Eine Sucht, die man nicht sieht, riecht oder schmeckt

Rund 2,5 Milliarden Euro geben die Deutschen jährlich für Internetwetten auf Fußball, Eishockey, Autorennen und anderes aus - Tendenz steigend. Das Suchthilfezentrum Nikolausburg der Caritas in Duisburg will auch nach Auslaufen eines bundesweiten Modellprogramms Spielsüchtigen Rat und Hilfe anbieten.


Suchthilfezentrum Nikolausburg in Duisburg hilft Spielsüchtigen
 
Die Fakten sind alarmierend: Duisburg hat eine für seine Größe extrem hohe Spiele-Infrastruktur: über 2.000 Spielgeräte (früher „Groschengräber“ genannt), 113 Spielhallen und 1.500 Menschen - meist Männer-, die spielsüchtig und damit krank sind. Diese Zahlen legte jetzt das Suchthilfezentrum (SHZ) Nikolausburg in Duisburg-Ruhrort vor.

Das SHZ in Trägerschaft des Caritasverbandes Duisburg war die einzige Einrichtung in Nordrhein-Westfalen, die an dem bundesweiten Modellprogramm „Frühe Intervention bei pathologischem Glückspiel“ teilnahm. Von 2008 bis 2010 wurden im Rahmen dieses Programms an 16 Standorten Erfahrungen gesammelt und Hilfen angeboten.

Unter dem Strich haben 186 Klienten Hilfe in der Nikolausburg gesucht, unter ihnen 52 Spieler mit Migrationshintergrund. Gut 40 Spielsüchtige stellten sich einer Therapie und konnten so den „Spiel-Teufelskreis“ verlassen. Für Bereichsleiter Franz-Josef Werner ist das ein erster Erfolg: „Man muss diese Zahlen ja vor dem Hintergrund sehen, dass der politische Wille, das Spielen stärker zu reglementieren, bislang nicht wirklich ausgeprägt ist.“ Allein das Land NRW kassiere jedes Jahr locker über 700 Millionen Euro aus Glücksspielen. Die Nikolausburg will deshalb weitere „Zocker-Hilfen“ anbieten und diese - vor einer Therapie - mit kirchlichen und kommunalen Mitteln finanzieren.

50.000 Euro verzockt

Wie zum Beispiel bei Johannes K. Der junge Mann (Name geändert) hat drei, vier Jahre gespielt, gezockt, gewettet – und verloren, viel Geld verloren. 50.000 Euro an Schulden hatte der gelernte Koch aus Duisburg am Ende angehäuft, bevor der 34-Jährige bzw. seine damalige Frau die Reißleine zogen. Bei den Suchthelfern in der Nikolausburg in Duisburg-Ruhrort fand er Rat und Hilfe - und kam mehr oder weniger los von seiner Spielsucht.

Doch er ist gezeichnet. Seine Schulden muss er noch auf Jahre zurückzahlen. Seine damalige Frau trennte sich von ihm. Bei ihr leben die beiden gemeinsamen Kinder. Immerhin: Seine Arbeit hat der Koch behalten und verdient gutes Geld. „Andere haben Haus und Hof verspielt, da bin ich noch glimpflich davon gekommen.“ Eine Aussage, die Franz-Josef Werner bestätigt: „Allein in Duisburg belaufen sich die Verluste der Spieler auf rund 33 Millionen Euro pro Jahr“, sagt der Berater und weiß: Auch die jüngste Initiative der Bundesländer, die künftig u.a. freie Sportwetten legalisiert, wird daran nichts ändern. Im Gegenteil: Bundesweit geben die Deutschen für Internetwetten auf Fußball, Eishockey, Autorennen und anderes jährlich rund 2,5 Milliarden Euro aus, weitere Steigerungen nicht ausgeschlossen…
 

"Fluchtpunkt Spiel"

Das Internet war auch bei Johannes der Beginn seines spielenden Verhängnisses. Der Alltag war langweilig geworden, immer dasselbe: Arbeit, Abendessen, Schlafen. Routine. „Mir fehlte der Kick in meinem Leben“, blickt der Ex-Zocker zurück. Den fand er dann bei Wettspielen im weltweiten Netz. Erst Poker, dann Wetten. Zur WM 2006 ging’s richtig los. „Da konnte man auf alles und jedes wetten, etwa darauf, wie viele rote Karten die Italiener bekommen. Überhaupt ist im Internet eigentlich keine Wette unmöglich“, sagt er. Nächtelang hat er gespielt: Gewonnen, verloren. Nochmals verloren. Den Einsatz gesteigert. Dann schenkte ihm ein Wettanbieter 100 Euro. Johannes spielte weiter, gewann. Er setzte alles wieder ein und verlor. Irgendwann verlor er die Kontrolle. Ein Teufelskreis,aus dem es kaum ein Entkommen gibt. Er hatte seinen vermeintlichen Kick, denn beim Spielen passiert alle paar Minuten etwas. „Fluchtpunkt Spiel“ nennen das Berater. In Wirklichkeit wurde Johannes immer einsamer, die meisten sozialen Kontakte gingen den Bach runter.
 
Eine ambulante Therapie und viele Gespräche später - einzeln und in der Gruppe, zweimal in der Woche drei Stunden - ist er heute optimistisch, dass er „über dem Berg“ ist. „Ich konnte mit anderen drüber reden, habe auch erlebt, wie Spieler ihre Kinder beklaut haben oder wegen ihrer Sucht und ihrer Schulden an Selbstmord dachten. Gut, dass es die Nikolausburg gibt“, so Johannes. Das ganz Schlimme an dieser Sucht sei ja, „dass man sie weder sieht, noch schmeckt, noch riecht – und dann knallt’s am Ende.“
 
Erschütterungen dieser Art kennt das Suchthilfezentrum Nikolausburg. Seit 1981 arbeitet man hier direkt am Rhein mit Suchtkranken aller Art – vom Alkohol bis zu harten Drogen. „Die Spielsucht ist unser jüngstes Kind“, sagt Bereichsleiter Werner und ist überzeugt, dass diese Arbeit auch nach dem Ende eines bundesweiten Modellprogramms weiterlaufen wird. Doch dafür müsse Geld da sein, auch wenn die Politik in Berlin und Düsseldorf viel stärker auf die Steuergelder der Wettanbieter schiele. Immerhin: Mit kirchlichen und kommunalen Mitteln geht es in Duisburg weiter. Eventuell nötige Therapien einzelner Klienten zahlen die Sozialversicherungsträger oder Krankenkassen. (cde/ar/do)

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