Ein langsamer Weg Richtung Freiheit

„Die Wolfsburg“ diskutiert über die Gläubigen der Zukunft und neue Verantwortung für Christen. Der Tenor: "Kirche muss sich radikal verändern."

„Die Wolfsburg“ diskutiert über die Gläubigen der Zukunft und neue Verantwortung für Christen

Kirche muss sich radikal verändern, wenn sie den Anschluss an das Leben der Menschen behalten will. Vor allem muss sie sich künftig in viel höherem Maße auf Menschen verlassen, die nicht im konservativen Sinne kirchlich sozialisiert sind. „Von Berufschristen und Grenzläufern. Wie sehen die Gläubigen der Zukunft aus?“ hatte die katholische Akademie Die Wolfsburg in Mülheim ihren Diskussionsabend am 31. August 2015 überschrieben. Trotz des schwül-heißen Sommerabends waren 100 Menschen in die Wolfsburg geströmt, um sich dort mit dem „Labor Kirche“ auseinanderzusetzen.

„Das tut man nicht immer mit Liebe, sondern auch aus Anpassungsdruck“, resümierte der Bochumer Pastoraltheologe Prof. Matthias Sellmann, der als einer von vier Teilnehmern die Diskussion bestritt: „Ich erlebe, dass der Erneuerungsprozess im Bistum Essen den Grenzgängern mehr Freiheiten gibt. Der Versorgungsanspruch an Dienstleistungen der Kirche wird aufgebrochen zugunsten einer wachsenden Selbstbestimmung. Neue Leitungsformen werden ausprobiert, mehr synodale Mitbestimmung gelebt, Versammlungsformen ohne Priester werden entwickelt, neue Formen des Bibellesens gepflegt.“

Prof. Hans-Joachim Höhn, Fundamentaltheologe aus Köln, glaubt nicht, dass die hohe Zahl der Kirchenaustritte in Deutschland von über 200.000 im Jahr 2014 allein auf eine Krise der Institution Kirche zurückgeht. „Das Wort ‚Gott‘ löst im Leben vieler Menschen keine Resonanz mehr aus. Das sollte unser zentrales Thema sein und nicht die Sorge um die Organisationsform der Kirche.“

Dass die Kirche derzeit unter starkem Erwartungsdruck stehe, sich verändern zu müssen, dass also die „Grenzläufer“ schon längst unterwegs seien und die Kirche anfange zu „tanzen“ - so formulierte es Höhn -, darüber waren sich die Diskutanten auf dem Podium und die Zuhörer im Saal der „Wolfsburg“ weitgehend einig. Einig war man sich allerdings auch darüber, dass dieser Prozess sehr langsam verlaufe. Daniel Gewand von der WDR-Hörfunkredaktion „Religion, Theologie, Kirche“, der zuvor in der kirchlichen Jugendarbeit tätig war, sieht diesen Aufbruch verhalten: „Wenn Kirche tanzt, haben das noch nicht alle mitbekommen.“

Für junge Menschen sei es ohnehin viel wichtiger, anderen Menschen zu begegnen, die freudige Christen seien, sagte Stefanie Gruner und berichtete von ihrer Arbeit in „GleisX – Kirche für junge Menschen“ in Gelsenkirchen, wo sie häufig mit „spiritueller Obdachlosigkeit“ konfrontiert sei: „Es geht Jugendlichen nicht nur um Liturgie, sondern um einen Ort, wo sie Menschen treffen und sich auseinandersetzen können mit der Frage: Was glaube ich eigentlich?“

Sellmann wünscht sich für die Christen in Zukunft „die Freiheit von moralischen, gesellschaftlichen und Anständigkeits-Zwängen. Was passiert mit dem organisierten Christentum, wenn die Menschen wirklich frei ihren Glauben leben?“ (cs)

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