden strukturellen und qualitativen Wandlungsprozesse, die die Familie durchlaufe, stellte die verschiedenen Formen und Konzepte gelebter partnerschaftlicher Beziehungen vor und skizzierte die Herausforderungen, die eine Elternschaft für eine Paarbeziehung mit sich bringt. Als Merkmale einer zeitgemäßen Familienpolitik nannte der Professor unter anderem die „Stärkung von Autonomie und Eigenverantwortung der Familie“ und die „Förderung einer Familienpolitik, die von den Bedürfnissen der Familie ausgeht“. Notwendig sei auch die „Entwicklung einer auf Werten aufbauenden inklusiven Gesellschaft“, die Verantwortung für Kinder und Familien übernehme. Es gelte ferner, kindliche Rechte zu stärken und Bildungschancen zu verbessern. Das erfordere auch die Modernisierung des Bildungssystems. Letztlich müsse das Kindeswohl oberste Entscheidungs- und Handlungsmaxime sein. „Wir müssen als Gesellschaft Familien ermöglichen, ihre Konzepte umzusetzen, sonst bleiben wir als Gesellschaft auf der Strecke“, unterstrich Professor Fthenakis mit Nachdruck.


Kommunale Familienpolitik

Die Vielfalt dieser Konzepte schlägt sich nach Ansicht von Dr. Angelika Engelbert, Privatdozentin am Zentrum für interdisziplinäre Regionalforschung der Ruhr-Universität Bochum, auch in den Bedürfnissen der Familien nieder. „Diese Bedürfnisse werden vor allem in der Kommune deutlich, da Familien dort ihren Alltag verbringen“, so Engelbert. Da Familien und ihre Leistungen in ökonomischer, politischer und sozialer Hinsicht für Kommunen wertvoll seien, müsse Familienpolitik fester Bestandteil der Kommunalpolitik sein. „Ein Blick in die Kommunen zeigt jedoch, dass kommunale Familienpolitik oftmals versteckte Politik ist“, machte die Privatdozentin deutlich. Grund hierfür sei die Tatsache, dass Familienpolitik in der Bundespolitik verankert sei. Gemeinsam mit Kooperationspartnern müsse es Kommunen gelingen, Familien bedürfnisgerecht zu unterstützen. Hier erwiesen sich die Kirchen als verlässliche und wichtige Partner.


Foren diskutierten das Thema „Familie“

In vier Foren ging es am Nachmittag um Themen wie „Bindung und Biographie“, „Rechtliche Rahmenbedingungen für ein gelingendes Familienleben“, „Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf“ sowie „Familie und Kirche“. Eine große inhaltliche Bandbreite wurde in dem abschließenden Plenum präsentiert: von der Bedeutung von Bindungen über das Familienrecht, die Erziehungshoheit der Eltern und das Betreuungsgeld bis hin zur Bedeutung der Familie in der Unternehmenskultur und Schärfung des Blicks für die Lebenswirklichkeit, Fragen und Wünsche der Menschen.

Bei aller Themendichte und Diskussionsfreude der Erwachsenen kam auch bei den jungen Besuchern des Kongresses keine Langeweile auf. In der Turnhalle lud ein Mitmach-Zirkus dazu ein, sich auf das Einrad zu wagen und sein Können an weiteren Zirkusutensilien zu testen. Da jonglierten die Kinder auf einer Walze, zauberten mit farbigen Bändern bunte Figuren in die Luft und hielten ganz cool zwischen zwei Leitern die Balance. Und sie präsentierten ihre erlernten Kunststücke vor großem Publikum, ernteten dafür begeisterten Applaus. Auch diese kleine Zirkusfamilie machte die Erfahrung: „Bindung macht stark.“ (do/ja)

Ausführliche Betrachtung des Vortrages von Prof. Dr. Fthenakis
Ausführliche Betrachtung des Vortrages von Dr. Engelbert

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