Hiesinger wirbt für mehr Selbstbewusstsein im Revier

Bei der ersten öffentlichen Veranstaltung des neu gegründeten Rates für Wirtschaft und Soziales stand das Spannungsfeld "Heimat, Region und Globalisierung" im Fokus". Neben dem Thyssen-Krupp-Chef diskutierte Ruhrbischof Overbeck mit Wirtschaftsminister Garrelt Duin und dem "Wirtschaftsweisen" Professor Christoph Schmidt.

Bischof Overbeck: „Wir müssen innovativ sein“

Thyssen-Krupp-Chef Dr. Heinrich Hiesinger hat die Menschen im Ruhrgebiet zu mehr Zuversicht ermuntert. „Ich habe noch nie eine Region erlebt, wo die Menschen so sehr aufs Bewahren aus sind“, sagte Hiesinger am Donnerstag in Mülheim. Dies liege nicht etwa an Ignoranz. Vielmehr fehle die Zuversicht, die nötig ist, um neue Dinge zu beginnen. „Ich habe auch noch keine Region erlebt, wo die Menschen so wenig selbstbewusst sind“, ergänzte Hiesinger. „Dieser Mangel an Zuversicht und Selbstbewusstsein“ sei auch ein Problem für den Konzern, an dessen Spitze der gebürtige Schwabe seit vier Jahren als Vorstandsvorsitzender steht.

„Heimat, Region und Globalisierung“ stand als Überschrift über der ersten öffentlichen Veranstaltung des neu gegründeten Rates für Wirtschaft und Soziales im Bistum Essen, bei der sich am Donnerstag neben Hiesinger auch Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck, NRW-Wirtschaftsminister Garrelt Duin und der „Wirtschaftsweise“ Professor Christoph Schmidt, Präsident des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI), an der Diskussion beteiligten. Overbeck, Sohn einer Jahrhunderte alten Bauernfamilie in Marl, betonte die identitätsstiftende Wirkung von Heimat. Doch er warnte vor der „Versuchung, eine zu Ende gegangene Geschichte in die Gegenwart zu retten und zu glauben, sie könne in der Zukunft weiter gehen.“ Gerade im Ruhrgebiet gelte es „diese Spannung auszuhalten“: Identität aus der Vergangenheit zu ziehen und offen für die Zukunft zu sein.

Geschichte gibt keinen Schutz für die Zukunft

Sinnbildlich versucht Thyssen-Krupp diese Spannung in der Architektur der Essener Konzernzentrale auszudrücken, wo eine Replik des einstigen „Stammhauses“ neben dem modernen Büro-Quartier steht. „Für mich ist es viel schöner, ein Unternehmen zu führen, das eine Geschichte hat“, so Hiesinger. Doch diese Tradition „gibt uns keinen Schutz. Den Fortbestand müssen wir uns immer neu erarbeiten“. Aktuell diskutiert der Konzern einmal mehr darüber, welche Bedeutung etwa die traditionsreiche Stahlsparte im Ruhrgebiet künftig noch haben kann. Längst erwirtschaftet Thyssen-Krupp große Umsatzanteile mit anderen Produkten – und in anderen Ländern.

Auch Minister Duin warb für einen Mentalitätswandel, gerade mit Blick auf die Arbeitgeber an Rhein und Ruhr: „Wir müssen lernen, dass wir uns von der Tradition weniger Großer, die für alles Sorge tragen, schrittweise verabschieden.“ Zuletzt habe es mit Blick auf die kommende Woche endende Opel-Produktion in Bochum noch einmal die Diskussion über „lebenserhaltende Maßnahmen“ gegeben. Doch die seien angesichts einer europaweiten Überkapazität der Automobil-Industrie nicht sinnvoll, so Duin. Sinnvoller sei es, mit Steuergeldern zukunftsfähige Branchen zu unterstützen. „Wenn etwas zu Ende geht, dann ist das so. Darauf muss man sich rechtzeitig einstellen und etwas Neues schaffen.“ Dabei setzt der Minister - nicht nur in Bochum – weniger auf große Investoren als auf kleine Einheiten: Zum Beispiel Gründer mit innovativen Ideen und flexible Familienunternehmen.

„Wir müssen innovativ sein“ – auch in der Kirche

Bischof Overbeck zog Parallelen zwischen Wirtschaft und Kirche: „Nicht alle merken, wenn sie auf einem toten Pferd reiten.“ Es sei eine enorme Herausforderung, „eine Marktposition aufzugeben, sich als ohnmächtig wahrzunehmen und damit als tatsächlich entwicklungsfähig“. Nötig sei ein politischer Rahmen, der die Entwicklung von Neuem unterstütze. „Wir müssen innovativ sein“, forderte der Bischof und mahnte vor allem ein „Aufbrechen der kleinteiligen Verwaltungseinheiten“ im Ruhrgebiet an. Zuvor hatte bereits Professor Schmidt betont, wie wichtig die Innovationskraft des Ruhrgebiets ist, um angesichts einer schrumpfenden und alternden Bevölkerung auch in Zukunft den Wohlstand der Region zu sichern.

Innovationen wünscht sich Bischof Overbeck auch für die Kirche. „Die jungen Leute haben den Eindruck, wir benutzen noch ein Telefon mit Wählscheibe“, so altmodisch käme die Kirche im Handy-Zeitalter daher. Die Botschaft der Christen sei nach wie vor attraktiv, nur müsste sie in modernen Formen transportiert werden. „Ich merke doch, dass ich mit meinen Predigtworten weniger erreiche, als wenn ich dreimal twittere.“ „Mit alten Gebäuden werden wir keine neue Kirche gestalten können“, entgegnete Overbeck auf die Kritik eines Zuschauers an den Kirchenschließungen der vergangenen Jahre. „Die Kirchen stehen zu lassen macht sie nicht voller.“ Solidarität sei heute eine Sprache, die alle Menschen verstehen. „Wo wir das tun, sind wir hoch attraktiv“, sagte der Bischof und nannte beispielhaft kirchliche Sozialprojekte in Duisburg, die sich für ein gutes Zusammenleben verschiedener Bevölkerungsgruppen einsetzen. „Das sind die ,Kirchen‘, die die Leute heute faszinieren.“ (tr)

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