"Es gibt keine Alternative zum Friedensprozess"

Bischof Overbeck hat sich als Vorsitzender des Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat in Kolumbien über die Fortschritte im Friedensprozesse zwischen der Regierung und der Rebellenorganisation FARC informiert. Im Interview äußert er sich zum Fortgang des Dialogs und zur Moderatorenrolle der Kirche.

"Der gesamte Kontinent befindet sich in einem Prozess der Neubestimmung"

Als Vorsitzender des katholischen Lateinamerika-Hilfswerks Adveniat hat sich Ruhrbischof Dr. Franz-Josef Overbeck jetzt bei einem Besuch in Kolumbien über den Friedensprozess zwischen der Rebellenorganisation FARC und der Regierung informiert. Im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) äußert er sich zum Fortgang des Dialogs und zu der Moderatorenrolle der Kirche.


KNA: Bischof Overbeck, was war der Grund für Ihre Kolumbien-Reise?
Overbeck: Es gab zwei Gründe: Einerseits interessieren uns als Lateinamerika-Hilfswerk die Fortschritte und Probleme des Friedens- und Dialogprozesses zwischen der Regierung und der FARC. Wir hoffen, dass der Prozess zu einem erfolgreichen Ende geführt werden kann.

Zum anderen ging es darum, gemeinsam mit unseren Partnern vor Ort die Planungen für unsere Advents- und Weihnachtsaktion 2015 zu besprechen und von den Menschen im direkten Gespräch zu erfahren, welche Hilfe notwendig und sinnvoll ist.

KNA: Vor wenigen Tagen gab es einen Anschlag der FARC, bei dem elf Soldaten ums Leben kamen und der als Rückschlag für die Friedensgespräche gewertet wird. Wie haben Sie die Stimmung im Land erlebt?
Overbeck:
Die überwiegende Mehrheit der Kolumbianer hofft, dass dieser Friedensprozess zu einem Erfolg führt. Die Menschen sagen: Eine zweite Chance gebe es nicht. Die Situation vor Ort ist so komplex und kompliziert, dass es schwierig ist, die jüngsten Ereignisse von außen zu beurteilen. Was zuversichtlich macht, ist allerdings, dass trotz dieser Eskalation und trotz der Bilder in den Medien die Mehrheit der Menschen der Meinung ist, dass es zum Friedensprozess keine Alternative gibt.

KNA: Welche Probleme machen eine Einigung so schwer?
Overbeck:
Was wir in Deutschland vielleicht nicht auf dem Schirm haben, ist, dass sich für viele Menschen, die in den bewaffneten Konflikt verwickelt sind, vor allem auch eine ökonomische Frage stellt. Die Menschen wollen wissen, wie geht es für sie weiter, wenn der Krieg einmal endet, denn es gibt für diesen Konflikt auch ökonomische Gründe, die eng verwoben mit Machtfragen sind. Den Konflikt unter diesem Gesichtspunkt zu lösen, ist eine große Herausforderung.

KNA: Der Friedensprozess in Kolumbien und die historische Annäherung von USA und Kuba sind zwei dynamische Entwicklungen, die den Kontinent verändern werden. Wie bewerten Sie den Handschlag von US-Präsident Barack Obama und Kubas Staatschef Raul Castro beim jüngsten Amerika-Gipfel?
Overbeck:
Der gesamte Kontinent befindet sich in einem Prozess der Neubestimmung, das gilt besonders auch für Kuba. Wir als Lateinamerika-Hilfswerk haben zur Kirche auf Kuba stets gute Beziehungen gepflegt, auch in den Jahren, die schwieriger waren. Es kommt jetzt darauf an, diesen Prozess des Wandels zu moderieren, weil es auf politischer und wirtschaftlicher Ebene viele unterschiedliche Interessenlagen gibt.

Da ist zum Beispiel die Frage, wie die Exilkubaner, die in großer Zahl in Miami leben, mit ihrer Heimat in ein neues Verhältnis treten können. Diese Heimat hat sich stark verändert, seitdem sie dort weggegangen sind. Und da ist die Frage, was die Veränderungen für Kuba selbst bedeuten. Ich denke, dass die Kirche auf Kuba in allen schwierigen Fragen, die dort auftreten werden, die Aufgabe eines verlässlichen Moderators übernehmen kann, so wie sie Papst Franziskus im Annäherungsprozess zwischen Kuba und den USA bereits ausgefüllt hat.

KNA: In wenigen Wochen steht in El Salvador die Seligsprechung von Erzbischof Oscar Romero an, auf die Lateinamerika seit Jahren wartet. Was bedeutet das für die Region?
Overbeck:
Diese Entscheidung war ja erwartet worden. Wichtig war vor allem, dass der Begriff des Martyriums durch den Papst noch einmal bestätigt und die politischen Umstände gewürdigt wurden, also der Einsatz des Erzbischofs gegen Armut und für soziale Gerechtigkeit. Für viele Menschen in El Salvador und Lateinamerika war das ohnehin schon lange eine Selbstverständlichkeit, die nun auch offiziell dokumentiert wird - sie sind sehr glücklich über diese Entscheidung.

KNA: Seit zwei Jahren steht ein Lateinamerikaner an der Spitze der katholischen Kirche. Haben Sie eine Veränderung in der Region feststellen können?
Overbeck:
Franziskus ist für viele Menschen ein Hoffnungsträger - nicht nur, aber natürlich besonders in Lateinamerika. Es ist beeindruckend zu sehen, welche Kraft von dieser Moderatorenrolle ausgehen kann, die die Kirche eingenommen hat, insbesondere wenn es darum geht, sich für zentrale Botschaften wie den Kampf für soziale Gerechtigkeit und gegen Armut einzusetzen. Ich halte das für eine sehr wichtige Rolle, denn die ökonomischen Unterschiede zwischen Arm und Reich haben ein bisweilen unerträgliches Maß erreicht. (KNA)

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