„Ein starkes Stück Ausbildung im Revier“

Das Kolping-Berufbildungswerk Essen bietet jungen Menschen eine Perspektive, die sonst keine Chance auf einen Ausbildungsplatz hätten. Doch die Einrichtung ist mehr als nur eine Ausbildungsstätte. Sie ist Heimat.

Junge Menschen mit Lernbehinderung finden im Kolping-Berufsbildungswerk Essen neben der Ausbildung auch ein Zuhause

Hier arbeiten und leben sie. Hier werden sie betreut und ernst genommen: Das Kolping-Berufsbildungswerk (KBBW) in Essen-Kray ist für junge lernbehinderte Menschen Ausbildungs-, Förderungs- und Wohnort zugleich. Wie eine eigene kleine Welt wirkt die Einrichtung mitten im Ruhrgebiet – neben Werkstätten und Schulungsräumen finden sich hier auch vielfältige Möglichkeiten der Freizeitgestaltung für die 230 Auszubildenden. Einer von ihnen ist Cliff Ebert, der eigentlich aus Thüringen stammt. Doch "durch das KBBW ist Essen für mich zu einer neuen Heimat geworden", so der 20-Jährige, der hier unter anderem seine Freundin kennengelernt hat.

Was aber ist das Besondere an der Einrichtung? Wodurch wird sie zur wirklichen "Heimat" für die Auszubildenden? Die Leitsätze des KBBW geben Aufschluss. "Wir nehmen uns des ganzen Menschen an", erklärt Geschäftsführer Hans Schröder das Konzept des KBBW. Das bedeutet, dass sich die Einrichtung neben der beruflichen Erstausbildung auch der sozialen Rehabilitation der jungen Menschen verschrieben hat. "Zunächst müssen sie einen geregelten, sozialisierten Lebensablauf kennenlernen", erläutert Schröder. Deshalb sei das Internatsleben hier von großer Bedeutung – nicht nur arbeiten, sondern auch gemeinschaftlich wohnen und leben. Im Jugendwohnheim der Einrichtung kochen die Auszubildenden für sich, waschen ihre Wäsche selber, sorgen verstärkt für sich allein.

Auf diese Weise gelinge Schritt für Schritt der Weg in die Selbständigkeit, wie Geschäftsführer Schröder feststellt. Das bestätigt Cliff Ebert, der sich im dritten Ausbildungsjahr zum Anlagemechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik befindet: "Hier werden wir optimal für das Leben draußen vorbereitet." Doch dafür müssen die Teilnehmenden auch selbst etwas tun. Mit ihren Ausbildern, Rehabilitationstrainern und Erziehern treffen sie zunächst Zielvereinbarungen. In regelmäßigen Gesprächen überprüfen sie dann, ob diese auch eingehalten werden. "Dadurch können Defizite erkannt und kompensiert werden", so Schröder.

Den jungen Menschen würden also Perspektiven aufgezeigt und ihnen Orientierung gegeben. "Zugleich sollen sie aber auch lernen, selbst Verantwortung zu übernehmen – für sich und ihre Mitmenschen", betont Michael Endraß, seit 16 Jahren Mitarbeiter im KBBW Essen. Endraß ist unter anderem die Vertrauensperson der "Teilnehmervertretung" des KBBW. Durch diese haben die Auszubildenden ein Mitspracherecht innerhalb der Einrichtung. Auch Cliff Ebert gehört dazu und bringt als gewählter Repräsentant die Anliegen der Teilnehmenden vor und vertritt ihre Interessen. Das alles zeigt: "Wir nehmen jeden Einzelnen ernst und respektieren ihn als Partner", so Endraß.

Der Respekt gegenüber allen Teilnehmenden ist Frucht des christlichen Selbstverständnisses des KBBW. "Wir fühlen uns der Person und dem Werk Adolph Kolpings verpflichtet. Er ist das Fundament unserer Arbeit", sagt Geschäftsführer Schröder. Dies bedeute für die Mitarbeiter auch, in ihrem ganzen Handeln Vorbild zu sein für die Auszubildenden. Dass das funktioniert, konstatiert Ebert: "Wird einer von uns aggressiv, dann bleiben die Ausbilder ruhig. Sie setzen sich wirklich mit einem auseinander." In diesem partnerschaftlichen und verantwortungsbewussten Verhalten seien sie ihm ein Vorbild.

Neben der Ausbildung in den Werkstätten vor Ort, werden die jungen Menschen durch Praktika mit der Berufswelt vertraut gemacht. Im Mai wird Ebert für ein Auslandspraktikum nach Tschechien reisen, um dort die sanitären Anlagen eines baufälligen Schlosses zu reparieren. "Erfahrungen sammeln und Kontakte knüpfen, das ist in der heutigen Zeit unabdingbar", erklärt Michael Endraß den Sinn der praxisorientierten Maßnahmen. Und im Fall von Ebert haben die Praktika tatsächlich Zukunftsperspektiven eröffnet. Von gleich mehreren Firmen hat er bereits Anfragen bekommen, ob er später dort arbeiten wolle. Sichtlich freut er sich darüber, denn "ich habe mir selbst etwas aufgebaut".

Das KBBW bietet über das gemeinschaftliche Wohnen und die umfassende Ausbildung hinaus noch weitere Dienste an. Ausbildungsbegleitend werden die jungen Menschen durch Psychologen, Heilpädagogen oder Logopäden gefördert und betreut. Und wenn die Arbeit getan ist? "Wir haben hier viele Angebote, um unsere Freizeit zu gestalten", freut sich Ebert. Neben einem Internet- und Billard-Café, in dem der angehende Anlagemechaniker zuweilen hinter der Bar steht, sind eine Sporthalle und mehrere Fitnessräume vorhanden. "Das Freizeitprogramm dient nicht nur der Motivationssteigerung, sondern auch dem Aggressionsabbau und der Verhaltensänderung", erläutert Michael Endraß das umfassende Angebot.

Doch alle diese Dienste bringen Kosten mit sich. In der jüngeren Vergangenheit wurden deshalb Stimmen laut, im Bereich der Berufsbildungswerke – von denen es in Deutschland insgesamt 52 mit 15.000 Auszubildenden gibt – massiv Gelder einzusparen. "Gerade in Zeiten von Finanzkrisen wächst der Kostendruck immens", so Endraß. "Wir bekommen zu hören ‚Ihr seid prima, aber leider zu teuer‘", ergänzt Geschäftsführer Schröder. Was also tun? Man hätte zeigen müssen, dass der ganzheitliche Rehabilitationsansatz der Einrichtungen auch tatsächlich erfolgreich ist und die höheren Kosten gerechtfertigt sind, so Schröder.

Daher ist vom Kölner Institut der Deutschen Wirtschaft eine Studie durchgeführt worden, in der 1.500 ehemalige Auszubildende befragt wurden. Das Ergebnis: Zum Befragungszeitpunkt, Anfang des Jahres 2010, waren 68 Prozent der Absolventen von Berufsbildungswerken erwerbstätig. Von Personen mit vergleichbaren Benachteiligungen, aber ohne eine solche Ausbildung, arbeitete nur jeder Zweite. Hinzu kommt das durchschnittlich höhere Gehalt der Absolventen. "Die meisten müssen zukünftig nicht mehr vom Staat gefördert werden. Auf lange Sicht werden also Kosten gespart", sagt Schröder. Das belegt die Studie: Schon zehn Jahre nach Abschluss der Ausbildung in den Berufsbildungswerken, hat sich die Investition in diese gesamtwirtschaftlich ausgezahlt.

Eine Heimat geben. Die jungen Menschen tüchtig machen für das Leben. Und sie ermuntern, das Gelernte in der Gesellschaft einzusetzen: Das seien die Anliegen des KBBW Essen, resümiert Schröder. "Jugendliche, die sonst keine Chance haben, bekommen bei uns eine qualifizierte Berufsausbildung", so der Geschäftsführer. Dass das Konzept funktioniert, belegt nicht nur die Studie, sondern bestätigen auch Teilnehmer wie Cliff Ebert. "Es sieht alles danach aus, dass ich nach meinem Abschluss im nächsten Frühjahr direkt übernommen werde", freut er sich. Im KBBW steht der Mensch im Mittelpunkt. Hier wird denen geholfen, die die Gesellschaft oft schon abgeschrieben hat. Das Motto der Einrichtung fasst es zusammen: Hilfe durch "ein starkes Stück Ausbildung im Revier". (tmg)

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