„Ich weiß, was es heißt, da unten zu sein“

Jungen Mädchen ein besseres Leben ermöglichen, das ist die Berufung von Regina Kakue. Sie arbeitet in einer Hilfseinrichtung in Nairobi. Beim Besuch im Bistum Essen berichtet sie von ihrer Arbeit.


Regina Nduku Kakue ist eine sympathische Frau. Sie strahlt eine unglaubliche Energie aus. Wenn sie erzählt, spürt man, wie sehr ihr ihre Arbeit am Herzen liegt. Die 36-Jährige Kenianerin arbeitet im „Rescue Dada Centre“ in Nairobi, einer Einrichtung, die junge Mädchen von der Straße holt, ihnen Bildung und ein geregeltes Leben ermöglichen will.

Kakue ist in diesem Jahr als Gast der Misereor-Fastenaktion unter anderem ins Bistum Essen gekommen, um hier über ihre Arbeit zu berichten und sich auch einen Eindruck von der Jugendsozialarbeit in Deutschland zu verschaffen. Misereor unterstützt seit 1992 das Centre, dessen selbst erklärtes Ziel es ist, dass irgendwann in den Slums von Nairobi keine Kinder mehr auf der Straße leben.

„Manchmal ist es schwierig, Kontakt zu den Mädchen zu bekommen“, erzählt Kakue. Viele Straßenkinder leben in so genannten „street families“, Gruppen, in denen sie sich gegenseitig beschützen. Vertrauen spielt eine große Rolle bei der Arbeit der Sozialarbeiter. „Man muss freundlich sein, damit die Kinder sich öffnen und Hilfe akzeptieren“, sagt Kakue. Rund 80% der Straßenmädchen von Nairobi hätten schon sexuelle Gewalt erfahren, manche müssten ihren Körper verkaufen, um im Gegenzug beschützt zu werden. „Wir wollen diesen Mädchen ein geregeltes Leben zeigen und ihnen ermöglichen, für sich selbst zu sorgen, wenn sie das Centre verlassen.“

Vertrauen ist wichtig

Denn die Plätze im Rescue Dada Centre sind begrenzt. 16 hauptamtliche und mehrere ehrenamtliche Mitarbeiter kümmern sich um 70 Mädchen. Die meisten der Mädchen bleiben für ein Jahr. „Unser Ziel ist es, die Mädchen in ihre Familien zu reintegrieren“, sagt Kakue. „Falls das nicht klappt, versuchen wir, sie bei Verwandten oder in Pflegefamilien unterzubringen.“ Manche Eltern hätten kein Interesse daran, ihre Töchter zurück zu nehmen. „Sie sagen dann: ‚Den Kindern geht es doch gut bei euch, warum können sie nicht da bleiben?’ In einem solchen Fall müssen wir nach Alternativen suchen“, erzählt die Sozialarbeiterin.

Viele Kinder in Nairobi stammen vom Land, sie kommen in die kenianische Hauptstadt, weil die Armut ihrer Eltern sie dazu zwingt. Aber auch in Nairobi selbst ist die Armut groß: Rund drei Viertel aller Einwohner wohnen in einem der mehr als 100 Elendsviertel der Stadt, 60.000 davon sind Kinder. Das Rescue Dada Centre kümmert sich ausschließlich um Mädchen, die jüngsten sind vier Jahre alt, die ältesten 16. „Es gibt andere Einrichtungen, die sich um Jungen kümmern, an die vermitteln wir dann manche Jungs, die wir auf der Straße finden“, sagt Kakue. Das Centre, das vom Erzbistum Nairobi gegründet wurde, ist Teil eines großen Netzwerks von sozialen Einrichtungen, die das Leid der Kinder in der Stadt mindern wollen.

Krankheiten sind ein großes Problem für das Centre. „Manche unserer Mädchen sind HIV-positiv“, erzählt Kakue. Dies werde jedoch so gut es ginge vor den anderen Mädchen geheim gehalten. Denn Infizierte würden sehr schnell und sehr konsequent von den anderen ausgegrenzt. „Sobald die Kinder sehen, dass andere Kinder regelmäßig Medikamente nehmen, kommt sofort ein Verdacht auf“.

Große Unterstützung durch Misereor

Kakues Motivation, so hart für das Centre zu arbeiten, liegt in ihrer eigenen Biografie begründet. 1975 als siebtes von acht Kindern östlich von Nairobi geboren, muss sie als Teenager in die Hauptstadt ziehen, um dort zu arbeiten, denn trotz eines sehr guten Grundschulabschlusses kann ihre Familie es sich nicht leisten, sie auf eine weiterführende Schule zu schicken. In Nairobi arbeitet sie als Haushaltshilfe und heiratet mit 19. Mit ihren drei Kindern und ihrem Mann lebt sie in einer kleinen Hütte in den Mathare-Slums. Bei der Erinnerung an diese Zeit kommen ihr die Tränen. „Es war eine schlimme Erfahrung.“ Oft ist sie verzweifelt, weiß nicht, wie es mit ihrem Leben weitergehen soll. „Ich dachte mir, das ist nicht mein Schicksal“.

1997 beginnt sie beim Rescue Dada Centre zu arbeiten, erst als Torhüterin, dann als Sekretärin. Ihr Wunsch ist es aber, näher bei den Mädchen zu sein und ihnen bei der Bewältigung ihrer Probleme zu helfen. Nach der Arbeit geht sie zur Abendschule und schließt 2008 ihr Studium als Sozialarbeiterin ab. Seitdem ist sie Teil des Teams, das sich um die Mädchen kümmert. „Ich brauchte selber Hilfe, als ich jung war, und diese Hilfe möchte ich jetzt geben. Denn ich weiß, was es heißt, da unten zu sein“, sagt sie.

Seit 20 Jahren kämpfen die Mitarbeiter des Rescue Dada Centres dafür, den Straßenmädchen der Stadt ein besseres Leben zu ermöglichen. „Misereor hat uns großartig unterstützt“, sagt Kakue, „sie helfen uns dabei, mit unserer Arbeit erfolgreich zu sein“. Mit Misereors Hilfe können die älteren Mädchen im Centre eine Ausbildung zur Frisörin oder Kosmetikerin machen, um später auf eigenen Beinen stehen zu können. Auch die Zusammenarbeit mit der örtlichen Kirchengemeinde funktioniere gut. „Sie helfen uns dabei, Pflegeeltern für unsere Mädchen zu finden und sammeln Kleidung.“

Für die Zukunft ist Regina Nduku Kakue optimistisch: „Meine Vergangenheit war schlimm, aber ich glaube, meine Zukunft wird besser werden.“ (jsb)

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