Flüchtlingskinder überspringen tanzend die Sprachbarriere

Mit Unterstützung des Bistums lernen in Essen-Stoppenberg Mädchen aus einer Flüchtlingsunterkunft in der Pfarrei St. Nikolaus mit Musik und Bewegung ihre neue Umgebung kennen.

Mit Musik und Bewegung lernen Flüchtlingskinder die Umgebung kennen

Vier Sprünge nach rechts, viermal klatschen, umdrehen – und zurück. Zu den Ansagen und Bewegungen von Gizella Hartmann bewegen sich zehn Mädchen quer durch den großen Raum im Obergeschoss des Kinder- und Jugendtreffs in Essen-Stoppenberg. Einige tanzen ausgelassen zu der Musik, die nach Türkei oder Balkan klingt. Andere bewegen sich etwas schüchterner vor der großen Spiegelwand. Alle Kinder sind konzentriert bei der Sache – obwohl kaum ein Kind versteht, was die engagierte Choreographin in den Raum ruft. Die Mädchen sind Flüchtlinge, die mit ihren Familien in einer Sammelunterkunft gleich um die Ecke wohnen, im Schatten der bekannten Zeche Zollverein. Jetzt, in den Herbstferien, holen sie Hartmann und drei Mitstreiterinnen jeden Morgen aus der Tristesse des Flüchtlingsheims, um in dem gemeinsamen Projekt von Kinder- und Jugendtreff, katholischer Pfarrei St. Nikolaus und dem Verein KiR-Kultur im Revier zu tanzen.

Musik als Ausdruck des Demokratie-Verständnisses

Dabei geht das „Tanzcamp Wege – Passagen – Zwischenstationen“ über den Anspruch einer gewöhnlichen Ferienbetreuung hinaus. „Wir wollen den Kindern nicht nur Musik und Bewegung vermitteln, sondern auch ein Stück weit unsere Sprache und unseren Stadtteil vorstellen“, sagt Lothar Jekel, Jugendreferent in der Pfarrei im Essener Norden. Deshalb tanzen die Kinder nicht nur im Jugendzentrum, sondern – wenn das Wetter es zulässt – zum Beispiel auch zwischen den früheren Industriehallen auf dem Zollverein-Gelände. Und sie tanzen nicht nur unter sich, sondern treffen auch Gruppen mit deutschen Jugendlichen. „Unsere Kinder kommen fast alle vom Balkan“, sagt Hartmann über die jungen Flüchtlinge, „die bringen alle ein tolles Gefühl für Rhythmus und Bewegung mit“. Trotzdem nutze sie Folklore-Klänge aus der Heimat nur für den Einstieg, betont die Choreografin. „Unser Ziel ist die Arbeit mit moderner, zeitgenössischer Musik“. Und das sei nicht nur eine Geschmacksfrage – „diese Musik spiegelt auch unser Demokratie-Verständnis wider“, macht die Künstlerin die politische Dimension des Projekts deutlich.

Ziel: Ein regelmäßiges Angebot

Natürlich sind die Fortschritte in einer Woche Herbstferien-Programm überschaubar. Aber zumindest die vier Kinder, die schon in den Sommerferien beim ersten Tanz-Projekt dabei waren, erinnern sich noch an damals erlernte Bewegungen, hat Bea Kießlinger von KiR festgestellt. Ist das Projekt im Sommer maßgeblich vom Flüchtlingsfonds der Bistums unterstützt worden, läuft die Finanzierung jetzt über den Verband Tanz in Schulen im Rahmen des Bundesprogramms Kultur macht stark. Nach den beiden gelungenen Ferienprogrammen wollen die Projektpartner den Tanzkurs für Flüchtlingskinder nun zudem in ein regelmäßiges Angebot umwandeln. „Gerade haben wir einen Finanzierungsantrag gestellt, um künftig ein halbes Jahr lang jede Woche mit den Kindern tanzen zu können“, berichtet Kießlinger. Dann soll es am Ende natürlich auch eine richtige Vorführung geben – nicht nur im kleinen Kreis für Eltern und Freunde, wie jetzt, sondern groß und öffentlich. Klar, dass die Zollverein-Nachbarn da schon auf das renommierte Tanzzentrum „PACT“ in der früheren Waschkaue der Zeche spekulieren.

Den Kindern, die sich vor den großen Spiegeln gerade schon für den nächsten Tanz aufstellen, dürften diese Überlegungen relativ egal sein. Sie wollen sich bewegen, eigene Choreografien ausdenken und ausprobieren. Das macht Spaß – und lenkt wohl auch ein Stück weit ab von den Gesprächen im Flüchtlingsheim. „Allen Kindern hier ist klar, dass sie irgendwann wieder nach Hause gehen“, sagt Kießlinger. Sie bis dahin nicht allein zu lassen, sie zu betreuen und zu fördern – auch darum geht es beim Stoppenberger Tanzcamp. Ganz so, wie es im Titel heißt: „Wege – Passagen – Zwischenstationen“.

Hintergrund: Flüchtlingsarbeit in St. Nikolaus

Wie überall im Ruhrbistum engagieren sich auch die Katholiken in der Essen-Stoppenberger Pfarrei St. Nikolaus auf vielfältige Weise für die vielen Flüchtlinge, die in diesen Wochen ins Ruhrgebiet kommen. „Als Christen wollen wir aktiv eine Willkommenskultur in unserem Stadtteil mitgestalten“, sagt Jugendreferent Jekel. So organisieren Ehrenamtliche eine Kleiderkammer in einer Flüchtlingsunterkunft, die schon seit längerer Zeit besteht. „Und wir stehen in den Startlöchern für die Zeltdörfer, die jetzt eröffnet werden“, so Jekel. Wo es nötig ist, packen Christen tatkräftig mit an, Gemeindemitglieder kümmern sich aber auch um das menschliche Miteinander. „Wir organisieren gemeinsame Feste und einen regelmäßigen Kaffeeklatsch für die Flüchtlinge und ihre deutschen Nachbarn.“, berichtet der Jugendreferent. „Und wir sind politisch aktiv. Wir sind neutral, weder der Stadt noch Heimbetreibern verpflichtet, und sehen uns in erster Linie als Anwalt der Flüchtlinge.“ Zudem ist die Pfarrei dabei nicht allein unterwegs, sondern Teil eines großen bürgerschaftlichen Netzwerks, das sich im „Runden Tisch Zollverein“ auch via Facebook organisiert. (tr)

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