von Angelika Wölk

„Ich musste lernen, ein Vater zu sein“

Der SKFM unterstützt Männer dabei, ihre Vaterrolle zu finden. Und hilft so der ganzen Familie. Eine Reportage zum Vatertag.

Dennis Quast sitzt auf dem großen Sofa und sagt zu dem zweijährigen Flynn: Holst du mal das Buch mit den Vögeln, das können wir uns ja jetzt anschauen? Flynn hastet in sein Zimmer, holt das Buch, springt aufs Sofa, kuschelt sich ganz dicht an seinen Papa und versinkt sofort tief in eine andere Welt. Darin gibt es nur noch Vater und Sohn. Diese Minuten gehören ganz ihnen und sie genießen sie sichtlich.
 
Eine Szene, die viel aussagt über das, was zwischen Vater und Sohn passiert. „Das war nicht immer so“, erzählt der 28-jährige Dennis Quast in seiner Essener Wohnung, denn das Vater-Sein, sagt der Student, das habe er erst lernen müssen. Eigentlich von Grund auf. Und dass es richtig gut gelungen ist, das verdanke er an erster Stelle dem Väterprojekt des Sozialdienstes Katholischer Frauen und Männer (SKFM) Wattenscheid.
 
Es ist auf Männer zugeschnitten, denen es ergeht wie Dennis Quast. „Wir erleben zurzeit einen Rollenumbruch“, erklärt Sebastian Flack, Projektmanager. Männer wollten viel stärker eingebunden werden, sie wollten Verantwortung übernehmen. Aber häufig fehle ihnen ein männliches Vorbild, jemand, der ihnen aus Männersicht Wissen und Sicherheit im Umgang mit dem Kind vermittle. Denn der eigene Vater falle dafür, aus Mangel an Erfahrung, meist aus.
 
Nicht auf die Vaterrolle vorbereitet
 
So wie bei Dennis Quast. Der junge, sportliche Mann ist vergleichsweise unvorbereitet ans Vater-Sein gekommen, sagt er. „Bis vor zwei Jahren hab ich noch bei meinen Eltern gewohnt.“ Er hat Abitur gemacht und dann angefangen, an der Evangelischen Fachhochschule in Bochum Soziale Arbeit zu studieren. Er habe sich nicht um viel kümmern müssen. Als seine Freundin Stefanie schwanger wurde, habe sich sein Leben jedoch mit einem Mal verändert. „Da war so viel Neues. Der Alltag mit Frau und Kind, die Beziehung. Es war eine komplette Umstellung.“
 
Mit der Vaterrolle habe er erst nur wenig anfangen können. Vor allem, sagt er, weil da noch dieses traditionelle Familienbild im Kopf gewesen sei. „Immer hieß es: Sich mit dem Kind beschäftigen, das hat dein Vater auch nicht gemacht.“ Die Mütter hätten sich in der Spielgruppe austauschen können, aber er habe sich immer gefragt: Was könnte ich als Papa überhaupt machen? Und dann sei er bei seiner Suche auf das Projekt des SKFM gestoßen. Bei seinem Besuch in Wattenscheid hat Sebastian Flack ihm das Projekt vorgestellt und er habe nur noch gedacht: „Super, dass es so etwas gibt, genau das richtige für mich.“
 
Beratung, finanzielle Unterstützung, Kegel-Stammtisch und Seminare
 
„Wir bieten hier ein niederschwelliges Beratungs- und Hilfsangebot für Männer und vor allem junge Väter“, erläutert der 31-jährige Projektmanager. „Wir informieren und beraten Menschen, die in einer schwierigeren Lebensphase Begleitung brauchen. Das können Informationen über Sozialleistungen sein oder eine Konfliktberatung und Streitschlichtung in der Familie“. Häufig helfe er bei Anträgen etwa für eine Erstausstattung. Oder er stelle Förderanträgen etwa bei der Aktion „Lichtblicke“ der Hilfsaktion der NRW-Lokalradios und der Caritas und der Diakonie. „Das Finanzielle“ sagt Flack, „spielt in fast allen Gesprächen eine Rolle“.
 
Aber das Projekt bietet auch einmal im Monat einen Kegel-Stammtisch für Väter an, bei dem sie sich in lockerer Runde austauschen können. Und dann ist da noch der Crash-Kurs zum Thema Bindung und Entwicklung des Kindes. „Die Bindung ist sehr wichtig, sie ist essentiell, weil in den ersten drei Lebensjahren der Grundstein für eine positive Entwicklung eines heranwachsenden Menschen gebildet wird. Und wir wissen, dass eine positive Bindungs-Erfahrung später an die eigenen Kinder weitergegeben wird.“
 
Eine stabilere Beziehung

Angebote für Frauen mit kleinen Kindern gibt es auch an anderen Orten bereits mehrere, für Männer die Orientierung brauchen sind sie bislang die Ausnahme. 2014 startete der SKFM das zunächst zweijährige Pilotprojekt. Und so besteht eine der Hauptaufgaben von Projektleiter Flack darin, das bisher einmalige Angebot in Wattenscheid bekannt zu machen, es in Kitas vorzustellen, Kontakte zu knüpfen, Flyer zu gestalten und Briefe zu schreiben. Eine Kärrnerarbeit. Aber eine, die sich augenscheinlich lohnt.

Denn so ist auch Dennis Quast darauf gestoßen. Bei ihm hat das Angebot nicht nur geholfen, die Beziehung zu Flynn und dem vier Monate alten zweiten Sohn Ben zu stärken, es hat sein gesamtes Leben bereichert. Der Student hat zum einen Unterstützung erhalten, aber er war auch insgesamt so angetan davon, dass er das Studium-begleitende Praktikum bei Sebastian Flack absolvierte. Später schrieb er eine Seminararbeit zum Thema Bindungstheorie. Und seine Abschluss-Arbeit möchte er über „Väterarbeit“ schreiben. Ein Ziel für die Zukunft.
 
In der Gegenwart hat das Projekt bereits jetzt dazu geführt, dass er zu Flynn eine sehr viel stabilere Beziehung hat, als noch vor einem Jahr. Das spüren nicht allein sie beide, das spürt auch seine Partnerin Stefanie. „Jetzt läuft alles viel entspannter“, stellt sie fest. „Flynn ist ein Junge, der bestimmte Dinge eben gern mit seinem Vater machen möchte. Und der bringt sich heute ganz anders ein als früher.“ Ein Väterprojekt, von dem eine ganze Familie profitiert. (Caritas, Angelika Wölk)

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