von Christoph Grätz

Die aktuelle Armutsdebatte hilft den Armen nicht

Caritas-Generalsekretär Cremer wirbt in der „Wolfsburg“ für eine Versachlichung der Diskussion. Bundesweit sei die Armutsentwicklung seit 2005 annährend stabil – dennoch bleibe Armut ein drängendes Problem, gerade im Ruhrgebiet.

Diskussion „Die tief zerklüftete Republik - Armut in Deutschland“

Caritas-Generalsekretär Prof. Dr. Georg Cremer wirbt für eine Versachlichung der Armutsdebatte. „Wenn wir die reflexartigen Reaktionen auf die Armuts- und Reichtumsberichterstattung sehen, könnte man den Eindruck gewinnen, Deutschland sei nicht nur Export-, sondern vor allem Verelendungsweltmeister“, sagte Cremer am Donnerstagabend bei einer Diskussion in der Katholischen Akademie „Die Wolfsburg“ in Mülheim. „Diese Armutsdebatte hilft vor allem einer Gruppe nicht: den Armen“, so der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbandes. Unter dem Titel „Die tief zerklüftete Republik - Armut in Deutschland“ debattierte Cremer mit Vertretern aus Politik, Wirtschaft und Caritas. Er wendet sich vor allem gegen eine Rhetorik vom zerklüfteten Land und der sozialen Schere, die immer weiter auseinandergehe. Skandalisierungen seien deshalb so gefährlich, weil sie die Mittelschicht, die für eine stabile Gesellschaft so wichtig sei, verängstige und verunsichere. „Abstiegsängste der gesellschaftlichen Mitte gehen zu Lasten der Armen“, so Cremer.

Nicht durch Skandalisierung Stimmung machen

Wohlfahrtsverbände – auch die Caritas – hätten die Aufgabe, ihre Finger in gesellschaftliche Wunden wie Armut, Ungerechtigkeit und mangelnde Teilhabe zu legen. Aber es sei wichtig, dabei bei den Fakten zu bleiben und nicht durch Skandalisierung Stimmung zu machen. Direkt Bezug nahm Cremer auf das vielfach besprochene Buch „Verteilungskampf“ des Präsidenten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Marcel Fratzscher. Er teile nicht die Sichtweise, die soziale Marktwirtschaft in Deutschland existiere nicht mehr. Auch wandte sich Cremer gegen die Aussage, es werde in Deutschland zu viel umverteilt. So wichtig mehr Chancengerechtigkeit sei, ein leistungsfähiges Transfersystem sei unverzichtbar. Cremer erklärte in seinem Impulsvortrag, wie Einkommensarmut in Deutschland berechnet würde, und dass es sich hier um einen relativen Begriff handele. 

„Armut bleibt ein drängendes Problem“

„Sicher ist das Ruhrgebiet besonders stark betroffen von Armut, insbesondere Stadtteile, die mit krassen sozialen Problemen kämpfen“, räumte Cremer ein. Insgesamt sei die Situation aber in Deutschland seit etwa 2005 annähernd stabil, was die Armutsentwicklung angehe. „Das ist sicher kein Grund, zufrieden zu sein“, kommentierte Cremer. Armut bleibe ein drängendes Problem.

Auch die generelle Kritik an Hartz-IV teilt der Generalsekretär des Deutschen Caritasverbands nicht. Die vergleichsweise höhere Zunahme der Armut in Deutschland sei in den Jahren vor der Einführung der Reform, also vor 2005, zu verzeichnen gewesen. Cremer forderte von der Politik, besondere Armutsrisikogruppen im Blick zu behalten wie etwa Langzeitarbeitslose, Alleinerziehende, gering Qualifizierte, Wohnungslose und Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität. Ein zunehmendes Problem stelle künftig auch die Altersarmut dar.

Laumann fordert mehr Personal in Schulen

Ein prominent besetztes Podium diskutierte Cremers Vortrag mit den rund 70 Gästen. Staatssekretär Karl-Josef Laumann, CDU-Präsidiumsmitglied und ehemaliger NRW-Sozialminister, etwa betonte, dass Politik nicht auf alle Probleme eine Antwort biete, wie beispielsweise die hohen Scheidungsraten, die nach wie vor ein Armutsrisiko bedeuteten. „Die Politik kann hier nur die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, etwa bei Alleinerziehenden durch den U3-Ausbau, verbessern.“ Laumann bemängelte zudem, dass das Schulsystem unzulänglich sei, weil es keine Zeit für Problemkinder mehr habe. „Es ist ohnehin durch die Abschaffung der Förderschulen und die Anforderungen der Inklusion bis an die Grenze belastet und nun zusätzlich mit den Flüchtlingen. Wir brauchen mehr Personal in unseren Schulen, Lehrer und Sozialarbeiter“, so Laumann.

Lehner: „Wir schaffen Generationen von Armen“

Auf die besondere Armutslage im Ruhrgebiet wies Prof. Dr. Franz Lehner, emeritierter Professor für angewandte Sozialforschung an der Ruhr-Universität Bochum hin. Er bemängelte, dass der Strukturwandel im Ruhrgebiet zum Teil falsch angepackt werde. So würden ehemalige Industriestandorte, an denen viele Tausend Menschen gearbeitet hätten, zu Billiglohnsektoren, wie etwa das Opelgelände in Bochum, auf dem sich DHL angesiedelt hätte. So würden im Ruhrgebiet Problemquartiere geschaffen, in denen „wir über Bildungsungerechtigkeiten Generationen von Arme schaffen.“ Dr. Judith Niehues, Leiterin der Forschungsgruppe Mikrodaten beim Institut der Deutschen Wirtschaft Köln, ergänzte, dass das Ruhrgebiet in nahezu allen Armutsparametern über dem Durchschnitt liege, wie zum Beispiel bei der Hartz-IV-Quote. Es sei ein großes Problem, dass Wohnort und Bildungserfolg von Kindern und Jugendlichen hier besonders krass zusammenhingen. Dr. Jürgen Holtkamp, Leiter der Abteilung Beratung, Erziehung & Familie bei der Caritas im Bistum Essen, verwies darauf, dass Arbeitslosigkeit nach wie vor der Armutsverursacher Nummer eins sei. Sozialer Sprengstoff entstünde, weil ganze Bevölkerungsgruppen sich abgehängt fühlten und in die Selbstisolation gingen.

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