„Helfen, was schwer zu tragen ist“ - Teil 2

RuhrWort-Redakteur Martin Schirmers begleitete Militärbischof Dr. Franz-Josef Overbeck während seines Besuches in Afghanistan. Mit vielen Eindrücken kehrte der Essener aus Kunduz und Mazar-e-Sharif zurück.

Kunduz
Auch wenn der Norden Afghanistans sicherer ist als der Rest Afghanistans, Kunduz ist unsicherer als Mazar-e-Sharif. Das zeigt sich bei dem halbstündigen Anflug daran, dass jetzt Bischof Overbeck und seine Delegation schwere Schutzwesten anlegen und einen Helm tragen müssen wie die Personenschützer. Bei einem Hintergrundgespräch mit dem Oberstleutnant des deutschen Feldlagers, in dem 1100 Soldaten stationiert sind, und einem zivilen Vertreter des Regionalen Wiederaufbauteams wird deutlich, warum das so ist: „Zwei- bis dreimal pro Woche gibt es hier Anschläge.“ Darunter die gefürchteten improvisierten Sprengstofffallen (IED).

Während Nachrichten von Anschlägen fast von selbst den Weg in heimische Schlagzeilen finden, bleibt anderes unberichtet. „Kaum einer weiß“, berichtet der zivile Wiederaufbauhelfer, „wie gut zivile und militärische Hilfe hier koordiniert werden, um Schulen und Brunnen zu bauen und eine Verwaltung aufzubauen oder die Wirtschaftsentwicklung voranzubringen.“ Nach über 30 Jahren Krieg im Land ist das noch ein weiter Weg. Doch allmählich verbessert sich die Lage. Von ursprünglich sieben Distrikten seien nur noch zwei wirklich gefährlich, erklärt der Mann des Auswärtigen Amtes. – Militärpfarrer Marius Merkelbach ist mit dem Arzt und der Truppenpsychologin in ein psychosoziales Netzwerk eingebunden. Gemeinsam berichten sie von der Arbeit mit den Soldaten. „Die Kameraden können die Bedrohung gut nach hinten verdrängen“, meint die Psychologin. Über dem Feldlager steht permanent ein mit Überwachungsoptik ausgerüsteter Zeppelin – „das signalisiert Sicherheit“. Pfarrer Merkelbach stimmt zu: „Für permanente Angst ist der Mensch wohl nicht gemacht.“

Am Spätnachmittag feiert Bischof Overbeck mit den Soldaten in der „Gottesburg“ einen Erntedankgottesdienst, in dem er den Soldaten für ihren Einsatz dankt und den Segen Gottes erbittet. Ein Stück Heimat, Vertrautheit in der Fremde, Geborgenheit und Zuspruch. Schweigend entzünden die Soldaten in ihren Anliegen Kerzen vor dem Altar.

Vor dem Rückflug nach Kunduz bleibt noch Zeit für eine Stippvisite bei der Polizeistation. Landes- und Bundespolizisten bilden einheimische Sicherheitskräfte aus. Partnering heißt das auf Neudeutsch. „Zur Zeit sind das 120 Polizisten, 2012 sollen es über 500 werden“, erläutert der stellvertretende Ausbildungsleiter. Im nächsten Jahr liegt die Ausbildung in afghanischer Hand mit deutschen Polizisten als Begleitern (Mentoring).

Mazar-e-Sharif
Weiter geht es für ein Kurzinterview beim Soldatensender Radio Andernach, bevor der Rundgang durch die zentrale Klinik den Tag beschließt. Das von Deutschen betriebene und von anderen Nationen mitgenutzte Krankenhaus, darunter zwei OP-Teams der Amerikaner, ist für 41000 Menschen im Regionalkommando Nord zuständig: Soldaten, zivile Mitarbeiter und afghanische Kräfte. Neben beweglichen Arzttrupps zur Notfallversorgung von Soldaten auf einer Patrouille ist rund um die Uhr, sieben Tage die Woche ein Hubschrauber-Team zur Bergung angeschlossen. Spezielle Langstreckenmaschinen können Schwerstverletzte über Termez nach Deutschland ausfliegen. Die Klinik verfügt über ein Computertomographen, Labor und Blutbanken. „In Kunduz wird stabilisiert, hier versuchen wir vor allem die Extremitäten und das Augenlicht zu erhalten.“ Zwei der häufigsten Verletzungsmuster deutscher Soldaten, wie der Klinikleiter erläutert.

Am Sonntagmorgen feiert Bischof Overbeck einen Gottesdienst in der vollbesetzten Kapelle „Haus Benedikt“ in Mazar-e-Sharif, an dem auch einige Amerikaner teilnehmen. Sie werden von einem Ständigen Diakon begleitet, der im Gottesdienst assistiert; über einen eigenen Militärgeistlichen verfügt die kleine amerikanische Gemeinde katholischer Soldaten nicht. Deshalb feiert Militärpfarrer Vogelmeier jeden Sonntagabend für sie einen Gottesdienst.

Bischof Overbeck hat einen Kelch und eine Patene gestiftet, die er im Gottesdienst segnet. „Begreifen wir es immer, dass Gott uns hegt und pflegt wie seinen Weinberg?“, fragte er in Anspielung auf die Lesungen in seiner Predigt. „Viele kennen in dieser Situation sicher das Stoßgebet“, fährt er fort, um den Rat anzuschließen: „Jesus ist unsere Brücke zu Gott. Also lassen wir unseren Garten nicht verunkrauten.“ Und er schließt mit den Worten: „Indem sie hier eng zusammenleben, können sie im Antlitz des Nächsten auch Gott entdecken: dadurch, dass sie einander helfen, was schwer zu tragen ist.“

Zwei Spezialisten informieren  über die zivil-militärische Zusammenarbeit. Ihr einhelliges Urteil: Die Afghanen können Verantwortung für die Sicherheit selbst übernehmen, „sie schaffen das“. Es gebe aber Befürchtungen, wenn die Internationalen Schutztruppen 2014 abzögen. Die „Art der Unterstützung“ werde sich ändern, heißt es beschwichtigend. „Nur die Kampftruppen gehen raus.“

Die beiden Offiziere legen großen Wert auf die Feststellung, dass sich bereits viel strukturell im Land geändert habe. „80 Prozent der Menschen haben wieder Zugang zu einer Basisgesundheitsversorgung. Jede Nation ist hier mit ihren Entwicklungshilfeorganisationen vertreten.“ Gerade die Amerikaner hätten viel Geld in den Aufbau gesteckt und durch ihre Straßenprojekte („daran hängt viel“) den Menschen wieder wirtschaftliche Perspektiven eröffnet. Allerdings sehen sie auch: „Im Norden sieht es besser aus als im Süden und Osten des Landes.“ Im Regionalkommando Nord werde alles in engster Abstimmung mit den Afghanen gemacht. „Das ist einmalig in diesem Land und ein Mosaikstein für den Erfolg.“

Langsam kommt Wind auf, der strahlend blaue Himmel und das gleißende Sonnenlicht liegen hinter einem Schleier aus Sand und Staub. Die Sicherheitsvorkehrungen für die Feier zum 3. Oktober laufen auf Hochtouren. Der Flughafen ist weiträumig abgeschirmt. Im Minutentakt landen Maschinen mit Ehrengästen für den Appell am Nachmittag, zu dem Staatssekretärin Gudrun Kopp vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) angereist ist. Vor einem Hangar sitzen die Ehrengäste, die Kompanien sind angetreten, darunter auch das Heeresmusikkorps 1 Hannover, das die Feier musikalisch untermalt.

Die Liste der Ehrengäste beschwört die Geschichte Afghanistans herauf, erinnert an Konflikte und Interessen, die das Land oft zerrieben haben: Usbeken, Tadschiken, Turkmenen, Inder, Russen. Nur Pakistan, die vielleicht wichtigste Figur auf dem Schachbrett, ist nicht vertreten.

In seiner Rede verwahrt sich Generalmajor Markus Kneip u. a. gegen Fehldeutungen über den Auftrag der Bundeswehr: „Wir sind hier keine Söldner und Hasardeure.“ Und dann, am Tag der deutschen Einheit, klingt es so, als wolle er im Blick auf die glücklich verlaufene deutsche Einheit den „afghanischen Freunden“ Mut machen mit seiner Empfehlung: „Wenn sie zweifeln, sehen Sie auf ihre Flagge und seien sie stolz…“. (Martin Schirmers)

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