Innenminister wirbt für stärkeren Zusammenhalt

Thomas de Maizière beklagte beim Jahresempfang von Ruhrbischof und Katholischer Akademie „Die Wolfsburg“ eine Verrohung der Sprache und ein Desinteresse an der Gesellschaft.

Verrohung der Sprache und Desinteresse an der Gesellschaft.

Für Bundesinnenminister Thomas de Maizière ist der Zusammenhalt in Deutschland in Gefahr – und das nicht nur wegen der vielen Flüchtlinge, die die Gesellschaft nun integrieren soll. Beim Jahresempfang von Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und Katholischer Akademie „Die Wolfsburg“ am Montagabend in Mülheim warnte der CDU-Politiker vor Desinteresse an der Gesellschaft, einer Verrohung der Sprache und mangelndem Respekt. „Der gesellschaftliche Zusammenhalt ist mehr, als Gesetze in Sachen Flüchtlingspolitik zu machen“, betonte der Minister.

„Wir sind mehr als eine Demokratie“

Es waren auffallend nachdenkliche Töne, mit denen sich der Innenminister an die mehr als 500 Gäste in der Bistums-Akademie wandte. De Maizière hob fünf Faktoren hervor, die seiner Ansicht nach wichtig sind für den gesellschaftlichen Zusammenhalt: Sachkunde und Neugier „über das, was in der Gesellschaft passiert“, Kompromissbereitschaft, Respekt und Achtsamkeit, Auseinandersetzung und Streit sowie „Gedanken über unsere gemeinsame Identität“. „Können wir in zehn Sätzen erklären, was wir unter Leitkultur verstehen, bevor wir von anderen verlangen, sie zu akzeptieren?“, fragte der Minister. Nur das Grundgesetz anzuerkennen sowie Grundwerte wie die Meinungsfreiheit und die Gleichberechtigung von Mann und Frau, sei zu wenig. „Wir sind mehr als eine Demokratie“, betonte de Maizière und deutete an, was seiner Ansicht nach noch zu dem „Band“ gehört, „das uns in Deutschland verbindet“: so etwa die „Akzeptanz und das Wissen um Auschwitz“. Aber auch das besondere Verhältnis von Staat und Kirche nannte der Innenminister einen „Schatz für unser Land“. Die christliche Prägung sei „Teil unserer Leitkultur“, sagte der Minister und verwies auf kirchliche Trauerfeiern für Politiker wie für gefallene Bundeswehr-Soldaten.

Bringschuld der Politik – Holschuld der Bürger

De Maizière sprach von einer „Bringschuld der Politik“, aber auch von einer „Holschuld der Bürger“, wenn es darum gehe, sich über wichtige gesellschaftliche Prozesse zu informieren. „Wer von Ihnen könnte wenigstens halbwegs den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten erklären?“, fragte der Minister die Zuhörer in Mülheim. Ohne dieses Wissen könne man den Konflikt in Syrien und der gesamten Region nicht verstehen. Der Minister warb für „Neugier, die uns auszeichnen sollte“. Auch der Direktor der Akademie, Michael Schlagheck, hatte zuvor in seiner Begrüßung über die Neugier gesprochen. Die „Wolfsburg“ sei ein „kirchlichen Ort für Neugierige“, sagte Schlagheck und betonte: „Kirche darf kein Raum sein, in dem aus Ängstlichkeit Neugier abtrainiert wird.“

„Nicht in diesem Ton“

Mit deutlichen Worten warb der Innenminister für mehr Achtsamkeit und Höflichkeit in der Gesellschaft. Gerade über das Internet – aber nicht nur dort – habe es „in den vergangenen zwei bis drei Jahren einen deutlichen Wandel zum Schlechteren gegeben“. Hier seien „Zivilisationsschranken eingerissen.“ Wie Eltern ihre Kinder ermahnten, brauche es jetzt „eine Gesellschaft, die sagt: ,Nicht in diesem Ton‘“. Dies deutlich zu machen, sei Aufgabe jedes einzelnen: „In der Kneipe, am Küchentisch, bei der Arbeit…“ Zudem sind intensive gesellschaftliche Auseinandersetzungen und politischer Streit für de Maizière Mittel, die den Zusammenhalt stärken. Konfrontationen wie die um die Wiederbewaffnung oder die Nachrüstung „haben unser Land eher zusammengeführt als getrennt“.

Overbeck: „Das Friedenswerk Europas auf dünnem Eis“

Auch Bischof Overbeck sieht derzeit Defizite in der deutschen Gesellschaft. „Auf dem Spiel steht unsere für so selbstverständlich gehaltene westliche Lebensform. Und das nicht nur durch die Angriffe von außen, sondern auch durch die Art unserer Reaktionen darauf“, sagte Overbeck mit Blick auf die jüngsten Terrorangriffe. Es gehe „um die Plausibilität und Legitimation unserer Lebensform“ und „um die Orientierungskraft der Menschenrechte für die Lebensführung einzelner und der verschiedenen kulturellen Gruppen in unserem Land und in Europa“, so der Ruhrbischof. Er spricht von einer „neuen Phase gesellschaftlicher Wirklichkeit“. Auf internationaler Ebene bewege sich „das politische Friedenswerk Europas momentan auf dünnem Eis“, weil versäumt worden sei, „die Wirtschaftsunion ausreichend sozial- und gesellschaftspolitisch abzufedern“.

Tätige Solidarität und christliche Spiritualität

Ein Gefühl der Unsicherheit „erleben wir nicht nur in politischen und sozialen Kontexten, sondern auch in der Kirche und im Bereich des Religiösen“. Zum einen verunsichere die stärker gewordene Präsenz des Islam, zum anderen stellten „die Erosionsprozesse des lebensweltlichen Christentums“ zunehmend die organisatorischen Fundamente des kirchlichen Lebens in Frage. Die Christen forderte Overbeck zu tätiger Solidarität und christlicher Spiritualität auf. (tr)

Die Rede Bischof Overbecks im Wortlaut (pdf)

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