Gott mehr gehorchen als den Menschen

Als einen wirklich "großen" Menschen bezeichnete Weihbischof Franz Vorrath im Gedenkgottesdienst am 23. Januar 2012 den seligen Nikolaus Groß. Dieser habe nicht nach eigener Größe gesucht und sich nicht an Erfolgschancen orientiert, sondern versucht, mit seinem Leben "eine Antwort auf Gottes Ruf" zu geben.



Weihbischof Franz Vorrath feierte Gedenkgottesdienst für Nikolaus Groß

Die „braune Gesinnung“ in Deutschland kommt nach Ansicht des Essener Weihbischofs Franz Vorrath „führerlos“ daher und entfaltet trotzdem verheerende Konsequenzen. Das hätten die jüngsten Ereignisse gezeigt. „Die unfassbare Mordserie eines völlig unbekannten Neonazi-Trios ist dafür ein deutliches Beispiel“, betonte Vorrath in einem Festgottesdienst im Essener Dom  am Montag, 23. Januar, anlässlich des Gedenktages des 2001 selig gesprochenen Bergmanns, Journalisten, Arbeiterführers, Widerstandkämpfers, Familienvaters und 1945 von den Nationalsozialisten hingerichteten Nikolaus Groß.

Solche schleichenden Entwicklungen müssten als eine Art „gesellschaftlicher Warnglocke“ verstanden werden. „Unser Fokus darf nicht mehr lediglich auf gesellschaftlich relevante Führungspersönlichkeiten gerichtet werden, sondern muss eine neue Sensibilität für unbekannte Protestierer erfahren“, so der Weihbischof. Die Gesellschaft müsse „vom Fern-sehen auf ein Nah-sehen“ umschalten. Wer nach ideologischen Anführern und deren medienwirksamen Auftritten Ausschau halte, der übersehe die Keime solcher Bewegungen.

Lange Zeit habe es als eine Art Naturgesetz gegolten, dass Massen immer einen Anführer und Kopf bräuchten. „Die Regung dazu ist uns in Deutschland nicht unbekannt“, meinte Vorrath. Viele sehnten sich auch heute noch nach einem „Großen, nach einer Lichtgestalt, die mit starker Hand führt, durchgreift und eine ersehnte Ordnung herstellt“. Lange Zeit habe man angenommen, dass sich eine Masse nur über den Willen eines Einzelnen steuern und führen lasse. Doch gerade bei den Ereignissen des letzten Jahres, insbesondere beim „Arabischen Frühling“, sei eines auffällig: „All diese Massenproteste und epochalen Umwälzungen haben sich – wie es scheint – ohne Führer abgespielt“, so der Weihbischof. Selbst das bei der Erkennung und Benennung von Lichtgestalten sonst so treffsichere amerikanische Magazin „Time“, das viele Jahre die „Person des Jahres“ kürte, habe die eigene Tradition durchbrochen. Auf dem Titelbild des letzten Magazins sei das anonyme Gesicht eines unbekannten „Protestierers“ zu sehen gewesen. Proteste und Bewegungen – so der Weihbischof – kämen heute vielfach ohne „das Gesicht der Szene“ aus.

Die Neigung vieler Menschen, groß sein zu wollen, sei nicht neu. „Immer schon wollten Menschen stark sein, mächtig, bewundernswert“, gab Vorrath zu bedenken. Doch es sei immer wieder verwunderlich, wie schnell „Gestalten, um die herum ein regelrechter Personenkult betrieben wurde, Menschen von scheinbar ungeahnter Größe, von der Bildfläche verschwinden“, sagte der Weihbischof.

Er fragte die Gläubigen: „Wer ist groß?“ und zitierte Alexander Groß, einen Sohn des Seligen, der die Frömmigkeit seines Vaters  als eine „Notwendigkeit des Standhaltens – ohne zugleich die Gewissheit eines festen Bodens unter den Füßen zu haben“ beschrieb. Eine solche Haltung ist nach Ansicht von Vorrath heute mehr denn je gefragt: „ Die Notwendigkeit des Standhaltens ist sowohl gegenüber charismatisch-demagogischen Einzelpersönlichkeiten als auch gegen euphorisierte Massen gefordert.“

Nikolaus Groß habe zu den „Aufmerksamen seiner Zeit“ gehört. Für ihn sei der Glaube „mehr als eine bloße Befolgung von Traditionen und Ritualen“ gewesen. „Er wusste, dass man in den Wogen des Lebens mitgerissen und untergehen kann, wenn man sich nach dem orientiert, was andere gerade für groß halten“, betonte Vorrath. In der jeweiligen Wirklichkeit die Stimme Gottes herauszuhören, habe Nikolaus Groß als seine Pflicht als Christ verstanden. „Er lebte in der unerschütterlichen Gewissheit, dass Gott einem betenden und suchenden Menschen eine Antwort geben wird“, so der Weihbischof. Diese Antwort habe der von den Nazis Inhaftierte immer wieder neu „gesucht, erbetet und erarbeitet“ und auch gegeben. Nicht einmal die Bedrohung seines eigenen Lebens habe ihn davon abbringen können. „Groß ist der Mensch, der nicht seine eigene Größe sucht, der sich nicht bloß nach Erfolgschancen seines Lebens orientiert, sondern mit seinem Leben eine Antwort auf Gottes Ruf zu geben versucht“, unterstrich der Weihbischof. Der Selige habe diese Forderung auf eine Formel gebracht, die ihn „groß mache“: „Zu Oberst steht die Forderung, dass man Gott mehr gehorchen muss als den Menschen. Wenn von uns etwas verlangt wird, was gegen Gott oder den Glauben geht, dann dürfen wir nicht nur, sondern müssen wir den Gehorsam ablehnen.“ (do)


Predigt von Weihbischof Franz Vorrath (Wortlaut)

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