GESENDET: Matthäus 9,9-13 - Die Berufung des Matthäus

Handspiel, Caravaggio, Die Berufung des Matthäus (ca. 1600, Capella Contarini in der Kirche St. Luigi dei Francesci in Rom)

Hand-Spiel

Zu Caravaggios „Berufung des Matthäus“

Ich gebe zu: es ist ein Augenblick, auf den ich mich immer geradezu diebisch freue. Eigentlich eine Standardsituation: Caravaggios Bild - eine Riesen-Leinwand (348 x 328 cm) aus der Capella Contarini in San Luigi dei Francesi in Rom - beschließt in Vorträgen und Seminaren meine Überlegungen zu einigen Grundgesetzen des Sehens und Verstehens von Bildern. Meistens wird es sowas wie Lernzielkontrolle plus Transferleistung: ich lade ein, nun einmal selbst die frisch gewonnenen methodischen Erkenntnisse auszuprobieren. Das klappt dann immer sehr gut. Insbesondere die auffällige Licht-Schatten Grenze wird als bildbeherrschendes Kompositionsmittel erkannt und gedeutet. Sie unterstreicht die Diagonale des Blickkontakts zwischen Jesus und dem bärtigen Zöllner ebenso wie die aufeinander bezogenen Gesten der beiden: dem „berufenden“ Arm Jesu entspricht auch formal die Gebärde des Matthäus, die zugleich Frage („Meinst du wirklich mich?“) und positive Antwort ist: er „verließ alles und folgte ihm“ (Lk 5,28; vgl. Mt 9,9). Im Zusammenhang mit der Lichtmetaphorik lässt sich dann deuten: die Berufung bringt „Licht“ in das Leben des Zöllners. Oder auch etwas pathetischer: in das „Dunkel“ der Sünde fällt das helle „Licht“ der Vergebung, der Einladung zur Umkehr. Manch anderes wird noch genannt und diskutiert; die Rolle des Petrus etwa, durch den Jesus – bildlogisch gesehen – hindurchspricht und der die Geste seines Meisters abgeschwächt aufnimmt: er mag für die Kirche stehen, die sich an diesem Verhalten Jesu gegenüber „Zöllnern und Sündern“ zu orientieren hat. Petrus vertritt auch den Gegensatz des Jüngerdaseins zu der Tischgesellschaft: „unbehütet“, barfuß, statt der Waffe ein Wanderstab.

Und dann kommt allmählich der Augenblick, auf den ich die ganze Zeit warte. Ich erlaube mir, den Blick noch einmal auf die Hand Jesu zu lenken. Ich frage: Haben Sie diese Hand vielleicht schon mal irgendwo gesehen? Manchmal muss ich noch ein wenig nachhelfen. Ich ergänze: Denken Sie daran, wir sind in Rom, um 1600! Die römischen Barockmaler haben ein ganz großes Vorbild! Und spätestens jetzt fällt bei allen der Groschen: Na klar! Michelangelo! Sixtinische Kapelle! Die Erschaffung Adams! Die Hand Gottes! Und nach einer kleinen Pause, in der ich tief befriedigt durchatme und schmunzelnd meine Hände reibe, blende ich Michelangelos Meisterwerk ein und frage dann, mit gespielter Entrüstung: Wie bitte? Wessen Hand ist das?

Ich schwöre: so läuft es immer ab. Niemand kommt auf den Gedanken, dem berufenden Christus etwas anderes zuzutrauen als die Hand Gottes. Und es ist ein bewundernswerter Einfall Caravaggios, das Naheliegende nicht zu tun und seinem Christus die Hand Adams zu verpassen. Das ist auch gar nicht so untypisch für diesen Maler mit seiner etwas wüsten Biographie, dem die Zeitgenossen vorwarfen, er male „Heilige mit schmutzigen Füßen“. Und es ist auch richtig! Nicht nur im Sinne der Adam-Christus-Typologie (vgl. Röm 5,12-21; 1 Kor 15,45ff.)! Vielmehr noch wegen der „Menschlichkeit“ Christi überhaupt, die man, wie gerade auch die Erfahrung mit diesem Bild zeigt, wohl doch nicht genug betonen kann und muss. Schließlich auch wegen der Milde und Sanftheit, die im Kontext der Berufung ein Appell an die Freiheit des Menschen ist. Diese Hand lockt, sie zwingt nicht.

Aus: Herbert Fendrich, Glauben. Und sehen. Von der Fragwürdigkeit der Bilder, 2. ergänzte Auflage, Münster 2007, S. 32-33

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