Eine offene, missionarische und bewegliche Kirche

"Offenes Ohr - klares Wort - konkrete Tat" - das Motto des dritten Bistumsforums zum Dialogprozess "Zukunft auf katholisch" des Bistums Essen wurde in Oberhausen Wirklichkeit. Offenheit, weiter Raum für einen echten Dialog, Zwischenbilanz sowie konkrete Positionen und Schritte - das erlebten die rund 300 Delegierten in der Luise-Albertz-Halle.



Drittes Bistumsforum zum Dialogprozess in Oberhausen

So mancher war mit eher skeptischen Erwartungen angereist. Doch bei der großen Schlussrunde des dritten Bistumsforums zum Dialogprozess „Zukunft auf katholisch“ des Bistums Essen am Samstag, 24. November, in der Luise-Albertz-Halle in Oberhausen war auch die letzte Skepsis verflogen. Von neuen, Mut machenden Impulsen war die Rede, großen „Schritten in die richtige Richtung“, von Zukunftsfähigkeit, einem „Ende des Jammerns“, Geduld, Dankbarkeit, einem „wohltuenden Nach-vorne-Schauen“ und auch einem dialogoffenen Bischof. „Wir sind ein richtig gutes Bistum, wir haben viel Potenzial, aber wir müssen auch daran glauben“, brachte ein Teilnehmer die positive Stimmung auf den Punkt.

Doch für ungebremste Euphorie oder blinde Selbstüberschätzung  war kein Platz, denn den rund 300 Teilnehmerinnen und Teilnehmern war und ist bewusst, vor welch großen Herausforderungen die Kirche im Ruhrbistum steht und stehen wird. Die nach dem letzten Bistumsforum Anfang Mai in Gladbeck eher gedämpfte und skeptische Stimmung sowie der Wunsch nach einem intensiveren Dialog mit dem Bischof waren für die Verantwortlichen Anlass, den „Fahrplan“ des Dialogprozesses zu ändern und ein zusätzliches Forum einzubauen, das unter dem Motto „Offenes Ohr – klares Wort – konkrete Tat“ eine Zwischenbilanz zieht und Zeit und Raum für einen umfassenden Dialog mit dem Bischof und seinem Generalvikar gibt. Vor allem die bei dem letzten Forum an den Bischof gerichteten Fragen sollten dabei auf den Tisch kommen, aber auch die Themen der nächsten Foren (Sorge um den Nächsten, Wie feiern wir Gott?, Glaubensweitergabe in der Welt) in den Blick genommen werden.


Abschied von reiner Binnenorientierung

Dass der Dialog im Bistum Essen ein Prozess sei und mit diesem eben auch unvorhersehbare Veränderungen und Entwicklungen einhergehen können, darauf wies Bischof Dr. Franz-Josef-Overbeck im Interview mit dem NRZ-Redakteur Thomas Rünker zu Beginn des Forums hin. „Ich will einen weiten, offenen Prozess, um inhaltlich voran zu kommen“, betonte der Bischof. Dabei gelte es, einen Schritt nach dem anderen zu tun. Dass es kein einfacher Weg werden wird, darauf wies der neue Generalvikar, Domkapitular Klaus Pfeffer, hin. „Wir müssen die Lebenswirklichkeit der Menschen viel stärker in den Blick nehmen und uns von einer alleinigen Binnenorientierung verabschieden“, so Pfeffer. Es gebe bei den Menschen eine „große Sehnsucht nach Werten und Orientierung“. Dies sei eine große Chance für die Kirche und diese habe doch etwas zu bieten.

Vorgestellt wurden erste konkrete Schritte, die nach dem zweiten Bistumsforum getan wurden. So haben zwei Dialogwerkstätten zu den Themen „Ehrenamt und Qualifikation“ sowie „Kirche in der Öffentlichkeit“ ihre Arbeit aufgenommen. Die Konferenz der Pfarrer befasst sich mit Fragen nach der Profilierung und Zentrierung der bestehenden pastoralen Orte, nach dem Umgang mit denjenigen, die nur sporadisch mit der Kirche in Kontakt kommen, und nach der Beauftragung Hauptamtlicher in der Seelsorge. Das Leben und den Dienst der Priester diskutiert der Priesterrat. Mit der Frage nach einer „prophetischen Kirche“ und den Ordensgemeinschaften als Orte für suchende Menschen befasste sich der Ordensrat. Darüber hinaus haben sich auch der Diözesanrat der katholischen Männer und Frauen im Bistum Essen, Verbände und Pfarreien vor Ort schon längst in den Dialogprozess „eingeklinkt“.
Erfreut zeigte sich Bischof Overbeck über diese Zwischenergebnisse: „Dies zeigt deutlich, dass es den Willen gibt, konkrete Schritte nach vorne zu tun.“ Er dankte den vielen Menschen im Ruhrbistum, die ihren ehrenamtlichen Dienst in der Kirche tun. „Ehrenamtliche nehmen ihr Christsein ernst“, sagte er, wies zu gleich aber darauf hin, dass sich die klassischen Rahmenbedingungen für das Ehrenamt verändern werden.

Dass die Kirche sich in ihrer Öffentlichkeitsarbeit in der Mediengesellschaft neu aufstellen müsse, auch darauf wies der Bischof hin. Kommunikation sei heute eine „neue Weise zu leben“. Das im Bistum Essen begonnene Projekt der „Integrierten Kommunikation“ sei eine Antwort auf die neuen medialen Herausforderungen.


Ehrenamt, Beerdigungsdienst, Erwachsenenkatechese

Overbeck sprach sich auch für die Ausbildung von Leiterinnen und Leitern von „Wort-Gottes-Feiern“ aus. Diese seien keine Lückenbüßer, sondern würden zu einer „betenden Kirche“ beitragen. „Wort-Gottes-Feiern“ – das unterstrich der Bischof – seien kein Ersatz für die Messfeier am Sonntag. „Ausnahmen bestätigen die Regel, aber Ausnahmen werden nicht die Regel“, so Overbeck. Dass in Zukunft auch Laien Trauerbegleitung und Beerdigungsdienste wahrnehmen, auch das unterstützt der Bischof. Ihm ist die Katechese, die Unterweisung und Wissensvermittlung im Glauben, von Erwachsenen ebenfalls ein großes Anliegen. „Viele Erwachsene haben Fragen zum Glauben, darauf müssen wir antworten“, betonte der Bischof.
Dass dies alles aber nicht nur der Wunsch des Bischofs ist, sondern aller, unterstrich die einhellige Zustimmung des Plenums, die Fort- und Weiterbildung von Ehrenamtlichen, die Wahrnehmung von Trauerbegleitung und den Beerdigungsdienste durch Laien sowie die Erwachsenenkatechese umzusetzen.


Fragen an Bischof und Generalvikar

Ganze eineinhalb Stunden stellten sich Bischof Overbeck und Generalvikar Pfeffer den zuvor in vielen Kleingruppen erarbeiteten Fragen zum bisherigen Dialogprozess. Da wurde beispielsweise nach der Akzeptanz und Würdigung ehrenamtlichen Engagements in der Gemeinde gefragt. „Das hängt mit Vertrauen zusammen. Misstrauen und Machtdenken erschweren das Ehrenamt“, war die Antwort des Bischofs. Es wurde auch gefragt, wie verhindert werden könne, dass sich Menschen von der Kirche nicht ausgegrenzt fühlten, zum Beispiel wiederverheiratet Geschiedene oder Jugendliche, deren Lebenswirklichkeit anders aussehe als das von der Kirche Gewünschte. „Es gilt, sich der Wirklichkeit zu stellen, aber auch die als sperrig angesehene Position der Kirche darzustellen und zu sagen, was möglich ist und was nicht“, so Overbeck. In dieser Spannung bleibe die Kirche und müsse sie aushalten. Kritisiert wurde in einer Frage die Ausdünnung der Jugendpastoral, was auch Generalvikar Klaus Pfeffer, der jahrzehntelang in der Jugendarbeit tätig war, bedauert. „Dass das nicht ausreicht, ist mir klar. aber das ist das Optimalste, was zurzeit möglich ist“,
so Pfeffer. Das Bistum habe einfach nicht mehr Möglichkeiten. Das mache die Brisanz deutlich. Gefragt wurde auch nach dem Verhältnis von  einer „Seelsorge in der Fläche“ und „neuen Orten der Seelsorge“. Hier wies der Bischof auf das Zusammenspiel von Tradition und dynamischer Erneuerung hin. „Auch die Orte mit Tradition müssen sich erneuern“, betonte Overbeck. Auf der anderen Seite müssten außerhalb von Gemeinden  neue Orte der Seelsorge entstehen. Das brauche vor allem Menschen, die diese Orte mitgestalten.


Zukunftsbild für das Bistum Essen

Wie nach ihrer Ansicht das Ruhrbistum als ein „Bistum überzeugter und überzeugender Christen“ aussieht, das stellten Bischof Overbeck und Generalvikar Pfeffer in ihrem „Zukunftsbild“ vor. Beiden ist es wichtig, dass alle Gespräche, Auseinandersetzungen und das Ringen um den zukünftigen Weg  auf einem „geistlichen Grund“ fußen müssen, dass es um die „Förderung der Berührung mit Gott“ gehe. Authentische geistliche Praxis, lebendige Auseinandersetzung mit der „Heiligen Schrift“, der Reichtum an Werten, Orientierung und Lebenshilfe wie auch die Tradition der Kirche seien das, worauf man bauen könne. Notwendig seien eine der Welt zugewandte „wache Zeitgenossenschaft“, Eigen- und Mitverantwortung für den Glauben, überzeugte und überzeugende Christen sowie „Offenheit und Weite, in der eine missionarische Kirche sichtbar werde. „Wir haben eine Kirche vor Augen, die weit, offen, vielfältig, vielgestaltig und beweglich ist“, so der Generalvikar. Lebendig sei Kirche dort, „wo Menschen gemeinsam die Nähe zu Gott suchen und mit Leidenschaft und Kreativität ihren Glauben leben und für ihre Werte einstehen“.


Nicht hinter Kirchenmauern zurückziehen

Und auch die Teilnehmer „zeichneten“ ihr Zukunftsbild von dem Ruhrbistum im Jahre 2020. Es war ein Bild, aus dem Wünsche, Sehnsüchte und Hoffnungen sprechen, das ein Bistum beschreibt, in dem etwa kein Mensch mit seinen Sorgen und Nöten allein bleibt, man sich nicht hinter Kirchenmauern zurückzieht, in dem Männer und Frauen in gleichberechtigter Weise Christen sind, in dem Persönlichkeiten aber auch vermeintlich Gescheiterte arbeiten, in dem Frauen „mehr Chancen haben als anderswo“, Haupt- und Ehrenamtliche perfekt zusammenarbeiten, die „Kraft der Jugend“ wertgeschätzt wird, in dem Gemeindeleitung auch mit Laien verwirklicht wird, in dem man sich „einmischt und aufmischt“, den Glauben lebt und dazu steht.

„Der Dialogprozess ist für mich ein geistlicher Prozess. Wir haben ein gemeinsames Fundament“, unterstrich Bischof Overbeck in seinem Schlusswort und verwies dabei auf das große, von Rost überzogene Kreuz, das während des Bistumsforums in der Mitte der großen Halle stand, in seinem Inneren, für jedermann sichtbar, eine brennende Kerze. Der Rost erinnert an den ständigen Wandel in der Welt wie in der Kirche. Das Kreuz verdeckt nichts, ist transparent und offen. Es gibt den Blick frei auf das Innere, das Licht. „Und dieses Licht, Jesus Christus, ist die Mitte der Kirche“, betonte Bischof Overbeck am Abend im Gottesdienst in der Oberhausener Herz Jesu-Kirche. (do)


Predigt von Bischof Dr. Franz-Josef Overbeck in der Kirche Herz Jesu in Oberhausen

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