Ein Blick auf die Straßen von São Paulo

Die Bilder machen nachdenklich. Sie sind Ausdruck des Hungers, der Sehnsucht, der Suche nach Heimat, auch nach Gott. Obdachlose aus der brasilianischen Metropole São Paulo haben sie geschaffen. Zu sehen ist die Ausstellung der Bischöflichen Aktion Adveniat noch bis zum 13. Januar 2012 in der Bank im Bistum Essen.

Adveniat zeigt Ausstellung über Kunst von Obdachlosen

Harte Farbkontraste, markante Formen. Motive der Straße. Menschen ohne Gesichter, Gitter, Mauern, eine Pistole. Die Stadt als Chaos, als Folie, auf der sich alles losgelöst bewegt. Die karg wirkenden Bilder im Foyer der Bank im Bistum Essen sind reduziert auf das Existenzielle. „Wer auf der Straße lebt, lebt vom Existenziellen, nicht vom Überfluss“, sagte Adveniat-Geschäftsführer Prälat Bernd Klaschka in seinem Grußwort zur Eröffnung der Adveniat-Ausstellung „São Paulo – meine Heimat“, die noch bis zum 13. Januar 2012 in den Geschäftsräumen der Bank, Gildehofstraße 2, in Essen zu sehen ist. Die Exponate sind allesamt Werke von Obdachlosen aus der brasilianischen Metropole.   Entstanden sind sie im Rahmen der Seelsorge für Obdachlose in São Paulo, die von der Bischöflichen Aktion Adveniat unterstützt wird.
 
Das Kunstprojekt mit den Obdachlosen entstand 2008 durch eine Kooperation mit der Staatlichen Pinakothek São Paulo, die nur einen Steinwurf weit von der Gemeinde entfernt liegt. Die Zusammenarbeit will Obdachlosen einen Zugang zur Kunst eröffnen. Wöchentliche Workshops und Besuche im Kunsthaus münden in künstlerischem Arbeiten der Obdachlosen. Ein Jahr nach Beginn der Zusammenarbeit präsentierte die Pinakothek Werke der Obdachlosen unter dem Titel „Convivencia“ - Zusammenleben -  in einer Ausstellung. Ein Teil der Werke ist jetzt erstmals in Deutschland zu sehen.
 
Die Bilder zeigen, wie Menschen, die auf der Straße leben, ihr Leben, ihre Stadt, ihre Heimat sehen, die häufig als feindliches Wesen wahrgenommen wird. Gleichzeitig geben die Bilder den Menschen ein Forum, die sonst nicht gesehen, nicht gehört werden. „Die Obdachlosen in Brasilien werden häufig als Müll bezeichnet. Von der Bevölkerung werden sie nicht nur übersehen, sie stören auch“, erklärt der Prälat. Das Kunstprojekt der Obdachlosen-Gemeinde bietet diesen Menschen eine Perspektive. „Die Bilder machen sie zu einmaligen Personen, die wahrgenommen werden“, sagt Hedwig Knist. Die aus Deutschland stammende Gemeindereferentin arbeitet seit 1997 in der Obdachlosengemeinde von São Paulo. Die Arbeit mit unterschiedlichen Techniken wie Gravur, Holzschnitt, Kreide und Siebdruck stelle eine Herausforderung dar, eine Tätigkeit, der die Obdachlosen regelmäßig nachgehen könnten, so Knist. Das Ergebnis findet Beachtung: „Ich bin beeindruckt von der Ausdrucksweise der Holzschnitte. Das ist keine naive, das ist gekonnte Malerei in vielen Variationen“, sagt Maria Sommerhäuser, eine Besucherin der Ausstellung.
 

Ausdruck des Hungers, der Sehnsucht, der Suche nach Heimat

Die Reduzierung der Bilder auf das Wesentliche spricht eine deutliche Sprache. In ihrer einfachen klaren Ausdrucksweise machen sie den Betrachter nachdenklich. Sie sind Ausdruck des Hungers, der Sehnsucht, der Suche nach Heimat, auch nach Gott. Dabei hat jeder Künstler seinen eigenen Blick, sein eigenes Thema. Denn hinter diesen Bildern stehen Namen, Gesichter und Lebensgeschichten. Hedwig Knist kennt sie alle.

Da ist Ernani Pereira Cándido. Er ist sehr krank, hat eine neurologische Störung, dauerhafte Kopfschmerzen, Wirbelsäulenschäden und ist ein Meister des Holzschnitts. Eduardo Santos de Oliveira lebte im Waisenhaus, obwohl er Familie hatte. Er kam durch das Kunstprojekt in die Zeitung, wurde von seinen Angehörigen erkannt und lebt jetzt wieder bei ihnen. Paolo Henrique de Souza Barbarosa ist HIV-krank, kann gut kochen, arbeitet in der Gemeindeküche und hat den Siebdruck für sich entdeckt. „Andere der Künstler sind schon nicht mehr bei uns. Es ist ein tägliches Kommen und Gehen. Doch einige kommen auch schon viele Jahre regelmäßig zu uns“, erzählt Knist.
 
Neben dem Tagesangebot finden die Obdachlosen in der Notunterkunft auch einen Schlafplatz. „Doch die Obdachlosen brauchen nicht nur Kleidung, Dusche und ein Bett. Sie brauchen auch Gemeinschaft, Gebet, Bibellesen“, sagt Knist. Ob solche Projekte den Menschen eine Zukunft fern von der Straße ermöglichen, das weiß sie nicht. „Wir versuchen einfach für sie da zu sein: mit ihnen zu leben, nicht nachtragend zu sein, und nach einem Konflikt am nächsten Tag immer wieder neu anzufangen.“
 
Geöffnet ist die Ausstellung montags bis donnerstags, 8.30 bis 17.30 Uhr, und freitags von 8.30 bis 15.00 Uhr. (rk/do)

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