Jugendkirche „Überdacht“ diskutiert über Flüchtlingsarbeit

Gesprächsabend im Rahmen der Veranstaltungsreihe „All inclusive“ im Autonomen Jugendzentrum Lüdenscheid

In Lüdenscheid ist vieles spontan und unkompliziert möglich

Die Asylpolitik und die rechtliche Situation von Flüchtlingen, das tägliche Miteinander mit Zuwanderern und der mehr oder weniger offene Rassismus in Deutschland – diese Themen standen am Mittwoch im Fokus des Diskussionsabends „Besprochen“ im Autonomen Jugendzentrum Lüdenscheid. Zum vierten Mal hatten die mobile Jugendkirche „Überdacht“ und „youngcaritas“ Märkischer Kreis Jugendliche und junge Erwachsene zu einem Abend in der Reihe „All inclusive“ eingeladen, um sich gemeinsam diesen aktuellen gesellschaftlichen Fragen zu nähern. Als Gesprächspartner waren Christiane Langs-Blöink, Leiterin der Lüdenscheider Theodor-Heuss-Realschule, die junge Kommunalpolitikerin Shari Kowaleski (SPD) und Stanislava Balueva, Leiterin einer Flüchtlingsunterkunft in Lüdenscheid, mit dabei.

Schwierige Gemengelage für Politik und Verwaltung

Kowalewski berichtete, dass es auch ihr als Kreistagsabgeordnete schwer falle beim Thema Flüchtlinge den Überblick zu behalten. Ein Grund dafür sei die schwierige Gemengelage bei den Zuständigkeiten, die vom Bund über die Länder bis zu den Kommunen reiche und dabei auch noch EU-Recht berücksichtigen müsse. Sie räumte ein, dass auch die Politik viele Fehler mache, weil sie Situationen nicht voraussehen und nur reagieren könne. Auch sie selbst sei nicht mit allen Entscheidungen auf Bundesebene einverstanden, bekannte die Sozialdemokratin.

Balueva warnte mit Blick auf die Flüchtlinge vor Pauschalisierungen und plädierte gerade bei der Frage nach dem Status eines Zuwanderers für individuelle Entscheidungen. So sei es mit Blick auf die unterschiedliche Menschenrechtssituation fragwürdig, alle Maghreb-Staaten pauschal zu sicheren Herkunftsländern zu erklären.

Im Publikum meldete sich auf Englisch ein Flüchtling aus der pakistanischen Provinz Belutschistan zu Wort und beklagte, dass er bisher an keinem Deutschkurs teilnehmen darf, der zu einem der Zertifikate für Deutsch als Fremdsprache qualifiziert. Bislang könne er nur die offenen Angebote in Lüdenscheid nutzen. Das mache er gerne, weil er mit den Menschen ins Gespräch kommen und ihnen erzählen möchte, dass er nicht freiwillig seine Existenz und sein Zuhause aufgegeben hat. In Deutschland möchte er nun die Chance haben, sich eine neue Existenz aufzubauen.

Mit Blick auf Rassismus und Fremdenfeindlichkeit waren sich Schulleiterin Langs-Blöink und Flüchtlingshelferin Balueva einig, dass die Angst vor Fremden in der Regel „völlig irrational“ sei, aber dennoch ernst genommen werden müsse. „Wir werden den Rassismus nicht aus den Köpfen kriegen mit reden“, sagte Langs-Blöink. Vielmehr müsse man den Menschen „Augen, Hände, Füße geben“. Der persönliche Kontakt sei entscheidend – spontan entstand die Idee zu einem gemeinsamen Projekt von Schule und Flüchtlingsunterkunft.

Unkomplizierte Zusammenarbeit

Ein Zeichen für die gute Zusammenarbeit in der Flüchtlingshilfe der märkischen Kreisstadt: Langs-Blöink und Balueva berichteten, dass in Lüdenscheid vieles spontan und unkompliziert möglich sei, sowohl auf Verwaltungsebene als auch im Rahmen von ehrenamtlichen Hilfen. So hätten die Schulleiter aller weiterführenden Schulen spontan reagiert, als die Kapazitäten der offiziellen Seiteneinsteigerklassen erschöpft gewesen seien, und in Abstimmung mit den zuständigen Behörden weitere Schüler auf ihre Schulen verteilt. Balueva, die aus Städten wie Düsseldorf andere Situationen kennt, zeigte sich beeindruckt, wie viele konkrete und bedarfsorientierte Hilfen in Lüdenscheid bereitgestellt würden – zum Beispiel durch die Flüchtlingsinitiative und viele weitere Ehrenamtliche, die ihre Unterstützung anbieten. Auch mit der Nachbarschaft der Flüchtlingsunterkunft werde ein reger Kontakt gepflegt.

Letztlich, da waren sich alle einig, gelinge Integration nur durch einen offenen Umgang miteinander. Kowaleswki appellierte an die jungen Leute im Publikum, sich zu engagieren, ganz gleich ob in der Schule, in der Politik oder auf anderen Ebenen: „Das ist immer ein guter Schritt.“

Bei „Al Inclusive“ geht’s jetzt um Inklusion

In der Aktionsreihe „All inclusive“ wird es nach vier Abenden zum Thema Flucht und Vertreibung in den folgenden zwei Veranstaltungen um Inklusion gehen, also das Zusammenleben von Menschen mit und ohne Behinderungen. So steht am Mittwoch, 4. Mai, ab 19 Uhr der Comedian Martin Fromme im Autonomen Jugendzentrum an der Altenaer Straße in Lüdenscheid auf der Bühne. Er ist körperbehindert und bricht mit seinem Programm so manches Tabu. Der Eintritt ist frei. Am Mittwoch, 18. Mai, geht es um „Integratives Theater“. Dann lädt „All Inclusive“ zum Besuch einer öffentlichen Probe des integrativen Theaters in der Alten Schule Lüdenscheid ein. (bg)

Jugendreferentin

Claudia Giesen


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