Der letzte Franziskaner

Pater Christoph Höttges prägte 22 Jahre lang das Essener Südostviertel mit und hinterlässt ein wichtiges Erbe.


Pater Christoph Höttges prägte 22 Jahre lang das Essener Südostviertel mit und hinterlässt ein wichtiges Erbe.

Pater Christoph Höttges (OFM) ist tot. Essens einziger Franziskaner starb am Dienstag nach kurzer schwerer Krankheit im Elisabeth-Krankenhaus. Er wurde 74 Jahre alt. Höttges leitete 22 Jahre lang die Franziskaner-Gemeinde Heilig Kreuz an der Franziskanerstraße, seit Anfang 2005 kam auch die Seelsorge für die Kirche St. Michael am Wasserturm dazu. Für die Menschen im Stadtteil war der Geistliche, der bei offiziellen Anlässen auch gerne mal in der franziskanerbraunen Kutte seines Ordens auftrat, „der Pater Christoph“ und ein bekanntes und gern gesehenes Gesicht. Außerdem war der Geistliche auch jahrzehntelang auf Bistums- und Stadtebene für die Kirche tätig – bis 2010 als stellvertretender Vorsitzender des Ordensrates im Ruhrbistum Essen und als Stadtfrauenseelsorger von Essen.

„Ich bin traurig. Wir verlieren einen sehr geschätzten Mitbruder und einen wichtigen Impulsgeber für einen nicht immer unkomplizierten Stadtteil“, würdigt Stadtdechant Dr. Jürgen Cleve, der Chef der Essener Stadtkirche, den Verstorbenen. „Pater Christoph war jemand, der den Menschen Türen geöffnet hat“, bestätigt auch Pfarrer Gerhard Heusch von der Innenstadtgemeinde St. Gertrud, zu der Heilig Kreuz seit der Essener Pfarreien-Neuordnung Anfang 2008 gehört. „Er hat vielen Menschen neue Wege aufgezeigt, innerhalb und außerhalb der Kirche.“ Trauer um den beliebten Seelsorger herrscht auch in Gemeinde und Stadtteil. Einen väterlichen Freund habe man verloren, sagt Werner van Eyll, Mitglied sowohl des Gemeinderates von Heilig Kreuz als auch der Stadtteilinitiative Südostviertel, die Höttges mit begründete: „Wir werden ihn vermissen. Er war einer, der nur für die Menschen da war, und besonders für die Kinder.“

Das Jesuswort von „Lasset die Kindlein zu mir kommen“ hat der Verstorbene immer besonders ernst genommen: Im Kindergarten seiner Gemeinde waren bisweilen Kinder aus bis zu 21 Nationen, die Höttges seelsorglich betreute – wohl mit Erfolg: In der Franziskanergemeinde gab es immer überdurchschnittlich viele Kommunionkinder. Ein Teil von Höttges‘ Erfolg als Seelsorger lag sicher auch darin, dass er ein großes Team von Ehrenamtlichen motivieren konnte, am selben Strick zu ziehen: So organisierte die Gemeinde Heilig Kreuz etwa Ferienfreizeiten, eine Frühstücksbetreuung für eine Schule am Wasserturm, Hausaufgabenbetreuung mit Computernutzung oder offene Kindernachmittage in St. Michael sowie eine Sportförderung für Kinder aus einkommensschwachen Familien. Selbst bei Ausstellungen in der Kirche an der Franziskanerstraße wurde darauf geachtet, dass auch der Bezugspunkt da war für die Kleinsten in der Gemeinde – etwa mit einer Krippendarstellung, bei der Ochs und Esel zum „Reiten“ freigegeben waren, zumindest für ein Foto. Doch auch die anderen Menschen verlor der Pastor von Heilig Kreuz nicht aus dem Blick: So initiierte er einen Mittagstisch speziell für Senioren; ausdrücklich nicht als Suppenküche, sondern als sozialen Treffpunkt – im Gemeindeheim Heilig Kreuz. Es ist der Wunsch nach solcher Gemeindearbeit gewesen, der ihn nach Essen brachte.

Der Ordensmann, den die Menschen im Südostviertel nur als Herrn mit grauem, später weißem Bart und Haupthaar kannten, wurde 1930 als Martin Höttges in Mönchengladbach geboren. Hier hatte auch die rheinische Franziskaner-Provinz ihr Ausbildungshaus. Höttges fand seine Berufung und trat 1959 in den „Ordo fratrum minorum“ ein, wobei er den Namen „Christoph“ annahm. Bei den Franziskanern war er lange in der Erziehung des Nachwuchses tätig. Nach einem schweren Herzinfarkt bat man ihn, die Leitung der Essener Gemeinde zu übernehmen, die 1904 von Franziskanern gegründet wurde. Im Nachhinein steht fest: Seine Zusage verkündete eine große Freude für das Südostviertel – und einen großen Sprung in der Stadtteilarbeit.

Zwischen Schienenstrang und Autobahn

„Ich hab‘ mir gedacht: eine kleine Gemeinde – das kannst Du“, sagte der Seelsorger, der im Viertel zwischen Eisenbahntrasse und A40 auch ein Ideal des heiligen Franz von Assisi umsetzen konnte: konsequente Nähe zu den Menschen. „Ich fahre nicht so gerne Auto, sondern nehme das Rad oder Schusters Rappen,  dann trifft man die Leute.“ Für die, die er traf, war er „der Pater Christoph“, die Menschen im Stadtteil kannten und mochten den einzigen Franziskaner in Essen. So gehörte Höttges zu den Gründungsmitgliedern der Bürgerinitiative Südostviertel. „Wir haben uns gegründet, um Probleme zu beseitigen, die an einer Stelle zwischen einer Gruppe von Libanesen und Deutschen auftraten“, zog der Heilig-Kreuz-Pfarrer Resumee, „und haben diese auch gelöst. Aber dann hatten wir Lust auf mehr bekommen.“ Daraus entstanden ein Bürgerladen und eine Stadtteilkonferenz, „und die wird eher größer statt kleiner“. Mitstreiter fand die Initiative in der Wohnungsbaugesellschaft Allbau, dem Stadtcaritasverband und dem Allgemeinen Sozialdienst (ASD). „Das sind Partner, die wie wir dafür sorgen wollen, dass sich die Lebensqualität im Stadtteil hebt“, konnte sich Höttges über das Erreichte freuen.

Der Geistliche war ein „Weihnachtsgeschenk“ für das Südostviertel – das kann man mit einiger Berechtigung sagen: Der 24. Dezember war Höttges‘ Geburtstdatum - statistisch gesehen als Geburtstag genau so wahrscheinlich wie jeder andere Tag im Jahr, den 29. Februar einmal ausgenommen. Aber ein Datum mit besonderer Magie – auch Pater Christoph sah das so: „Dass ich mich auserwählt fühle, möchte ich nicht sagen. Aber es ist schon eine besondere Ehre, am selben Tag wie der Herr Geburtstag zu haben.“ Vielleicht, weil Weihnachten für ihn nicht nur als Priester, sondern auch persönlich ein wichtiges Datum ist, hat Höttges eine Krippenaktion auf den Weg gebracht - vielleicht sein persönlichster Einsatz: „Es gibt Menschen, die sich mit ihrer Not am liebsten verstecken. Dem versuchen wir auf die Spur zu kommen, immer zu Beginn des Advents, und ganz in unserer Nähe diese Not abzustellen.“ Die Aktion läuft seit fast 20 Jahren; damit erleichterte die Gemeinde etwa einer Familie aus Togo die Rückreise in ihr Heimatland, ermöglichte die Musiktherapie für ein schwerkrankes Kind  oder gab einer sterbenskranken Mutter von fünf kleinen Kindern die Gelegenheit, ein letztes, schönes Weihnachtsfest zu realisieren. Die Erfolge machten den Hirten dann auch stolz auf seine Schäfchen: „Ich hab festgestellt: meine Gemeinde lässt sich ansprechen von dieser Art Not und versucht, gezielt zu helfen.“

Talente sind Geschenke

Diese Art christlicher Hilfe war für den Franziskaner Teil des kirchlichen Selbstverständnisses. „Wir erhalten im Leben Talente und den Auftrag, damit etwas anzufangen“, sagte Höttges. „Für mich bedeutet das: Freu Dich über das, was Dir gelingt. Und das mach‘ ich auch – und gern.“ Die Talente des Seelsorgers erstreckten sich dabei auch bis ins persönliche Detail. „Pater Christoph konnte auch ziemlich gut zeichnen und basteln“, erinnert sich Brigitte Heckenbücker, die langjährige Vorsitzende des Stadtverbandes Essen der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands (KFD). „Weihnachtskarten von ihm waren immer eine Überraschung. Und die schwierigsten theologischen Sachverhalte konnte er so erklären, dass sie jeder verstanden hat – notfalls mit einer Zeichnung.“

Was tatsächlich auch eine Rückkehr war zu Höttges‘ Anfängen als Ausbilder für den Ordensnachwuchs. Und tatsächlich: Ans Aufhören dachte Pater Christoph nach eigenem Bekunden eher ungerne: „Wenn der liebe Gott mich lässt, mach ich weiter, so lange ich kann“, sagte er etwa anlässlich seines 70. Geburtstages. „Denn ich bin gern da  und ich arbeite gerne.“ Dennoch musste sich der Franziskaner in diesem Jahr auch mit seinem Ruhestand auseinandersetzen. Nach seinem 75. Geburtstag am Heiligen Abend wäre er als Pastor entpflichtet worden und in ein Ordenshaus zurückgekehrt – ein Wechsel, auf den Höttges gemeinsam mit der Ordensleitung lange hinplante. Und hier hinterlässt der Verstorbene seiner Gemeinde und dem Stadtteil wohl noch ein letztes großes Geschenk: Eine Fortsetzung der franziskanischen Präsenz im Südostviertel zeichnet sich stark ab. Das Fazit zog Pater Christoph noch selber, im September 2010 anlässlich des 100. Jubiläums der Grundsteinlegung von Heilig Kreuz: „Seit dem 1. Juli gibt es für Deutschland nur noch eine einzige Ordensprovinz mit Sitz in München. Da haben wir uns und unsere Projekte noch einmal vorgestellt, damit klar ist, dass es hier in Essen etwas gibt, das auch von der neuen Provinzleitung weiter verfolgt und vorangebracht werden muss. Und das sieht ganz gut aus. Kann ich, glaube ich, sagen.“ (vvh)

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