Gerhard Kruip: Weniger Zentralismus in der Kirche

Die Kirche muss ihre absolutistische Struktur abbauen. Laien sollen mehr Ausübungs-, Mitsprache- und Mitentscheidungsrechte erhalten. Diese Forderungen erneuerte der Mainzer Sozialethiker Gerhard Kruip bei einem Podiumsgespräch mit Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck in der Katholischen Akademie "Die Wolfsburg" in Mülheim.

Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck diskutierte mit Kirchenkritiker

Seine Forderung nach weniger Zentralismus in der Katholischen Kirche hat der Mainzer Sozialethiker Professor Dr. Gerhard Kruip erneuert. „Die Kirche muss stärker von der rein absolutistischen Struktur wegkommen“, betonte er auf einem Podiumsgespräch zum Thema „Wie viel Beteiligung braucht die Katholische Kirche?“ mit Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Die Grundlagen dazu habe schon das Zweite Vatikanische Konzil (1962-1965) gelegt. Dieses habe die „Kirche als Volk Gottes“ nicht mehr primär als die ständisch geordnete Gesellschaft von Klerikern und Laien verstanden, sondern vielmehr als die „Gemeinschaft von gleichwertigen Gliedern“ Leider gebe es – so Kruip - seit einiger Zeit Tendenzen, diese Entwicklung wieder zurückzufahren. Der stark ausgeprägte Zentralismus erschwere  heutzutage vielen Menschen einen Glauben innerhalb der Kirche.

Kruip, Mitinitiator des Theologen-Memorandums von 2011, beklagte, dass jüngere Menschen, den Eindruck hätten, dass das, was die Kirche repräsentiere, sich nicht mehr mit der Botschaft Jesu deckt“. Sie seien frustriert, wenn auch allein die deutsche Kirche betreffende Dinge in Rom entschieden würden. Als Beispiel nannte der Sozialethiker die Anordnung Roms an die Bischöfe im Jahre 1998, aus der staatlichen Schwangerenkonfliktberatung auszusteigen.


Wandlungsfähig mit kritischer Sperrigkeit

Bischof Overbeck machte zum Auftakt der Akademie-Reihe "Dialoge mit dem Bischof" vor rund 270 Besuchern deutlich, dass das Memorandum der Theologen nichts Neues formuliert habe. Und er stellte die zugespitzte Frage: „Warum sind die Theologen nicht kreativer?“ Für ihn sei die entscheidende Frage, warum Menschen heute „mit und in der Kirche so schwierig glauben“ könnten. Der Bischof verwies auf die 2000-jährige Geschichte der Kirche. Sie habe sich als „ausgesprochen wandlungsfähig“ gezeigt“, sei aber auch geprägt von einer „kritischen Sperrigkeit“. Es gehe um die Frage, ob das, was der Zeitgeist heute hervorbringe, auch „wahr und richtig“ sei. „Die Kirche muss immer wieder eine neu lernende Kirche sein“, unterstrich der Bischof. Doch die Kriterien, wie gelernt würde, müssten klar sein. Dazu sei die Rückbindung an das alte Wissen „existenziell“.

Nach Ansicht von Kruip müsse jedoch die Frage gestellt werden, „ob die Kirche an der richtigen Stelle sperrig bleibt“. Im Theologen-Memorandum gehe es nicht um primäre, also das Wesen des Glaubens berührende Fragen. „Es geht um sekundäre Dinge, die es den Menschen schwer machen, in der Kirche zu bleiben“, so der Sozialethiker. Der Zölibat gehöre nicht zum Kernbereich des Glaubens. Darüber sowie über weitere Forderungen des Memorandums nachzudenken, müsse erlaubt sein, wie zum Beispiel eine stärkere Beteiligung der Gläubigen an der Bestellung von Amtsträgern oder die Zulassung der Priesterweihe von Verheirateten. Er war einer Meinung mit Bischof Overbeck, dass die Kirche sich nicht einfach anpassen dürfe, dass Glaube und Lehre nicht verhandelbar seien, man darüber nicht demokratisch abstimmen könne. „Doch wenn Kirche es Menschen erschwert zu glauben, dann wird Sperrigkeit problematisch“, meinte Kruip.


Euphorie des Konzils ist verflogen

Nach Ansicht von Bischof Overbeck hat durch das Zweite Vatikanische Konzil eine erstaunliche Wende hin zu mehr Offenheit und Beteiligung von Laien stattgefunden, auch wenn diese Wende noch nicht ganz vollzogen sei. Die aus dem Konzil hervorgegangenen Schriften machten deutlich, dass die Laien zusammen mit den Geweihten die Kirche bildeten und dass die Kirche der Zukunft wesentlich vom „Volk Gottes“ abhängig sei.
Overbeck räumte ein: „Die damalige Euphorie des Konzils ist verflogen.“ Viele könnten heute nicht mehr glauben. Doch er warnte vor der Gefahr, sich innerhalb der Kirche im Spannungsbogen zwischen Rückfall und Emanzipation zu  „ideologisieren“. Seine Aufgabe als Bischof sei es, „den Laden zusammenzuhalten“. Das sei eine große Herausforderung. Heute stehe die Kirche in einer Zeit der Prüfung, wie es weitergehen könnte. "Aber ohne Jesus Christus können wir keine Form von Kirche weiterentwickeln", betonte Overbeck. Kirche müsse stärker als eine „geistliche Größe“ wahrgenommen werden und nicht nur als Institution. Entscheidend sei, „bei allem Austausch von Vernunft-Argumenten auf Gott zu hören“. Für den Bischof geht es um die „Unterscheidung der Geister in einem geistlichen Prozess“.

Neben den Statements von Kruip und Overbeck war der von Dr. Judith Wolf moderierte Abend vor allem durch die zahllosen Fragen der Zuhörer geprägt. Die Themenpallette war breit: von der Beteiligung der Basis bei Umstrukturierung und Kirchenschließung über die Frage nach der Kirche als Heimat oder nach der  Beteiligung der Geistlichen am Leben der Gemeinde bis hin zu der „Vielfalt in Einheit“ oder dem Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Die Tatsache, dass in der Gesellschaft so viele Ehen scheitern, ist für Bischof Overbeck ein großes gesellschaftliches Problem. Doch für die Kirche sei die Ehe ein „auf Ewigkeit angelegter Bund“. Gerade weil so viele Ehen zerbrechen, „muss dieser Einzigartigkeitswert des Ehebundes in der Gesellschaft wieder in den Mittelpunkt gerückt werden“, betonte Overbeck. Aber allein Verständnis für die Lage der Betroffenen zu zeigen mit dem Hinweis, man könne aber nichts tun, das reiche auf Dauer nicht aus.

Bischof Overbeck ermunterte dazu, „den Aufbruch zu wagen“. Die Kirche werde sich in einer sich wandelnden Gesellschaft neu formieren und die Seelsorge neu an Themen ausrichten müssen. „Doch wir haben noch nicht gelernt, von Gewohntem Abschied zu nehmen“, räumte der Bischof ein. Das hatte auch Akademiedirektor Dr. Michael Schlagheck in seiner Begrüßung anklingen lassen: „Das bloße folgenlose Aufzählen von Problemen und Krisen müsste uns entmutigen und depressiv stimmen.“ Veränderungen zu akzeptieren und „neue Wege des Glaubens in der Gemeinschaft der Kirche unter völlig veränderten Bedingungen zu suchen“, darum gehe es dem Bistum Essen in diesem Dialogprozess.

Fortgesetzt wird die Reihe „Dialoge mit dem Bischof“ am 24. April. „Wie viel Verschiedenheit verträgt die moderne Gesellschaft?“ – mit dieser Frage setzen sich dann Bischof Overbeck, der Publizist Günther Bernd Ginzel und der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman A. Mazyek, auseinander. (do)

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