„Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann“

Der 6. Dezember ist der Festtag des heiligen Nikolaus. Doch in diesen Wochen macht die Schar der Schokoladen-Weihnachtsmänner dem Heiligen und Bischof von Myra zu schaffen. Denn oft wird er mit dem Weihnachtsmann verwechselt - einer Kunstfigur der Werbeindustrie. Der heilige Nikolaus ist aber alles andere als ein "Geschenke-Onkel".


Interview mit dem heiligen Nikolaus

Heiliger Mann, gibt es Sie überhaupt noch?

Nikolaus: Darauf können Sie wetten! Wer mehr als 1700 Jahre auf dem Buckel hat, der ist so leicht nicht unterzukriegen. So lange mich die Kinder und ihre Eltern nicht vergessen, gibt es auch den Nikolaus. Außerdem bin ich höchst up to date. Schauen Sie mal unter www.bischof-nikolaus.de nach.

Haben Sie sich schon den roten Mantel und den Rauschebart bereitgelegt?

Nikolaus: Vorsicht! Sie verwechseln mich. Ich bin doch nicht der Weihnachtsmann. Mit dieser Figur habe ich nichts zu tun. Das „Ho, Ho, Ho“ gehört nicht zu meinem Sprachschatz. Ein Bischof und Heiliger drückt sich intelligenter aus. Außerdem verrät die rot-weiße Farbe seine Herkunft als Werbeträger einer dunkelbraunen Zuckerbrause. „Coca Cola“ hat schon vor dem Zweiten Weltkrieg seine Fahrer als Weihnachtsmänner ausstaffiert.

Momentan scheint aber Kollege „Weihnachtsmann“ sehr gefragt.

Nikolaus: In der Tat. Weihnachtsmänner überschwemmen geradezu Fernsehkanäle, Magazine, Kaufhäuser und Einkaufsstraßen. Dieser rotbemantelte Geselle mit dem gemütlichen Wackelbauch und den Pustebäckchen hat mit mir, Gott bewahre, praktisch nichts zu tun. Er ist höchstens ein Re-Import aus den USA, dem jetzt alle trendy hinterher jagen. Eigentlich schade.

Was meinen Sie mit Re-Import?

Nikolaus: Der „Santa Claus“ bin im Grunde ich selber. Holländische Einwanderer haben diese Tradition nach Amerika gebracht. Ein Universitätsprofessor schrieb dann am 23. Dezember 1822 für seine Kinder ein Gedicht mit der Überschrift „A visit from St. Nicholas“. 1863 illustrierte ein Cartonist die Verse und der Name wandelte sich in „Santa Claus“. Das endgültige Outfit verdankt er einem Getränkekonzern. Weder eine Armenspeisung noch einen sorgenden Blick auf Menschen in Not hat er bewirkt. Lokales Brauchtum – Fehlanzeige. Kennen Sie eine einzige „Weihnachtsmann-Kirche“? Außerdem vermittelt er kaum das Bewusstsein, dass Kinder das größte Geschenk sind und unter einem besonderen Schutz Gottes stehen.

Dennoch haben Sie ein Problem mit ihm?

Nikolaus: Nicht wirklich. Als Heiliger steht man über solchen Dingen. Wenn, dann sind es die Erwachsenen, die ein Problem haben. Ich denke zuerst an die Kinder, die oft nicht mehr wissen, wer der Nikolaus wirklich ist. Viel problematischer ist, dass dieser schrullige Kauz auch noch dem Christkind den Rang ablaufen könnte. Das Fest der Geburt Jesu Christi ist von einer zentralen Bedeutung für die Menschen und die Welt. Da bedarf es wahrlich mehr als nur einer lustigen Dekofigur für den Austausch von Geschenken.

Geschenke teilt der Nikolaus aber auch aus.

Nikolaus: Natürlich. Ich beschenke die Menschen gerne, vor allem die Kinder. Dieses Brauchtum hat sich im Mittelalter herausgebildet. Die Paten haben am 6. Dezember Geschenke verteilt. Diesen Brauch gibt es etwa in Holland noch heute. Interessant ist, dass bis zur Reformation generell keine Weihnachtsgeschenke verteilt wurden. Erst Martin Luther hat in Deutschland das Christkind als Geschenkebringer eingeführt. Für die Kinder habe ich jedenfalls Überraschungen bereit.

Schöne Überraschungen, werden manche sagen, mit der Rute.

Nikolaus: Heiliger Bimbam! Dieses Missverständnis geht mir auf die Nerven. Ein Heiliger macht den Menschen niemals Angst. Er ist kein Kinderschreck. Ich will nicht als pädagogische Waffe missbraucht werden. Einen solchen Erziehungsgehilfen der Erwachsenen - übrigens ein Produkt aus der Aufklärungszeit - sollten die Leute gar nicht ins Haus holen. Ich war ein Bischof, der bedürftigen Kindern half, zu unrecht Gefangene rettete und vieles mehr.

Sind wir jetzt im Reich der Legenden?

Nikolaus: Gewiss. Über mich und mein Leben gibt es nicht viele Urkunden oder Schriftstücke. Dafür aber Geschichten, die seit Generationen erzählt werden. Da ist nichts Falsches dran. Ich lebte im 4. Jahrhundert und war Bischof von Myra in Kleinasien, der heutigen Türkei, nahe Antalya. Kennen einige wohl vom Urlaub her. Als Christ habe ich mich für die Armen und Benachteiligten eingesetzt. Für Fremde genauso wie für die Bürger meiner Bischofsstadt. Dort herrschte einmal eine große Hungersnot. Ich habe den Kapitän eines Getreideschiffes überredet, uns einen Teil der Ladung zu überlassen. Wir haben sozusagen Brot vermehrt. Ziemlich biblisch. Das müssen Sie zugeben.

Mir fällt die Geschichte mit den Mädchen ein.

Nikolaus: Diese Legende kennen die meisten. Ein sehr armer Mann hatte drei Töchter die heiraten wollten. Er musste die Mädchen auf die Straße schicken, um das Geld für die Aussteuer zusammen zu betteln. Ich hörte davon und warf dem Vater in drei Nächten drei Goldklumpen in die Stube. Die drei goldenen Kugeln, mit denen ich oft dargestellt werde, erinnern an diese Legende. Im Grunde auch die Teller, die die Kinder vor die Tür stellen. Ich lege bestimmt ‘was d‘rauf. Besser gesagt die Eltern.

Sie waren wahrscheinlich bald ein bekannter Mann?

Nikolaus: Natürlich spricht sich das herum. Aber mir ging es weiß Gott nicht um Publicity. Die damals neue Botschaft vom Reich Gottes musste Hände und Füße bekommen. Ich versuchte meinen Teil beizutragen. Andere Menschen haben mein Anliegen weitergetragen. Ich kenne Bruderschaften, die sich in meinem Namen zusammengeschlossen haben oder Armenspeisungen in Nikolaus-Kirchen. Im Mittelalter beruhte das ganze Sozialsystem auf solchen Säulen.

Ihr Wirken als Bischof fällt in eine sehr schwierige Zeit.

Nikolaus: Als ich um 300 Bischof wurde, standen wir Christen mächtig unter Druck. Kaiser Galerius verfolgte uns. Ich musste auch einige Zeit im Kerker verbringen. Lange spürte ich die Wunden der Folter. Aber lassen wir das. Ich durfte im Jahr 325 am großen Konzil von Niczäa teilnehmen. Wir legten damals das Glaubensbekenntnis fest. Das war theologisch spannend. Meine Unterschrift findet sich unter den erhaltenen Schriftstücken. An einem 6. Dezember zur Mitte des 4. Jahrhunderts bin ich dann in Myra gestorben. Weil bei uns Christen der Todestag als Geburtstag für den Himmel gilt, feiert man an dem Tag mein Fest.

Sie haben es ja bis zu einem richtigen Festtag als weltweiter Heiliger gebracht.

Nikolaus: In Myra und bald auch in Konstantinopel erinnerten sich die Leute an mich. Sie verehrten mich auch. Aber noch einmal, es geht nicht um meine Person. Es geht einzig und allein um Gott. Ich kann im besten Fall ein Beispiel für die Menschen sein. Insofern bin ich ganz froh darüber, dass sie sich weltweit an mich erinnern. Es freut mich, dass ich der Schutzheilige von Kindern oder der Patron von ungerecht Verurteilten sein kann. In der Not dürfen sich die Menschen noch heute an mich wenden.

Wenn ein Heiliger einen Wunsch frei hätte?

Nikolaus: Oh Gott. Heilige sollten wunschlos glücklich sein. Vielleicht etwas zum Nachdenken. Erstens: Heilig, und damit ein Zeuge für die Botschaft Jesu, kann eigentlich jeder sein; das beginnt im Alltag. Zweitens: Mit meinen Gaben will ich zeigen, wie wichtig eine helfenden Hand ist, und hinweisen auf die Liebe Gottes. Drittens, und jetzt muss ich doch ein wenig streng zu den Erwachsenen werden: Euere Kinder haben Besseres verdient als den Weihnachtsmann!

Heiliger Nikolaus, danke für das himmlische Gespräch. (Wolfgang Duschl / Bonifatiuswerk)


Videofilm zur Aktion "Weihnachtsmannfreie Zone"

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