Kirchen werben für einen neuen Blick aufs Alter

Beim Sozialpolitischen Aschermittwoch plädieren Bischof Overbeck und Präses Rekowski dafür, das Alter nicht nur als einen von Gebrechen geprägten Lebensabschnitt zu sehen. Der Gastreferent und renommierte Gerontologe Andreas Kruse warnt davor, Alte abzuschieben: Bis ins hohe Alter wollten sich Menschen für andere einsetzen und neues lernen.

Nachdenklicher Akzent zum Aschermittwoch

Für einen neuen Blick auf das Alter haben sich die beiden großen christlichen Kirchen bei ihrem sozialpolitischen Aschermittwoch in Essen ausgesprochen. „Unser Bild vom Alter stimmt nicht mehr“, sagte der Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Manfred Rekowski, bei der ökumenischen Veranstaltung in der evangelischen Auferstehungskirche. „Zwischen der Generation 50+, pflegebedürftigen Menschen und hochbetagten 90-Jährigen“ gäbe es viel größere Differenzen als die Gesellschaft sie bislang wahrnehme. Zudem sei „das Älterwerden für die meisten Menschen heute angenehmer als für ihre Eltern und Großeltern“, plädierte der 58-Jährige für einen positiveren Blick auf das Alter, als er oft in politischen Diskussionen gepflegt wird. Für die meisten Menschen beginne heute mit dem Ruhestand „ein dritter Lebensabschnitt, den es früher kaum gegeben hat“. Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck warb dafür, beim Blick auf die ältere Generation „die Wirklichkeit zu lieben“ und stärker als bislang auf die Potenziale der älteren Generation zu setzen.

Einen zentralen Aspekt für einen neuen Blick auf alte Menschen nannte der renommierte Altersforscher Professor Andreas Kruse. Der Leiter des Instituts für Gerontologie an der Uni Heidelberg berichtete von Forschungen mit 85- bis 100-Jährigen und dem aus Sicht der Forscher „beeindruckenden Ergebnis“, dass das zentrale Thema für diese Hochbetagten nicht die in der gesellschaftlichen Debatte oft im Vordergrund stehende Frage nach einem autonomen, selbstbestimmten Leben war. Vielmehr war „das zentrale Thema die Sorge für und um Andere“, referierte Professor Kruse. „Wenn wir Teilhabe und psychische Gesundheit bis ins hohe Alter erhalten wollen ist es essentiell, dass wir fragen, welchen Beitrag diese Menschen für andere leisten können“, schloss Kruse aus den Forschungsergebnissen.

Der Wissenschaftler plädierte dafür, die altersbedingte „Verletztlichkeit“ von Senioren im Blick zu haben, älterer Menschen aber nicht auf diese Verletztlichkeit zu reduzieren. „Wir haben große Fortschritte in Medizin und Biologie gemacht“, so Kruse mit Blick auf die in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegene Lebenserwartung, „aber anthropologisch und ethisch sind wir weit hinterher“. Gerade auf die mit dem Alter zunehmende Verletzlichkeit der Menschen „haben wir uns kulturell einzustellen“, betonte Kruse. Jedoch nicht, in dem Alte weggesperrt werden, sondern „in dem man ihnen ermöglicht, im öffentlichen Raum zu verbleiben“. Wenn die Gesellschaft „Strukturen schafft, dass Ältere dann auch Verantwortung für andere übernehmen können, wird dies die Lebensqualität im Alter deutlich fördern“, empfahl der Altersforscher.

Mit dem Zitat „Ich werde alt und lerne jeden Tag dazu“ des altgriechischen Staatsmanns Solon warb Kruse zudem für eine „Umgebung, in der Ältere lernen können“. „Wir sind bis ins hohe Lebensalter hinein lernfähig“, untermauerte der Gerontologe die gut 2500 Jahre alte Einschätzung Solons mit aktuellen wissenschaftlichen Ergebnissen. Gerade mit Blick auf das Alter gelte es indes bereits in früher Jugend Ungleichheiten im Bildungssystem zu beheben. Schließlich fördere ein ungleiches Bildungssystem eine soziale Ungleichheit – und diese mache es den Benachteiligten deutlich schwerer in Gesundheit ein hohes Alter zu erreichen.

Seit 1998 setzen das katholische Ruhrbistum und die Evangelische Kirche im Rheinland am Aschermittwoch einen eher nachdenklichen sozialpolitischen Akzent – bewusst als Kontrast zum traditionellen politischen Wortgepolter am ersten Tag der Fastenzeit. Ein Anlass war seinerzeit das ein Jahr zuvor vorgestellte Gemeinsame Sozialwort der Kirchen. Bischof Overbeck betonte den besonderen Wert dieser sozialpolitischen Partnerschaft der Kirchen und verwies auf die am vergangenen Freitag vorgestellte Sozialinitiative der Kirchen, die an das Sozialwort von 1997 anknüpft. (tr)

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