„Kein integrationspolitisches Ping-Pong-Spiel“

Gegenseitige Vorwürfe in der Integrationsdebatte helfen nach Ansicht von Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck nicht weiter. Die Einheit der Gesellschaft sei nicht über ihre Einheitlichkeit herzustellen, sondern über gerechte Teilhabe, betonte er im ökumenischen Gottesdienst zum bundesweiten Auftakt der "Interkulturellen Woche 2010" in Essen.

Bischof Overbeck mahnt Zusammenhalt der Gesellschaft an

Für Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck liegt das zentrale Integrationsproblem in Deutschland trotz aller Fortschritte im Bereich der Bildung, Ausbildung und beruflicher Qualifikation. „Bessere oder schlechtere Zukunftsperspektiven werden dabei nicht genetisch, sondern sozial vererbt“, betonte er im ökumenischen Gottesdienst anlässlich der bundesweiten Eröffnung der „Interkulturellen Woche“ in der Essener Erlöserkirche.

In keinem Land der Europäischen Union entscheide das Herkunftsmilieu so stark über den Werdegang von Kindern wie hierzulande. Diese Integrationsdefizite könnten nicht durch angedrohte Sanktionen oder Forderung nach stärkerem Engagement der betroffenen Familien beseitigt werden. „Stattdessen ist hier eine Integrationsleistung der ganzen Gesellschaft erforderlich, um Bedingungen für Chancengleichheit, Bildungsgerechtigkeit und aktive Teilhabe am öffentlichen Leben zu schaffen und Diskriminierung abzubauen", unterstrich Overbeck am Freitagabend. Gleichzeitig mahnte er mehr Aufmerksamkeit auf die soziale Entwicklung in benachteiligten Stadtteilen an. „Hier leben oft Einheimische und Zuwanderer zusammen, die zu den sozialen Verlierern gehören“, so der Bischof. Die Arbeit von Kirchengemeinden, Caritas und Diakonie in Stadtteilkonferenzen und Runden Tische zeige, dass hier soziale Netze neu geknüpft und Konflikte gelöst werden könnten.

Doch bei aller Kritik ist die Integration in Deutschland nach Ansicht von Overbeck „besser als ihr Ruf“. Bei aller Kritik im Detail  stünden die Sprachförderung vor der Einschulung, Integrationskurse, der Nationale Integrationsplan und die Deutsche Islamkonferenz „für eine politische Gestaltung von Zuwanderung und Integration“, die nicht zuletzt die Kirchen und ihre Wohlfahrtsverbände angemahnt hätten. Ein „integrationspolitisches Pingpong-Spiel“ sei wenig hilfreich. „Es bringt uns nicht weiter, wenn die einen auf die Versäumnisse der Zuwanderer und die anderen auf die der Politik hinweisen, ohne dass nüchtern analysiert wird, wo die Herausforderungen liegen“, betonte der Bischof.

Nur wenn die Gesellschaft zusammenhalte, werde sie auch die Zukunft gewinnen. Aus politischer Sicht sei diese Aussage alternativlos. „Das schließt faire Kritik an den Zugewanderten und auch an der aufnehmenden Gesellschaft ebenso wenig aus wie die politische Auseinandersetzung“, so Overbeck. Zur Identität des Gemeinwesens gehöre positiv der kulturelle und weltanschauliche Pluralismus. Overbeck: „Die Einheit der Gesellschaft ist nicht über ihre Einheitlichkeit, sondern über gerechte Teilhabe herzustellen. Dabei ist die Andersheit des anderen als besonderes Gut anzuerkennen."


Klarheit der eigenen Identität - Wertschätzung des anderen

Das christliche Welt- und Menschenbild widerspreche allen Theorien, die unversöhnliche Gegensätze zwischen den Kulturen konstruierten. „Die biblisch-christliche Grundhaltung lässt uns über alle kulturellen und religiösen Unterschiede hinweg die in Gott gegründete Gemeinsamkeit sehen“, so der Bischof. Dabei seien die „Klarheit der eigenen Identität“ und das „wertschätzende Sicht-Einlassen auf andere“ zwei Pole, die gemeinsam zum christlichen Glauben gehörten. Zusammenleben und Zusammenhalt in einer multireligiösen Gesellschaft setze bei allen Beteiligten die Fähigkeit voraus, „die eigene Überzeugung nicht auf Kosten, wohl aber im Angesicht anderer, zum Teil widersprechender Überzeugungen formulieren zu können“, unterstrich Overbeck.

Wenn in der Bildung ein wesentlicher Faktor der Integration gesehen werde, dürfe eine religiöse Bildung, die „sprach- und auskunftsfähig“ mache, nicht vergessen werden. Hier mahnte Overbeck die Einführung des islamischen Religionsunterrichtes an Schulen an. Denn schließlich sei die Schule „der zentrale Lernort für eine konfessionelle Identität in ökumenischer und interreligiöser Offenheit“.  Darüber hinaus müsse kirchliche Bildungsarbeit in Kindergärten, in kirchlichen Gruppen und Verbänden sowie in der Familien- und Erwachsenenbildung verstärkt die Menschen begleiten, die durch „die noch neue Präsenz nichtchristlicher Religiosität tief verunsichert“ seien.

Geleitet wurde der ökumenische Gottesdienst vom griechisch-orthodoxen Erzbischof und Metropoliten Augoustinos, Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck sowie dem Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland und Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Nikolaus Schneider. Dieser mahnte eine humanitäre Lösung in der Frage eines Bleiberechts für langjährig Geduldete an. „Es ist unerträglich, wenn Menschen aufgrund von Kettenduldungen alle drei Monate wieder neu vor der Existenzfrage stehen“, so der Ratsvorsitzende.  Vor allem gut integrierte Menschen und in Deutschland aufgewachsene Kinder und Jugendliche bräuchten endlich eine dauerhafte Perspektive. Dabei sollten auch humanitäre Aspekte bei Alten, Kranken und Traumatisierten Berücksichtigung finden. 

Unter dem Motto „Zusammen halten – Zukunft gewinnen“ sind in der „Interkulturellen Woche 2010“ noch bis zum 2. Oktober mehr als 3.500 Veranstaltungen in 300 Städten und Gemeinden bundesweit geplant. (do)


Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck

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