Der Mauerfall im Vatikan

25 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs hat der frühere Diplomat in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl, Prälat Max Eugen Kemper, bei den Essener Kreuzganggesprächen die historischen Entwicklungen noch einmal nachgezeichnet.

Botschaftsrat in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl

Mit Blick auf das 25-jährige Jubiläum des Mauerfalls haben sich die Essener Kreuzganggespräche mit der Frage nach der Rolle Papst Johannes Paul II. rund um den Fall des Eisernen Vorhangs befasst. Als Zeitzeuge beleuchtete Prälat Max Eugen Kemper, ab 1989 Geistlicher Botschaftsrat in der deutschen Botschaft beim Heiligen Stuhl, nicht nur die wechselvollen Monate im Sommer und Herbst des Wendejahres. Vielmehr erläuterte der Diplomat zunächst die Ostpolitik des Vatikans seit dem II. Vatikanischen Konzil (1962-1965). Während die Päpste Johannes XXIII. (1958-1963) und Paul VI. (1963-1978) nach einem „Modus Vivendi“ im Umgang mit den kommunistisch regierten Staaten in Osteuropa gesucht hätten, habe es in dieser Ostpolitik mit Papst Johannes Paul II. einen deutlichen Wandel gegeben. Dem Papst aus Polen wohnte „die tiefe Gewissheit inne, dass die kommunistischen Herrschaftssysteme in Osteuropa auf Dauer nicht von Bestand sein würden“, so Prälat Kemper.

Wandel in der Ostpolitik

Intensiv ging Kemper zudem auf das Engagement Johannes Paul II. in und für Polen ein und beleuchtete die Aktivitäten des Vatikan im Rahmen der Konferenz für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (KSZE). „Es lag keineswegs auf der herkömmlichen Linie des Vatikans, aktiv an hochpolitischen multilateralen Verhandlungsprozessen mitzuwirken“, betonte Kemper. Dass sich der Vatikan dennoch zur Mitarbeit entschlossen und dafür auch hochkarätige Teilnehmer benannt habe, „entsprach der klaren Zielsetzung, auf dem Weg über die Durchsetzung der Menschenrechte im kommunistischen Machtbereich dem System den entscheidenden Schlag zuzufügen“.

Michael Gorbatschow und Johannes Paul II.

Einen weiteren Fokus seines Vortrags widmete Kemper den direkten Verhandlungen zwischen dem Vatikan und der Sowjetunion nach dem Amtsantritt Michail Gorbatschows. Vor allem ein 20-minütiges Vier-Augen-Gespräch zwischen dem Papst und Gorbatschow in Rom – für das Johannes Paul II. zuvor eigens einen Russisch-Intensiv-Kurs belegt habe – „bildete später die Grundlage für das ganz außerordentliche Vertrauensverhältnis zwischen jenen beiden Personen“, so Kemper. Ob die Wahl des polnischen Papstes angesichts der revolutionären Umwälzungen von der Vorsehung bestimmt gewesen sei „mag jeder für sich selbst entscheiden“, so Kemper, „ich selbst bin davon überzeugt“. Zugleich hätten aber auch der Ruf nach Freiheit, Glasnost und Perestrojka zum Fall der kommunistischen Regime geführt, „vor allem aber auch der Bekennermut und das Durchhaltevermögen der katholischen und orthodoxen – und insbesondere im Osten Deutschlands auch der evangelischen – Christen“, betonte der emeritierte Botschaftsrat. (tr)

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