von Ludger Klingeberg

Gegen die spirituelle Obdachlosigkeit

Katholische Akademie „Die Wolfsburg“ stellte neue christliche Gemeinschaften als Zukunftsmodell der Kirche vor

Die Kirche befindet sich in einem Strukturwandel – Gebäude werden aufgegeben, caritative Einrichtungen geschlossen. Deshalb braucht es neue Wege, um auch in Zukunft als Kirche – ganz im Sinne des Zukunftsbildes des Bistums Essen – nah, vielfältig, wirksam und gesendet zu sein.

Während sich die Kirche vielerorts aus der Fläche zurückzieht, bilden sich neue, christliche Gemeinschaften. Können sie Anlaufpunkte christlichen Glaubens jenseits der verfassten Kirche sein? Darum ging es bei der Tagung „Kommunitäten, Konvente, christliche WGs“ in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. Akademiedozent Dr. Jens Oboth diskutierte mit Vertreterinnen und Vertretern von vier ganz unterschiedlichen Kommunitäten.

Menschen suchen Heimat

Von einer „spirituellen Obdachlosigkeit“ berichtete Schwester Gertrud Dederichs, Missionsärztliche Schwester in Bottrop. Immer wieder kämen Menschen auf die Gemeinschaft zu, weil sie sich einen intensiveren Austausch über den Glauben wünschten. Wenn sie diesen in der Gemeinde nicht fänden, suchten sie andere Formen, so Dederichs.

Ähnliches berichtete auch Christina Brudereck von der in Essen beheimateten evangelischen Kommunität Kirubai: „Viele Menschen sind spirituell sehnsüchtig, verorten sich aber nicht in unserer Kirche, weil die Worte und Rituale ihnen fremd geworden sind.“

Auch Prof. Heribert Gärtner unterstrich als Leiter der Kosmas und Damian-Kommunität, die in der Nachfolge der beiden Stadtpatrone Essens heilend für die Menschen da sein möchte: „Bei uns machen viele Menschen mit, die keine kirchliche Beheimatung haben. In kleineren Gemeinschaften kann eine solche Beheimatung stattfinden“. 

Der Essener Stadtentwickler und Sozialraumforscher Prof. Werner Springer unterstrich in seinem Statement die Bedeutung einer Kirche, die nah bei den Menschen ist. „Menschen müssen einen Ort haben. Wo die Kirche den Ort verlässt, verlässt sie den Menschen.“ Deshalb, so Springer, sei es wichtig, dass die Kirche sich aktiv in die Sozialraumgestaltung einbringe und auch jenseits der Kirchengebäude Möglichkeiten schaffe, mit dem christlichen Glauben in Berührung zu kommen und eine spirituelle Heimat zu finden.

Kommunitäten als Konkurrenz zur verfassten Kirche?

Eine Konkurrenz zur Institution Kirche sahen die Diskussionsteilnehmer in ihren spirituellen Angeboten nicht. „Wir brauchen die Verknüpfung, auch wenn sie oft anstrengend ist. Und ich verstehe mich selbst als Teil von Kirche“, betonte etwa Christina Brudereck.

Werner Springer mahnte in diesem Zusammenhang die Kirchen, die Suchbewegung der Menschen, die sich in den Kommunitäten zeige, nicht zu blockieren, sondern im Gegenteil zu unterstützen. „Der Kirche würde es gut zu Gesicht stehen, dieser Bewegung Raum zu geben, um jenseits der Kirche Orte christlichen Lebens zu schaffen.“ Dies nicht zuletzt deshalb, da, wie auch Prof. Gärtner betonte, diese Kommunitäten häufig in sozial-caritative Leerstellen der Gesellschaft vorzustoßen wagten, die weder Kirche noch Politik im Fokus hätten. Hier könne die sichtbar vorgelebte Solidarität mit gesellschaftlich Benachteiligten und Fremden auch soziale Konflikte im Quartier entschärfen. 

Bereicherung durch Leben in der Gemeinschaft

Einig waren sich die Referentinnen und Referenten über die Bereicherung, die sie durch die Gemeinschaft für das eigene Leben erfahren. Zwar erfordere das Zusammenleben häufig Kompromisse und die Bereitschaft, das Anderssein der einzelnen Mitglieder und die Unterschiede in den Lebensformen und Vorstellungen zu akzeptieren. Das Zusammenleben und der Austausch böten aber die Chance, sich selbst besser kennenzulernen, getragen von einer Gruppe mit den gleichen Zielen und der Erfahrung des gemeinsam gelebten Glaubens.

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