Die Rolle der Kirche im deutsch-polnischen Versöhnungsprozess

Podiumsdiskussion in der Akademie „Die Wolfsburg“ beleuchtete den besonderen Beitrag des Ruhrbistums und Partnerschaften, die Menschen in den beiden ehemals verfeindeten Ländern bis heute verbinden.

Besondere Rolle des Bistums Essen

„Wir vergeben und bitten um Vergebung“. Mit diesen Worten in einem Brief wandten sich im November 1965 am Rande des Zweiten Vatikanischen Konzils die polnischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder und setzten damit eine langsame Annäherung der beiden Länder in Gang. Anlässlich des 50-jährigen Jubiläums dieses Briefwechsels beleuchteten Historiker und Zeitzeugen in einer von Dr. Jens Oboth moderierten Tagung in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim die deutsch-polnische Aussöhnungsinitiativen im Bistum Essen.

Briefwechsel als Vorbild für andere Versöhnungsprozesse

Der verstorbene Papst Johannes Paul II. nannte den Briefwechsel einen Pionierschritt und eine „prophetische Botschaft“, wenngleich sich die Kontakte und Beziehungen nur mühsam entwickelten, wie der ehemalige Direktor der Bonner Kommission für Zeitgeschichte, Professor Karl-Joseph Hummel, erläuterte. Auch Dr. Urszula Pekala vom Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Mainz erklärte, dass der Briefwechsel vor allem in den letzten zwei Jahrzehnten eine Vorbildrolle für andere Versöhnungsprozesse in Europa und weltweit erlangt habe. Wichtig sei dabei vor allem die Motivation aus der christlichen Idee der Versöhnung und damit verbunden das Engagement christlicher Institutionen und Einzelpersonen.

Deutsch-polnisches Zusammenleben an der Ruhr

Die wichtige Rolle des Ruhrbistums und seines Bischofs Franz Hengsbach in dem durch den Briefwechsel angestoßenen Prozess unterstrich Dr. Severin-Erwin Gawlitta vom Essener Bistumsarchiv. Seit der Mitte des 19. Jahrhunderts waren im Zuge der Industrialisierung Tausende polnische Arbeiter ins Ruhrgebiet gekommen. Mit dem Hinweis auf die gemeinsame friedliche Vergangenheit von Deutschen und Polen im Ruhrgebiet appellierte Hengsbach im Februar 1966 an die Gläubigen, sich um ein geschwisterliches Verhältnis zu bemühen und Verständigung zu suchen. Nicht im Revanchismus, sondern in einem zukunftsgewandten Miteinander sei eine Versöhnung zu erreichen.

Versöhnung ist kein Selbstläufer

Einig waren sich Experten und Zeitzeugen darin, dass Versöhnung kein Selbstläufer ist. Jede Generation müsse aktiv Zeichen der Versöhnung setzen und die Beziehungen immer neu pflegen. Im Jahr 1981 war es die „Polenhilfe“ des Bistums Essen, die ein solches Zeichen setzte: Das unter Kriegsrecht stehende Polen litt unter Versorgungsengpässen, der Bevölkerung fehlten Lebensmittel und Medikamente. Angestoßen durch Bischof Hengsbach organisierte Rudi Löffelsend, zu dieser Zeit Referent für Auslandshilfe bei der Caritas im Bistum Essen, unzählige Hilfstransporte nach Polen. „Es gab einen regelrechten Wettbewerb in den Pfarreien, wer die meisten Spenden sammelt“, erklärte Löffelsend. Wichtig sei auch hier vor allem das Engagement einzelner Personen vor Ort gewesen.

Berthold Rose, Leiter der Abteilung Weltkirche und Mission im Bistum Essen, benannte auch Probleme: „Wo Menschen ihr Engagement beenden, schlafen Beziehungen ein“. Das sei nicht vermeidbar und auch zwischen den Partnerbistümern Essen und Kattowitz von Zeit zu Zeit der Fall gewesen. Chancen für ein Aufleben der Partnerschaft sieht er unter anderem durch den Weltjugendtag, der im kommenden Sommer in Krakau stattfindet und junge Menschen neu für die Partnerschaft zwischen Deutschland und Polen begeistern könnte: „Der Wert der Beziehungen liegt nicht in den großen Entwürfen, sondern in der persönlichen Begegnung und im Austausch“.

Partnerschaft gelingt nur mit gemeinsamen Inhalten

Dass es neben der Begegnung aber auch gemeinsame Inhalte auf beiden Seiten geben muss, verdeutlichte Klaudia Rudersdorf, Vorsitzende des Kolpingwerk-Diözesanverbandes Essen, der seit über 20 Jahren eine Partnerschaft mit dem Kolpingwerk Polen unterhält. „Sich nur kennenzulernen, reicht nicht. Man muss auch gemeinsame Inhalte haben. Vor 20 Jahren haben wir Aufbauhilfe für das polnische Kolpingwerk geleistet. Heute sind wir an einem Punkt, an dem wir auf Augenhöhe gemeinsam Europa gestalten wollen“. (lk)

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